In: Acta Germanica 22 Frankfurt Main: Peter Lang (1994): 135-152
  „Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle: sind wir denn nicht Nah-Verwandte?" Nietzsches Argumente gegen den Populismus

Immer wieder betont Nietzsche, daß seine Schriften nur für Wenige bestimmt seien, ja daß seine Leser vielleicht noch gar nicht existierten. (AC, 167) Ist das als bloße Attitüde zu verstehen, mit der Nietzsche sich von der Masse seiner Zeitgenossen, dem „Pöbel" absetzt? Diese antipopulistische Haltung war unter den Intellektuellen seiner Zeit gängig, wie etwa das Zitat Flauberts andeutet: „Die Masse, die Zahl ist immer idiotisch" .(Michel 1965, 102). Renate Werner (1978 II, 87f.) meint, daß die elitäre Kunstkritik der literarischen Avantgarde der späten achtziger und beginnenden neunziger Jahre als „oppositive Denkmöglichkeit angesichts der damals in Deutschland erstmals in aller Schärfe zutage tretenden Probleme einer sich etablierenden Industriegesellschaft im Schwange waren, wobei hinzuzufügen ist, daß es sich durchweg um Spielarten einer konservativen, gegen den ideell-ideologischen wie sozial-institutionellen Prozeß einer allmählichen Demokratisierung gerichteten Kultur-Kritik handelt." Daß die Avantgarde sich dabei auf Nietzsches Polemik gegen die Massen und die Demokratie berief, ist nicht verwunderlich, obwohl ihre Kritik der bürgerlichen Gesellschaft nicht die „Radikalität und Tiefenschärfe" Nietzsches erreichte. (Ebd., 88)

Nimmt Nietzsche in seinen polemischen antipopulistischen Sentenzen aber nicht auch scharfsinnig seine Wirkung vorweg? Zumal er ja tatsächlich von seinen deutschen Zeitgenossen und ihren Nachkommen, die seine Philosophie in den Dienst des Nationalsozialismus zu stellen versuchten, mißverstanden wurde, falls er überhaupt gelesen wurde.1 Allerdings gab es vor dem Faschismus eine kritische und extensive Auseinandersetzung mit Nietzsches Werk: Hugo von Hoffmannsthal, Alfred Döblin, Robert Musil, Thomas und Heinrich Mann, Gottfried Benn deuten das Ausmaß dieser Rezeption in der deutschen Literatur an. So sieht z.B. Thomas Mann (1978 I, 183) Nietzsche als Sprachkünstler, der der deutschen Prosa ganz neue Dimensionen eröffnete: „Er verlieh der deutschen Prosa eine Sensivität, Kunstleichtigkeit, Schönheit, Schärfe, Musikalität, Akzentuiertheit und Leidenschaft - ganz unerhört bis dahin und von unentrinnbarem Einfluß auf jeden, der nach ihm deutsch zu schreiben sich erkühnte."

Eine Neubewertung Nietzsches wurde erst durch die historisch-kritische Gesamtausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari in den späten sechziger Jahren ermöglicht. Bezeichnenderweise gingen die Impulse dieser Neubewertung nicht von Deutschland, sondern von Frankreich und Italien aus. Hängt das damit zusammen, daß die Franzosen und Italiener nicht in demselben Maße wie die Deutschen von dem Stigma des Faschismus belastet waren, und es sich daher leisten konnten, Nietzsche unbefangener zu lesen, oder damit, daß die Deutschen, wie Nietzsche schon behauptete, nicht genau, d.h. philologisch, zu lesen verstanden? Die philologische Lesart sei ihnen von den Priestern, vor allem Luther, ausgetrieben worden.

Haben sich die Voraussetzungen, unter denen Nietzsche verstanden werden kann, also grundlegend verändert, oder hat sich inzwischen eine Gruppe von Lesern herausgebildet, die den Anforderungen Nietzsches genügt? Er nennt folgende geistige und psychologische Voraussetzungen seines idealen Lesers:

Man muß rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur Härte, um auch nur meinen Ernst, meine Leidenschaft auszuhalten. Man muß geübt sein, auf Bergen zu leben - das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht unter sich zu sehn. Man muß gleichgültig geworden sein, man muß nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem Verhängniss wird… Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen Niemand heute den Muth hat; der Muth zum Verbotenen; die Vorherbestimmung zum Labyrinth. Eine Erfahrung aus sieben Einsamkeiten. Neue Ohren für neue Musik. Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene Wahrheiten. Und der Wille zur Ökonomie grossen Stils: seine Kraft, seine Begeisterung beisammen behalten… Die Ehrfurcht vor sich; die Liebe zu sich; die unbedingte Freiheit gegen sich… (AC, 167)

Dieses Zitat enthält Nietzsches anti-populistisches Programm als Schriftsteller und „Philosoph" .Er weiß, daß nur ein paar Auserwählte, falls überhaupt jemand, seinen hohen Anforderungen gewachsen sind. Die Selbstsucht dieser Auserwählten, die er zum Gesetz erhebt, unterscheidet sich von der Selbstsucht der Massen, d.h. der Äußerung ihres politischen Willens, dadurch, daß die Auserwählten sich ihr eigenes Gesetz schaffen, dem sie sich dann aber genauso bedingungslos unterwerfen, als wäre es ein despotisches. Darin liegt ihre Einzigartigkeit, während die Masse sich einem Gesetz unterwirft, das auf einem allgemeinen Konsensus beruht oder ihnen von oben her aufgezwungen wird. Dieses demokratische oder despotische Gesetz kann aber nur die Mittelmäßigkeit garantieren. Es bringt daher den Durchschnittsmenschen hervor. Nietzsche sieht ein dialektisches Verhältnis zwischen dem allgemeinen und dem individuellen Gesetz, oder zwischen dem Durchschnittsmenschen und dem Genie (das er ausschließlich als „männlich" kennzeichnet, worauf ich noch zurückkommen werde). Dem liegt ein hierarchisches Konzept von Kultur zugrunde. Die breite Masse der Mittelmäßigen, zu denen Nietzsche auch die Spezialisten zählt, die nur eine ausgeprägte Fähigkeit besitzen, ermöglicht die Entfaltung des überdurchschnittlich Begabten, des Genies. Die Masse bildet also die Grundlage der Kultur-Pyramide. Zugleich heben die Auserwählten aber das Niveau des Durchschnittsmenschen an, indem ihr eigenes Gesetz zum allgemeinen Gesetz wird. Dadurch wird das Gesetz des Einzelnen und der Masse historisch relativiert. Nietzsche schreibt dem Genie einen ungeheuren Willen zur Macht zu, der ihn von den Zwängen der Vergangenheit befreien und die Zukunft bestimmen soll. Dieser Wille wird durch Adjektive wie „hart", „scharf", „hoch" und „kalt" umschrieben. In dieser Härte gegen sich selbst und die Masse ist aber auch eine ambivalente destruktive-kreative Lust enthalten, die Nietzsche als Seligkeit bezeichnet: „Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz, - härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart allein ist das Edelste." (GD, 161)

Was Nietzsche somit scheinbar verachtet, ist das Weiche, Nachgiebige, Feminine, Kranke, das er unter die Begriffe der Demokratie und der décadence subsumiert. Zur Décadence gehören alle Symptome der Auflösung einer hierarchischen, aristokratischen Ordnung; d.h. die gesamte Moderne als kulturelles Phänomen. Nietzsche verwendet den Begriff der décadence seit seiner Lektüre Paul Bourgets im Winter 1883/84 (Borchmeyer 1989, 85) jedoch nicht mehr im herkömmlichen abwertenden Sinne. Borchmeyer (1989, 88) zufolge ist die décadence für Nietzsche nun „ein polarisierender Begriff, der alles, was er bezeichnet, ins Zwielicht rückt, jede eindeutige Wertung ausschließt" .(Borchmeyer 1986, 179) Trotzdem lasse sich eine Wertung erkennen, die von Nietzsches jeweiliger Perspektive abhänge: „Je nachdem, welchen Aspekt Nietzsche ins Auge faßt, ob er die Décadence an der Gegenwart mißt, in der sie absolut notwendig ist, an der 'klassischen' Vergangenheit, von der aus betrachtet sie 'Verfall' ist, oder an der Zukunft, in der sie durch das wiederaufsteigende Leben aufgehoben wird, wechseln die Wertungsvorzeichen" .(Borchmeyer 1989, 93) Die Ansätze des Verfalls der aristokratischen Werte siedelt Nietzsche bereits in der sokratischen Dialektik und später im Christentum an. Von hier aus zieht er eine Linie über Kant und Hegel zur Demokratie und zum aufkommenden Sozialismus seiner Zeit. Er sieht sich selbst als ein décadent, der versucht, über seine Zeit hinauszuweisen und eine neue Wertehierarchie aufzustellen. Daraus geht seine ambivalente Haltung zur Gegenwart hervor. Er schreibt:

Und damit ich keinen Zweifel darüber lasse, was ich verachte, wen ich verachte: der Mensch von heute ist es, der Mensch, mit dem ich verhängnisvoll gleichzeitig bin. Der Mensch von heute - ich ersticke an seinem unreinen Athem… Gegen das Vergangene bin ich, gleich allen Erkennenden, von einer grossen Toleranz, das heisst grossmüthigen Selbstbezwingung: ich gehe durch die Irrenhaus-Welt ganzer Jahrtausende, heisse sie nun 'Christentum', 'christlicher Glaube', 'christliche Kirche' mit einer düsteren Vorsicht hindurch, - ich hüte mich, die Menschheit für ihre Geisteskrankheiten verantwortlich zu machen. Aber mein Gefühl schlägt um, bricht heraus, sobald ich in die neuere Zeit, in unsre Zeit eintrete. Unsre Zeit ist wissend… Was ehemals bloss krank war, heute ward es unanständig, - es ist unanständig, heute Christ zu sein. Und hier beginnt mein Ekel. - Ich sehe mich um: es ist kein Wort von dem mehr übrig geblieben, was ehemals 'Wahrheit' hiess, wir halten es nicht einmal mehr aus, wenn ein Priester das Wort 'Wahrheit' in den Mund nimmt. (AC, 209f.)

Nietzsche wirft seinen Zeitgenossen vor, daß ihr ganzes Wissen sie nicht davor bewahren konnte, auf dieselben Lügen und Vorurteile wie ihre Vorfahren hereinzufallen. Daher könnten sie sich aber auch der Vergangenheit gegenüber keines Fortschritts rühmen. Nietzsche bezieht sich wohl vor allem auf die Geisteswissenschaften im Zuge der Aufklärung, die die Vernunft zur Grundlage alles Handelns machen wollten und dabei die Realität aus dem Auge verloren. „Realität" bedeutet für Nietzsche aber das, was der Theorie entgeht, nämlich der Körper und die Triebe. Da die Triebe sich in einem ständigen Fluß befinden, lassen sie sich nicht auf vereinheitlichende Konzepte wie „Subjekt" oder „Objekt" fixieren. Diese Opposition scheint Nietzsche völlig zu verwerfen. Er ist sich jedoch darüber im klaren, daß auch Begriffe wie „Realität", „Körper" und „Triebe" sprachliche Konstrukte sind und nicht einfach auf das Ding selbst verweisen. Die „Wahrheit" sprechen wäre demnach der Versuch, das, was der Sprache ständig entflieht, in den Griff zu bekommen, was im Grunde ein absurdes Verlangen ist. Dennoch sieht Nietzsche sein höchstes Ziel als „Philosoph" darin, die „Wahrheit" zu sagen, auch wenn diese „Wahrheit" auf einem Mangel der Sprache (nicht der „Realität", die er als Überfluß definiert) beruht. Sie ist niemals als Ganzes sichtbar, sondern immer nur als Teil, der von der jeweiligen Perspektive des Subjekts bedingt ist. Nietzsche führt somit Begriffe der Optik in die Philosophie ein, um ihre Erkenntnisse zu relativieren. Er weist auf die blinden Flecken der Philosophie im Zuge der Aufklärung hin (Kant, Hegel, selbst Schopenhauer), d.h. auf ihre unreflektierten Glaubenssätze. Geht Nietzsche damit hinter die Aufklärung zurück, oder überwindet er sie? Welche Implikationen haben die jeweiligen Positionen für Nietzsches Einstellung zum Populismus?

Die erste Position würde zu einer Verherrlichung der aristokratischen oder oligarchischen Ordnungen der Vergangenheit führen, z.B. der antiken griechischen „Demokratie", in der nur die einheimischen, freien Männer der Stadt ihre Beamten wählen und auf dem Markt politische Entscheidungen fällen durften. Auswärtige, Frauen und Sklaven waren von dieser Form der Mitbestimmung ausgeschlossen, obwohl sie durch ihre Arbeit zum Reichtum der Stadt beitrugen. Das Wahlrecht galt als Privileg der Wenigen, durch Geburt und Stand gewährleistet, und nicht als grundlegendes Menschenrecht wie es die Ideologie des bürgerlichen demokratischen Staates will. Nietzsches Auffassung zufolge liegt jedem System, selbst dem demokratischen, ein Herrschaftsverhältnis zugrunde, ob es sich um den Gegensatz von freien Athenern und Sklaven oder von Bürgern und Arbeitern handelt. Er bejaht diese sozialen Unterschiede als Ausdruck des Willens zur Macht, obwohl er die antike Form der Demokratie der modernen bürgerlichen vorzuziehen scheint.2 An der bürgerlichen Demokratie setzt Nietzsche aus, daß sie das Mittelmaß, aber nicht den überdurchschnittlich Begabten fördert.3 Zwischen Nietzsches Affirmation des Lebens (nicht des Bestehenden) und seiner Kritik an der Gegenwart öffnet sich ein Widerspruch, der sich vielleicht durch die Frage „Wie kann der Einzelne sein höchstes Potential erreichen?" umschreiben ließe.4

Die zweite Position, die Überwindung der Aufklärung, enthält ein befreiendes Moment, weil sie von der Unmöglichkeit ausgeht, für „die Masse" oder „die Menschheit" zu sprechen. Indem das Subjekt für die „die Masse" oder „die Menschheit" spricht, setzt es sich von ihr ab, d.h. es entsteht ein Machtunterschied. Um sprechen zu können, verurteilt das Subjekt die anderen zum Schweigen. Damit nimmt es die Position der Autorität ein. Der Diskurs der Aufklärung verwischt die Grenze zwischen dem sprechenden Subjekt und den schweigenden anderen, indem er sich auf eine außerdiskursive „objektive Wahrheit" beruft. Das Subjekt, das sich dem Diskurs unterwirft und ihn beherrscht, spricht also nicht bloß seine Meinung aus, sondern die „objektive Wahrheit" äußert sich unmittelbar in ihm. Die Identität des Zeichens und des Bezeichneten wird somit durch das sprechende Subjekt gewährleistet. Nietzsche entlarvt diese Konstitution des Subjekts als eine Fiktion, die dem modernen, demokratischen Staat zugrundeliegt. Das Bürgertum regiert im Namen der „Menschheit" und legitimiert somit seine Herrschaft sowohl über das Proletariat als auch über die Wenigen, die Genies.

Für Nietzsche sind der moderne Staat und das Christentum untrennbar verknüpft (Vgl. Kaufmann 1974, 184). In der bürgerlichen Demokratie sieht er die Herrschaft der Vielen, der Sklaven, über die Wenigen, die eigentlich einen Anspruch auf Herrschaft hätten, da sie die überdurchschnittliche Begabung (sowohl geistig als auch körperlich) dazu besitzen. Nietzsches Begriff der Macht schließt ein biologistisches Moment ein. Er meint, daß die Sklaven kein hohes Maß an Kultur hervorbringen könnten, da sie in ihrem Instinkt vom Ressentiment gegen alles Privilegierte geprägt seien. Um jedoch neue Werte setzen zu können, müsse man im Instinkt aktiv sein, d.h. über einen gesunden Körper und Verstand verfügen. Die von Natur aus Privilegierten sind also dazu vorherbestimmt, zu regieren. Die Zu-Kurz-Gekommenen rächen sich an den Privilegierten, indem sie das Mittelmaß als einzigen Maßstab gelten lassen.5 Die moderne bürgerliche Demokratie bewahrt somit die prästabilisierte Harmonie der Mittelmäßigkeit.

Im Christentum sieht Nietzsche das Ressentiment und die Rache der niederen Stände und der Kranken, Mißratenen zur Moral erhoben. Die Aufwertung der Nächstenliebe und des Mitleids impliziert die Verneinung der gesunden, selbsterhaltenden Instinkte. Mitleiden heißt, die Grenzen zwischen den Starken und den Schwachen verwischen, den gesunden Körper von dem kranken anstecken lassen. Dadurch findet eine Schwächung und Verweichlichung des Willens zur Macht statt, den Nietzsche als Instinkt begreift. Der Christ will nicht die Krankheit heilen, denn er verachtet den Körper und die Instinkte. Sie gelten ihm als sündig, dämonisch und müssen durch den Tod gesühnt werden. Erst jenseits des Todes ist eine Erlösung vom Leiden als Versöhnung zwischen Mensch und Gott möglich. Nietzsche zufolge ist die christliche Umwertung der aristokratischen Werte Symptom eines kulturellen Wahnsinns, der décadence.

Er unterscheidet zwischen der Praxis des Evangeliums, wie Christus es lebte, und dem Dogma des Christentums, das erst von Paulus begründet wurde. Der milde, sanfte Umgang Christi selbst mit seinen Feinden widerspreche der Rache und dem Ressentiment gegen die Reichen und Mächtigen, das erst von Paulus zum Dogma erhoben wurde. Nietzsche meint daher, daß Christus eher buddhistisch als christlich gehandelt habe. Das Christentum als Lehre gehe aber erst aus der Notwendigkeit hervor, den sinnlosen Tod Christi am Kreuz zu interpretieren. Der Tod eines einfachen Verbrechers forderte den Glauben der Apostel heraus. Wie konnte Gott es zulassen, daß sein Sohn starb? Sie deuteten den Tod Christi also als einen Opfertod, der alle weiteren Opfer aufwog: Gottes auserwählter Sohn starb für die Sünden der gesamten Menschheit. Dieser unverständliche, grausame Akt wird also als Zeichen der Liebe gedeutet. Nietzsche fällt auf diese Interpretation nicht herein, die mit allen Regeln der Vernunft bricht, sondern behauptet, daß sich Gott durch den Opfertod seines Sohnes selbst ans Kreuz nageln ließ. Christi Tod markiert somit den Tod Gottes. Dadurch entlarvt Nietzsche den nihilistischen Grundzug des Christentums, denn wenn Gott nicht existiert, warum hofft der Mensch dann noch auf eine Erlösung im Jenseits? Nietzsche meint, daß Paulus und später die christlichen Priester die gesunden, aristokratischen Werte auf den Kopf stellen mußten, um dem Tod Christi einen Sinn zu verleihen. Dafür wählten sie sich als Verbündete die Armen, Kranken, die Zu-Kurz-Gekommenen. Die Priester stehen an der Spitze des Sklavenaufstands in der Moral und lenken das Ressentiment der Masse. In ihnen sieht Nietzsche den Prototyp des décadents. Nietzsche zitiert Paulus (1 Cor. 1, 20ff), den er den „grössten aller Apostel der Rache" nennt, um diese These zu belegen:

Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht? Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch thörichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben. Nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen. Sondern was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, dass er die Weisen zu Schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, dass er zu Schanden mache, was stark ist. Und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da Nichts ist, dass er zu nichte mache, was etwas ist. Auf dass sich vor ihm kein Fleisch rühme. (in AC, 223)

Nietzsche argumentiert, daß die philosophische Tradition des Sokratismus der Instinktverirrung des Christentums zuvorkam, und daß diese beiden Traditionen sich gegenseitig verstärkten, um den Verfall der aristokratischen Werte zu beschleunigen. In der sokratischen Dialektik und Ironie sieht er das Mittel der Schwachen, die Stärkeren zu überlisten, indem sie die Grenzen der Kategorien verwischen, die den Werten zugrundeliegen. Sie enthält somit den Keim zum Aufstand gegen die bestehende Ordnung. Sokrates, der seiner Herkunft nach zum niedersten Volk gehört, markiert eine Wende in der Antike:

Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor Allem wird damit ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie stellten bloss. Man warnte die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man allem solchen Präsentiren seiner Gründe. (GD, 69)

Nietzsche sieht in der Dialektik die Rache der Schwachen gegen die Starken, Privilegierten, da sie sie zum Nachweis ihrer Intelligenz zwingt, aber auch eine neue Form des Agon, des Wettstreits, der die Hellenen faszinierte, denn „er brachte eine Variante in den Ringkampf zwischen jungen Männern und Jünglingen" .(GD, 71) Diese Faszination sei eine erotische.

Nietzsche macht Sokrates nicht für die Degeneration verantwortlich, die bereits in Athen reif war. Er meint jedoch, daß die sokratische Formel „Vernunft = Tugend = Glück" diese Notlage nicht bekämpfen konnte.

Es ist ein Selbstbetrug seitens der Philosophen und Moralisten, damit schon aus der décadence herauszutreten, dass sie gegen dieselbe den Krieg machen. Das Heraustreten steht ausserhalb ihrer Kraft: was sie als Mittel, als Rettung wählen, ist selbst nur wieder ein Ausdruck der décadence — sie verändern deren Ausdruck, sie schaffen sie selbst nicht weg. Sokrates war ein Missverständniss; die ganze christliche Besserungs-Moral, auch die christliche, war ein Missverständniss… Das grellste Tageslicht, die Vernünftigkeit um jeden Preis, das Leben hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt, im Widerstand gegen Instinkte war selbst nur eine Krankheit, eine andre Krankheit — und durchaus kein Rückweg zur 'Tugend', zur 'Gesundheit', zum 'Glück'… Die Instinkte bekämpfen müssen — das ist die Formel für décadence: so lange das Leben aufsteigt, ist Glück gleich Instinkt. — (GD, 72f.)

Nietzsches Verwendung des Begriffspaars „Gesundheit-Krankheit" scheint ein metaphysischer Begriff der Physiologie zugrundezuliegen. Inwiefern können geistig-moralische Wertvorstellungen Ursache von Krankheiten sein? Verwechselt Nietzsche hier nicht gesellschaftlich-historische Vorgänge mit physiologischen? Nietzsche definiert den Körper jedoch auf eine eigensinnige Weise, weder rein empiristisch, noch im herkömmlichen metaphysischen Sinne, demzufolge der Körper sich vom Geist unterscheidet. Vielmehr sieht Nietzsche den Körper als ein Feld teils sich widersprechender und teils zusammestimmender Reize, eine Einsicht Freuds über die Konstitution des Ichs vorwegnehmend: „Das alte Wort 'Wille' dient nur dazu, eine Resultante zu bezeichnen, eine Art individueller Reaktion, die nothwendig auf eine Menge theils widersprechender, theils zusammenstimmender Reize folgt: - der Wille 'wirkt' nicht mehr, 'bewegt' nicht mehr ..." (AC, 180) Aus dieser Perspektive stellt der Geist einen Fehlgriff der Natur dar: „das Bewusstwerden, der 'Geist', gilt uns gerade als Symptom einer relativen Unvollkommenheit des Organismus, als ein Versuchen, Tasten, Fehlgreifen, als eine Mühsal, bei der unnöthig viel Nervenkraft verbraucht wird, - wir leugnen, daß irgend Etwas vollkommen gemacht werden kann, so lange es noch bewusst gemacht wird." (AC, 181)

Somit kann es aber auch nicht als ein moralischer Mangel des Durchschnittsmenschen verstanden werden, wenn er reaktiv denkt und handelt. Nietzsche zeigt nur die biologischen, philosophischen und religiösen Prozesse auf, die zur Situation der décadence führten und eine Möglichkeit, sie zu überwinden. Borchmeyer (1989, 85) leitet aus Nietzsches Definition des Willens eine Dialektik zwischen Stärke und Schwäche, Fortschritt und décadence ab:

Dem von der Stärke diktierten Darwinschen Selektionsprinzip tritt die Schwäche als Bedingung der Möglichkeit des Fortschritts gegenüber. Schwäche verstanden als moralische wie physische Einbuße und Abnormität. In ihren semantischen Umkreis gehören 'Abartung', 'Entartung', 'Verstümmelung', 'Wunde', 'Krankheit', 'Laster' .Die sittliche und körperliche Schwäche ist die felix culpa des Fortschritts - freilich nur, solange das Gemeinwesen als ganzes Kraft genug besitzt, sie zu verkraften, solange es ihr nicht gelingt, sich zu verabsolutieren und die Stabilität der allgemeinen Grundsätze außer Kraft zu setzen. Die schwächere Natur ist die zartere und freiere, das letztere, weil sie sich nicht dem gesellschaftlichen Konsensus beugt, das erstere, weil durch die angegriffene Physis, durch das gestörte Gleichgewicht der körperlichen und geistigen Kräfte eben diese sich emanzipieren und 'veredeln' .

Als Begleiterscheinungen der Demokratie greift Nietzsche den Feminismus und den Sozialismus an. Der Vorstoß der Frauen in die ehemals männlichen Bereiche der Kunst und der Wissenschaft zerstört die reine Kontemplation des Wahren und Schönen, das die Frauen repräsentieren. Der Künstler oder Philosoph verhüllt die Wahrheit oder Realität mit dem schönen Schleier, um sie von sich zu distanzieren und damit besser beherrschen zu können. In einem Abschnitt voller Gedankenstriche und Ellipsen, die Nietzsches Sprachlosigkeit und Empörung angesichts der emanzipierten Frau andeuten, reflektiert er das Verhältnis der Frau zur Wahrheit:

Ist es nicht vom schlechtesten Geschmacke, wenn das Weib sich dergestalt anschickt, wissenschaftlich zu werden? Bisher war glücklicher Weise das Aufklären Männer-Sache, Männer-Gabe - man blieb damit „unter sich"; und man darf sich zuletzt, bei Allem, was Weiber über das „Weib" schreiben, ein gutes Misstrauen vorbehalten, ob das Weib über sich selbst eigentlich Aufklärung will - und wollen kann..… Wenn ein Weib nicht damit einen neuen Putz für sich sucht - ich denke doch, das Sich-Putzen gehört zum Ewig-Weiblichen? - nun, so will es vor sich Furcht erregen: - es will damit vielleicht Herrschaft. Aber es will nicht Wahrheit! Nichts ist von Anbeginn an dem Weib fremder, widriger, feindlicher als Wahrheit, - seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit. (JGB, 171)

Wenn sich diese Wahrheit nun aber selbst als Schein, als Lüge entlarvt? Wird die Opposition von Wahrheit und Schein dann nicht hinfällig? Derrida argumentiert, daß dies eine Konsequenz des Eintritts der Frau in das männliche Spiel der Repräsentation sei: „Denn wenn die Frau Wahrheit ist, weiß sie, daß es die Wahrheit nicht gibt, daß die Wahrheit nicht stattfindet und daß man die Wahrheit nicht hat. Und sie ist Frau, insofern sie ihrerseits nicht an die Wahrheit glaubt, also an das, was sie ist, an das, was man glaubt, daß sie sei, das sie also nicht ist." (Derrida 1986, 136) Die Teilnahme der Frau am männlichen Diskurs entlarvt die männliche Kunst und Philosophie als das was sie ist, aber nicht sein will: Arbeit oder Schauspiel. Die Wissenschaft wird zu einer Anhäufung und Auswertung von Fakten, von Spezialisten betrieben, die im Dienste aller, des Staates, arbeiten, während die Kunst zum Schauspiel und die Künstler zu Schauspielern werden, die vorgeben, zu wissen, wovon sie reden. Als hervorragendstes Beispiel dafür gilt Nietzsche Wagner.

Nietzsche bejaht die Frau als Nicht-Wahrheit, die die männlichen Repräsentationen ihrer selbst verlachen würde. Er beneidet sie um ihre Fülle, um ihre Fähigkeit zu gebären. Sie sei das eigentlich produktive Geschlecht, das der scheinbaren Produktionen der Männer, der Kunst und Philosophie, nicht bedürfe. Er bezeichnet die Künstler und Philosophen aber auch als männliche Mütter. Alison Ainley macht darauf aufmerksam, daß Nietzsche durch die Metapher der Schwangerschaft die Einheit des philosophischen Subjekts subvertiert: „Hence the singular, full presence which is the lynchpin and promulgator of phallophilosophy is potentially put into question by the symbolism of pregnancy. The suppression of that which is different and diverse in pregnancy - the laughing, desiring, orgasmic mother - has ensured the continuity of the patrilinear descent, the father's name, through successive generations, which is a relation of sameness." (Ainley 1988, 124f.)

Es scheint so, als ob Nietzsche die Position der Frau einnimmt, während er den umgekehrten Prozeß bei den Feministinnen kritisiert, nämlich die Identifikation mit der männlichen Rolle. Derrida stellt Nietzsches vermeintliche Frauenfeindlichkeit so dar:

„Und wirklich sind die Frauenrechtlerinnen, gegen die Nietzsche seinen Sarkasmus vervielfacht, Männer. Der Feminismus ist das Verfahren, durch das die Frau dem Mann, dem dogmatischen Philosophen ähneln will, indem sie die Wahrheit, die Wissenschaft, die Objektivität fordert, das heißt zusammen mit der gesamten männlichen Illusion, auch den Kastrationseffekt, der ihr anhaftet. Der Feminismus will die Kastration - auch der Frau. Verliert den Stil." (Derrida 1986, 140)

Das könnte (in Nietzsches und Derridas Fall) als Bestätigung des „weiblichen Wesens" als Unterpfand des phallozentrischen Diskurses gelesen werden, oder aber als Dekonstruktion eben dieses Diskurses. Wie kann man/frau diesen Diskurs aber dekonstruieren, ohne ihn erst zu beherrschen, oder ist diese Herrschaft selbst eine Täuschung? Wer täuscht wen?

Nietzsche setzt der Erkenntnis der „reinen, objektiven Wahrheit" seine eigene, im Negativen umrissene Art zu verstehen entgegen, wie Klossowski (28) meint: „ridere, lugere, detestari - verlachen, beklagen, verwünschen" .Daran knüpft Klossowski die Frage an:

Aber was ist eine Wissenschaft, die lacht, klagt und verwünscht? Eine pathetische Erkenntnis? Unser Pathos erkennt, aber wir können an seiner Erkenntnisform nie teilhaben. Für Nietzsche entspricht jeder geistige Akt nur einer Änderung der Stimmungslage; dem Pathos aber einen absoluten Wert zuzusprechen, würde die Unparteilichkeit des Erkennenden zerstören, während man doch vom erreichten Grad der Unparteilichkeit aus die Unparteilichkeit selber in Frage gestellt hat. (Klossowski, 28)

Wenn die Wahrheit einem Trieb entspringt, kann das Subjekt sie nicht für sich in Anspruch nehmen. Sie kann aber auch niemals eine objektive, „unparteiliche" sein, weil sie Ausdruck eines Triebes zur Herrschaft ist, der ganz bestimmte Ziele erreichen will. Das Subjekt kann sie höchstens verschleiern als allgemeine „Wahrheit", um andere Subjekte von ihr zu überzeugen und somit zu beherrschen. Das Subjekt wird jedoch selbst von dem Trieb zur Wahrheit beherrscht. Obwohl die „unparteiliche Wahrheit" einen Irrtum darstellt, da der Instinkt nicht über sich selbst hinausgelangen kann, ist dieser Irrtum lebenserhaltend, da er ein zielgerichtetes Handeln ermöglicht, auch wenn dieses Ziel den Erwerb von Macht bedeutet.

Als Kehrseite des zahmen Durchschnittsmenschen in der modernen Demokratie sieht Nietzsche im Sozialismus die Herrschaft des ungebändigten Arbeiters, der um so strengere Gesetze aufstellt, als er die Macht zum ersten Mal probiert. Als Schreckensvision schwebt Nietzsche die „Pariser Kommune und die Entwicklung der sozialistischen Massenparteien, besonders in Deutschland, sowie Art und Erfolg des bürgerlichen Kampfes gegen sie" (Lukács 1962, 11) vor.6 Dabei sieht er in der Herrschaft des Proletariats, gemäß der bürgerlichen Ideologie, eine bloße Terrorschaft, wie aus dem folgenden Zitat hervorgeht: „Und nun! Entsetzen! Gerade der 'Arbeiter' ist gefährlich geworden! Es wimmelt von 'gefährlichen Individuen' !Und hinter ihnen die Gefahr der Gefahren - das Individuum!" (MR, 154) Die Masse der Arbeiter kann man verachten, da sie form- und lenkbar ist, aber sobald sie sich zu einem revolutionären Subjekt herausbildet, wird sie bedrohlich. In dem Abschnitt „Der Staat als Erzeugniss der Anarchisten" wird die Angst vor einem Arbeiterstaat besonders scharf formuliert:

In den Ländern der gebändigten Menschen giebt es immer noch genug von den rückständigen und ungebändigten: augenblicklich sammeln sie sich in den socialistischen Lagern mehr als irgendwo anders. Sollte es dazu kommen, dass diese einmal Gesetze geben, so kann man darauf rechnen, dass sie sich an eine eiserne Kette legen und furchtbare Disciplin üben werden: - sie kennen sich! Und sie werden diese Gesetze aushalten, im Bewusstsein, dass sie selber dieselben gegeben haben, - das Gefühl der Macht, und dieser Macht, ist zu jung und entzückend für sie, als dass sie nicht Alles um seinetwillen litten." (MR, 159f.)

Das impliziert, daß Nietzsche das Reich Bismarcks trotz der Mängel, die er in seinen Tiraden gegen Deutschland identifiziert, als Rückhalt sieht, von dem aus er seine Attacken gegen die sozialistische Revolution führen kann. Er zieht somit die alte Macht, die décadence, der jungen Macht vor.

Nietzsche schien 1871 mehr über die Zerstörung der „herrlichsten Kunstwerke" der europäischen Kultur als über die Zerschlagung der Pariser Kommune erschrocken gewesen zu sein, wie aus einem Brief an Carl von Gersdorff vom 21 Juni 1871 hervorgeht. Dennoch verurteilt er nicht einfach das Ereignis, sondern sieht es als Symptom einer „allgemeinen Schuld" .Er schreibt:

Als ich von dem Pariser Brande vernahm, so war ich für einige Tage völlig vernichtet und aufgelöst in Thränen und Zweifeln: die ganze wissenschaftliche und philosophisch-künstlerische Existenz erschien mir als eine Absurdität, wenn ein einzelner Tag die herrlichsten Kunstwerke, ja ganze Perioden der Kunst austilgen konnte; ich klammerte mich mit ernster Überzeugung an den metaphysischen Werth der Kunst, die der armen Menschen wegen nicht da sein kann, sondern höhere Missionen zu erfüllen hat. Aber auch bei meinem höchsten Schmerz war ich nicht im Stande, einen Stein auf jene Frevler zu werfen, die mir nur Träger einer allgemeinen Schuld waren, über die viel zu denken ist! (B 3, 204)

Dagegen ist Flauberts Urteil über die Pariser Kommune sehr viel entschiedener. Er scheint das Vorgehen der Armee zu unterstützen und kein Mitleid für die Kommunarden zu verspüren. In einem Brief an George Sand von 1871 breitet er seine Gedanken zu einer aristokratischen Ordnung aus, an deren Spitze die Gelehrten, die Mandarins stehen sollen:

Was die im Verröcheln liegende Commune angeht, so ist das die letzte Bekundung des Mittelalters. Die letzte? Hoffen wir es! Ich hasse die Demokratie… An was soll man glauben? An nichts! Das ist der Beginn der Weisheit. Es war Zeit, sich der Prinzipien zu entledigen und in die Wissenschaft, die Untersuchung einzutreten. Das einzige Vernünftige (ich komme immer wieder darauf zurück) ist eine Regierung von Mandarins, vorausgesetzt, daß die Mandarins etwas wissen und sogar sehr viel wissen. Das Volk ist ewig minderjährig, und es wird immer (in der Hierarchie der sozialen Elemente) an letzter Stelle stehen, da es die Zahl, die Masse, das Unbegrenzte ist. Es ist nicht sehr wichtig, ob viele Bauern lesen können und nicht mehr auf ihre Pfarrer hören, aber es ist von unendlich großer Bedeutung, daß Männer wie Rénan oder Littré leben können und man auf sie hört. Unser Heil liegt jetzt in einer legitimen Aristokratie, ich verstehe darunter eine Mehrheit, die sich aus etwas anderem als aus Zahlen zusammensetzt. (nach Michel 1965, 102)

Darin äußert eine romantische Form des Anti-Kapitalismus, die sowohl den Arbeiter als auch den Unternehmer als die Kehrseite des gleichen „vulgären" Mechanismus der Gewinnsucht sieht. Dieser Auffassung zufolge hat der Unternehmer keine besonderen „angeborenen" Fähigkeiten, die ihn vom Arbeiter unterscheiden. Das Geld gilt in dieser „vornehmen" Wertehierarchie nicht als auszeichnendes Merkmal. Dazu schreibt Nietzsche:

Vom Mangel der vornehmen Form. - Soldaten und Führer haben immer noch ein viel höheres Verhalten zu einander, als Arbeiter und Arbeitgeber. Einstweilen wenigstens steht alle militärisch begründete Cultur noch hoch über aller sogenannten industriellen Cultur: letztere in ihrer jetzigen Gestalt ist überhaupt die gemeinste Daseinsform, die es bisher gegeben hat. Hier wirkt einfach das Gesetz der Noth: man will leben und muss sich verkaufen, aber man verachtet Den, der diese Noth ausnützt und sich den Arbeiter kauft. Es ist seltsam, dass die Unterwerfung unter mächtige, furchterregende, ja schreckliche Personen, unter Tyrannen und Heerführer, bei Weitem nicht so peinlich empfunden wird, als diese Unterwerfung unter unbekannte und uninteressante Personen, wie es alle Grössen der Industrie sind: in dem Arbeitgeber sieht der Arbeiter gewöhnlich nur einen listigen, aussaugenden, auf alle Noth speculierenden Hund von Menschen, dessen Name, Gestalt, Sitte und Ruf ihm ganz gleichgültig sind. Den Fabricanten und Gross-Unternehmern des Handels fehlten bisher wahrscheinlich allzusehr alle jene Formen und Abzeichen der höheren Rasse, welche erst die Personen interessant werden lassen; hätten sie die Vornehmheit des Geburts-Adels im Blick und in der Gebärde, so gäbe es vielleicht keinen Socialismus der Massen. Denn diese sind im Grunde bereit zur Sclaverei jeder Art, vorausgesetzt, dass der Höhere über ihnen sich beständig als höher, als zum Befehlen geboren legitimiert — durch die vornehme Form! Der gemeinste Mann fühlt, dass die Vornehmheit nicht zu improvisieren ist und dass er in ihr die Frucht langer Zeiten zu ehren hat, — aber die Abwesenheit der höheren Form und die berüchtigte Fabricanten-Vulgarität mit rothen, feisten Händen, bringen ihn auf den Gedanken, dass nur Zufall und Glück hier den Einen über den Anderen erhoben habe: wohlan, so schliesst er bei sich, versuchen wir einmal den Zufall und das Glück! Werfen wir einmal die Würfel! — und der Socialismus beginnt. (FRW, 407f.)

Döblin moniert, daß Nietzsche zwar die „Verspießerungstendenz" bei den deutschen Sozialisten sah, aber nicht ihren „kämpferischen, ewig revolutionäre(n) Charakter" und urteilt: „Gegen den Elan dieser Ideen sind seine eigenen Lehren höchst abseits, muffig und Stubenweisheit." (1978 I, 243f.) Er gesteht Nietzsche dennoch zu, daß er zwischendurch einmal auf unübertroffene Weise gesagt habe, was der wirkliche Sozialismus zu betreiben habe:

Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit und ebenso als Reaktion die Friedenspartei. Eine Partei des Friedens, ohne Sentimentalität, welche sich und ihren Kindern verbietet, Krieg zu führen, verbietet, sich der Gerichte zu bedienen, welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich heraufbeschwört, eine Partei der Unterdrückten, alsbald die große Partei. Gegnerisch gegen Rache und Rachegefühle. (nach Döblin, ebd.)

Nietzsches Argumente gegen den Populismus bilden kein in sich geschlossenes System: Sie bestehen aus Aphorismen, die mal die eine, mal die andere Seite des Problems beleuchten. Widersprüche und Extreme werden nicht aufgehoben, sondern in ihrer ganzen Schärfe ausgestellt. Peter Pütz (1978 II, 145) formuliert das so: „Es ist schwer, eine systematische Ordnung in die Fülle seiner Gedanken zu bringen. Nietzsche mag sein Urteil noch so apodiktisch formulieren - an anderer Stelle widerruft er es und behauptet das genaue Gegenteil. Einheitlichkeit ist auch dann nicht zu finden, wenn man sich auf begrenzte Themen, etwa die der Ästhetik beschränkt" .Ebenso verhält es sich mit Nietzsches Äußerungen zur Demokratie und zum Volk. Er verzichtet auf die historisierende Darstellung der Demokratie: So betrachtet er sie einmal im Kontext der griechischen Antike und dann wieder im zeitgenössischen Kontext des verspäteten deutschen Nationalstaats, der die Überreste des Feudalismus noch nicht ganz abgeworfen hat. Er sieht die Geschichte nicht als eine lineare, teleologische Entwicklung, sondern als einen genealogischen Prozeß, der sowohl biologische als auch kulturelle Aspekte einschließt. Je nach seiner Perspektive erscheinen die antike und die moderne Demokratie, der Fortschritt und die décadence, der Arbeiterstaat und der Feminismus in einem positiven oder negativen Licht. Henry Staten (1990, 9) bezeichnet diese psychodialektische Struktur als „double investment", d.h. daß entgegengesetzte libidinöse Energien in Nietzsches Texten parallel geschaltet sind.

Anmerkungen

1 Als Hauptvertreter der Präfaschismus-Theorie sei hier Lukács erwähnt, der Nietzsche in dem WerkDie Zerstörung der Vernunft selbst zum Begründer des Nihilismus und der décadence erklärt. Damit unterschlägt er das Ambivalente an Nietzsches décadence-Begriff und setzt ihn in starre Opposition zu seinem klassizistischen ästhetischen Ideal, das er für den Sozialismus zu retten versucht. Obwohl Jost Hermand (148) sich von Lukács distanziert, reagiert er doch irritiert auf marxistische Annäherungen an Nietzsche: „Man kann doch nicht Nietzsche einerseits als exquisiten Prosakünstler hochjubeln - und ihn andererseits als gewalttätigen Präfaschisten verdammen [...] Und obendrein: Wer kann sich heute noch ästhetisch an Dingen erfreuen, die durch den Faschismus, die brutalste Terrorherrschaft des 20. Jahrhunderts, total korrumpiert worden sind?" Hermand (ebd.) meint, daß Nietzsche junge Leser zu „Hochmut, Brutalität, Sexismus, Massenhaß, Arbeiterverachtung und Antidemokratismus" verführe, und schlägt Brecht als kulturelles Erbe vor. Dabei unterschlägt er jedoch sexistische Züge bei Brecht. Für eine ausgezeichnete Darstellung der deutschen Nietzsche-Rezeption, siehe Montinari (1979).

2 Walter Kaufmann (1974, 187) weist darauf hin, daß Nietzsche in seiner Schrift Menschliches, Allzumenschliches die Mängel aller bisherigen Demokratien kritisiert und auf eine zukünftige Demokratie hofft, in der soviel Menschen wie möglich unabhängig sein werden.

3 Lukács (1962, 28) argumentiert jedoch überzeugend, daß Nietzsche in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre einen Kompromiß mit der Bismarckschen Demokratie einging, da er in ihr das „wirksamste Gegenmittel gegen den Sozialismus erblickt" .

4 Nietzsche hat den Wert der Geschichte nicht als Entwicklung auf ein Ziel verstanden, sondern in den höchsten Menschen begründet, die sie hervorbrachte. Siehe Kaufmann (1974, 149)

5 Nietzsche zufolge toleriert das Genie jedoch den Mittelmäßigen und zwingt ihm nicht sein eigenes strenges Gesetz auf. (Vgl. Kaufmann 1974, 384)

6 Sloterdijk (1986, 60f.) weist darauf hin, daß sich folgende Betrachtung Nietzsches über den griechischen Chor wie ein sozialistisches Manifest liest: „Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen … Jetzt ist der Sclave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Noth, Willkür und 'freche Mode' zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnisvollen Ur-Einen herumflatterte. Singend und tanzend äussert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit ..." (GT 29f.) Dieser Zauber dauert aber nur für den Augenblick, während der Chor aus der Ferne eine Einheit bildet. Sloterdijk (ebd., 123) meint, daß Nietzsche, wenn auch widerwillig, eine Form der plebejischen Größe anerkennt, und zwar in Anlehnung an Diogenes, den Kyniker.

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