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Warum so hart! - sprach zum
Diamanten einst die Küchen-Kohle: sind wir denn nicht
Nah-Verwandte?" Nietzsches Argumente gegen den
Populismus Immer wieder betont Nietzsche,
daß seine Schriften nur für Wenige bestimmt seien, ja
daß seine Leser vielleicht noch gar nicht existierten. (AC, 167) Ist das als bloße Attitüde zu
verstehen, mit der Nietzsche sich von der Masse seiner
Zeitgenossen, dem Pöbel" absetzt? Diese
antipopulistische Haltung war unter den Intellektuellen
seiner Zeit gängig, wie etwa das Zitat Flauberts
andeutet: Die Masse, die Zahl ist immer
idiotisch" .(Michel 1965, 102). Renate Werner (1978 II, 87f.) meint, daß die elitäre
Kunstkritik der literarischen Avantgarde der späten
achtziger und beginnenden neunziger Jahre als
oppositive Denkmöglichkeit angesichts der damals
in Deutschland erstmals in aller Schärfe zutage
tretenden Probleme einer sich etablierenden
Industriegesellschaft im Schwange waren, wobei
hinzuzufügen ist, daß es sich durchweg um Spielarten
einer konservativen, gegen den ideell-ideologischen wie
sozial-institutionellen Prozeß einer allmählichen
Demokratisierung gerichteten Kultur-Kritik handelt."
Daß die Avantgarde sich dabei auf Nietzsches Polemik
gegen die Massen und die Demokratie berief, ist nicht
verwunderlich, obwohl ihre Kritik der bürgerlichen
Gesellschaft nicht die Radikalität und
Tiefenschärfe" Nietzsches erreichte. (Ebd., 88)
Nimmt Nietzsche in seinen polemischen
antipopulistischen Sentenzen aber nicht auch scharfsinnig
seine Wirkung vorweg? Zumal er ja tatsächlich von seinen
deutschen Zeitgenossen und ihren Nachkommen, die seine
Philosophie in den Dienst des Nationalsozialismus zu
stellen versuchten, mißverstanden wurde, falls er
überhaupt gelesen wurde.1 Allerdings gab es vor dem Faschismus
eine kritische und extensive Auseinandersetzung mit
Nietzsches Werk: Hugo von Hoffmannsthal, Alfred Döblin,
Robert Musil, Thomas und Heinrich Mann, Gottfried Benn
deuten das Ausmaß dieser Rezeption in der deutschen
Literatur an. So sieht z.B. Thomas Mann (1978 I, 183)
Nietzsche als Sprachkünstler, der der deutschen Prosa
ganz neue Dimensionen eröffnete: Er verlieh der
deutschen Prosa eine Sensivität, Kunstleichtigkeit,
Schönheit, Schärfe, Musikalität, Akzentuiertheit und
Leidenschaft - ganz unerhört bis dahin und von
unentrinnbarem Einfluß auf jeden, der nach ihm deutsch
zu schreiben sich erkühnte."
Eine Neubewertung Nietzsches
wurde erst durch die historisch-kritische Gesamtausgabe
von Giorgio Colli und Mazzino Montinari in den späten
sechziger Jahren ermöglicht. Bezeichnenderweise gingen
die Impulse dieser Neubewertung nicht von Deutschland,
sondern von Frankreich und Italien aus. Hängt das damit
zusammen, daß die Franzosen und Italiener nicht in
demselben Maße wie die Deutschen von dem Stigma des
Faschismus belastet waren, und es sich daher leisten
konnten, Nietzsche unbefangener zu lesen, oder damit,
daß die Deutschen, wie Nietzsche schon behauptete, nicht
genau, d.h. philologisch, zu lesen verstanden? Die
philologische Lesart sei ihnen von den Priestern, vor
allem Luther, ausgetrieben worden.
Haben sich die Voraussetzungen,
unter denen Nietzsche verstanden werden kann, also
grundlegend verändert, oder hat sich inzwischen eine
Gruppe von Lesern herausgebildet, die den Anforderungen
Nietzsches genügt? Er nennt folgende geistige und
psychologische Voraussetzungen seines idealen Lesers:
Man muß rechtschaffen sein in
geistigen Dingen bis zur Härte, um auch nur meinen
Ernst, meine Leidenschaft auszuhalten. Man muß geübt
sein, auf Bergen zu leben - das erbärmliche
Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht unter
sich zu sehn. Man muß gleichgültig geworden sein, man
muß nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem
Verhängniss wird
Eine Vorliebe der Stärke für
Fragen, zu denen Niemand heute den Muth hat; der Muth zum
Verbotenen; die Vorherbestimmung zum Labyrinth. Eine
Erfahrung aus sieben Einsamkeiten. Neue Ohren für neue
Musik. Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen
für bisher stumm gebliebene Wahrheiten. Und der Wille
zur Ökonomie grossen Stils: seine Kraft, seine
Begeisterung beisammen behalten
Die Ehrfurcht vor
sich; die Liebe zu sich; die unbedingte Freiheit gegen
sich
(AC, 167)
Dieses Zitat enthält Nietzsches
anti-populistisches Programm als Schriftsteller und
Philosoph" .Er weiß, daß nur ein paar
Auserwählte, falls überhaupt jemand, seinen hohen
Anforderungen gewachsen sind. Die Selbstsucht dieser
Auserwählten, die er zum Gesetz erhebt, unterscheidet
sich von der Selbstsucht der Massen, d.h. der Äußerung
ihres politischen Willens, dadurch, daß die
Auserwählten sich ihr eigenes Gesetz schaffen, dem sie
sich dann aber genauso bedingungslos unterwerfen, als
wäre es ein despotisches. Darin liegt ihre
Einzigartigkeit, während die Masse sich einem Gesetz
unterwirft, das auf einem allgemeinen Konsensus beruht
oder ihnen von oben her aufgezwungen wird. Dieses
demokratische oder despotische Gesetz kann aber nur die
Mittelmäßigkeit garantieren. Es bringt daher den
Durchschnittsmenschen hervor. Nietzsche sieht ein
dialektisches Verhältnis zwischen dem allgemeinen und
dem individuellen Gesetz, oder zwischen dem
Durchschnittsmenschen und dem Genie (das er
ausschließlich als männlich" kennzeichnet,
worauf ich noch zurückkommen werde). Dem liegt ein
hierarchisches Konzept von Kultur zugrunde. Die breite
Masse der Mittelmäßigen, zu denen Nietzsche auch die
Spezialisten zählt, die nur eine ausgeprägte
Fähigkeit besitzen, ermöglicht die Entfaltung des
überdurchschnittlich Begabten, des Genies. Die Masse
bildet also die Grundlage der Kultur-Pyramide. Zugleich
heben die Auserwählten aber das Niveau des
Durchschnittsmenschen an, indem ihr eigenes Gesetz zum
allgemeinen Gesetz wird. Dadurch wird das Gesetz des
Einzelnen und der Masse historisch relativiert. Nietzsche
schreibt dem Genie einen ungeheuren Willen zur Macht zu,
der ihn von den Zwängen der Vergangenheit befreien und
die Zukunft bestimmen soll. Dieser Wille wird durch
Adjektive wie hart", scharf",
hoch" und kalt" umschrieben. In
dieser Härte gegen sich selbst und die Masse ist aber
auch eine ambivalente destruktive-kreative Lust
enthalten, die Nietzsche als Seligkeit bezeichnet:
Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu
schreiben wie auf Erz, - härter als Erz, edler als Erz.
Ganz hart allein ist das Edelste." (GD,
161)
Was Nietzsche somit scheinbar
verachtet, ist das Weiche, Nachgiebige, Feminine, Kranke,
das er unter die Begriffe der Demokratie und der décadence
subsumiert. Zur Décadence gehören alle Symptome der
Auflösung einer hierarchischen, aristokratischen
Ordnung; d.h. die gesamte Moderne als kulturelles
Phänomen. Nietzsche verwendet den Begriff der décadence
seit seiner Lektüre Paul Bourgets im Winter 1883/84
(Borchmeyer 1989, 85) jedoch nicht mehr im herkömmlichen
abwertenden Sinne. Borchmeyer (1989, 88) zufolge ist die décadence
für Nietzsche nun ein polarisierender Begriff, der
alles, was er bezeichnet, ins Zwielicht rückt, jede
eindeutige Wertung ausschließt" .(Borchmeyer 1986, 179)
Trotzdem lasse sich eine Wertung erkennen, die von
Nietzsches jeweiliger Perspektive abhänge: Je
nachdem, welchen Aspekt Nietzsche ins Auge faßt, ob er
die Décadence an der Gegenwart mißt, in der sie absolut
notwendig ist, an der 'klassischen' Vergangenheit, von
der aus betrachtet sie 'Verfall' ist, oder an der
Zukunft, in der sie durch das wiederaufsteigende Leben
aufgehoben wird, wechseln die Wertungsvorzeichen"
.(Borchmeyer 1989, 93) Die Ansätze des Verfalls der
aristokratischen Werte siedelt Nietzsche bereits in der
sokratischen Dialektik und später im Christentum an. Von
hier aus zieht er eine Linie über Kant und Hegel zur
Demokratie und zum aufkommenden Sozialismus seiner Zeit.
Er sieht sich selbst als ein décadent, der
versucht, über seine Zeit hinauszuweisen und eine neue
Wertehierarchie aufzustellen. Daraus geht seine
ambivalente Haltung zur Gegenwart hervor. Er schreibt:
Und damit ich keinen Zweifel
darüber lasse, was ich verachte, wen ich verachte: der
Mensch von heute ist es, der Mensch, mit dem ich
verhängnisvoll gleichzeitig bin. Der Mensch von heute -
ich ersticke an seinem unreinen Athem
Gegen das
Vergangene bin ich, gleich allen Erkennenden, von einer
grossen Toleranz, das heisst grossmüthigen
Selbstbezwingung: ich gehe durch die Irrenhaus-Welt
ganzer Jahrtausende, heisse sie nun 'Christentum',
'christlicher Glaube', 'christliche Kirche' mit einer
düsteren Vorsicht hindurch, - ich hüte mich, die
Menschheit für ihre Geisteskrankheiten verantwortlich zu
machen. Aber mein Gefühl schlägt um, bricht heraus,
sobald ich in die neuere Zeit, in unsre Zeit eintrete.
Unsre Zeit ist wissend
Was ehemals bloss krank war,
heute ward es unanständig, - es ist unanständig, heute
Christ zu sein. Und hier beginnt mein Ekel. - Ich sehe
mich um: es ist kein Wort von dem mehr übrig geblieben,
was ehemals 'Wahrheit' hiess, wir halten es nicht einmal
mehr aus, wenn ein Priester das Wort 'Wahrheit' in den
Mund nimmt. (AC, 209f.)
Nietzsche wirft seinen
Zeitgenossen vor, daß ihr ganzes Wissen sie nicht davor
bewahren konnte, auf dieselben Lügen und Vorurteile wie
ihre Vorfahren hereinzufallen. Daher könnten sie sich
aber auch der Vergangenheit gegenüber keines
Fortschritts rühmen. Nietzsche bezieht sich wohl vor
allem auf die Geisteswissenschaften im Zuge der
Aufklärung, die die Vernunft zur Grundlage alles
Handelns machen wollten und dabei die Realität aus dem
Auge verloren. Realität" bedeutet für
Nietzsche aber das, was der Theorie entgeht, nämlich der
Körper und die Triebe. Da die Triebe sich in einem
ständigen Fluß befinden, lassen sie sich nicht auf
vereinheitlichende Konzepte wie Subjekt" oder
Objekt" fixieren. Diese Opposition scheint
Nietzsche völlig zu verwerfen. Er ist sich jedoch
darüber im klaren, daß auch Begriffe wie
Realität", Körper" und
Triebe" sprachliche Konstrukte sind und nicht
einfach auf das Ding selbst verweisen. Die
Wahrheit" sprechen wäre demnach der Versuch,
das, was der Sprache ständig entflieht, in den Griff zu
bekommen, was im Grunde ein absurdes Verlangen ist.
Dennoch sieht Nietzsche sein höchstes Ziel als
Philosoph" darin, die Wahrheit" zu
sagen, auch wenn diese Wahrheit" auf einem
Mangel der Sprache (nicht der Realität", die
er als Überfluß definiert) beruht. Sie ist niemals als
Ganzes sichtbar, sondern immer nur als Teil, der von der
jeweiligen Perspektive des Subjekts bedingt ist.
Nietzsche führt somit Begriffe der Optik in die
Philosophie ein, um ihre Erkenntnisse zu relativieren. Er
weist auf die blinden Flecken der Philosophie im Zuge der
Aufklärung hin (Kant, Hegel, selbst Schopenhauer), d.h.
auf ihre unreflektierten Glaubenssätze. Geht Nietzsche
damit hinter die Aufklärung zurück, oder überwindet er
sie? Welche Implikationen haben die jeweiligen Positionen
für Nietzsches Einstellung zum Populismus?
Die erste Position würde zu
einer Verherrlichung der aristokratischen oder
oligarchischen Ordnungen der Vergangenheit führen, z.B.
der antiken griechischen Demokratie", in der
nur die einheimischen, freien Männer der Stadt ihre
Beamten wählen und auf dem Markt politische
Entscheidungen fällen durften. Auswärtige, Frauen und
Sklaven waren von dieser Form der Mitbestimmung
ausgeschlossen, obwohl sie durch ihre Arbeit zum Reichtum
der Stadt beitrugen. Das Wahlrecht galt als Privileg der
Wenigen, durch Geburt und Stand gewährleistet, und nicht
als grundlegendes Menschenrecht wie es die Ideologie des
bürgerlichen demokratischen Staates will. Nietzsches
Auffassung zufolge liegt jedem System, selbst dem
demokratischen, ein Herrschaftsverhältnis zugrunde, ob
es sich um den Gegensatz von freien Athenern und Sklaven
oder von Bürgern und Arbeitern handelt. Er bejaht diese
sozialen Unterschiede als Ausdruck des Willens zur Macht,
obwohl er die antike Form der Demokratie der modernen
bürgerlichen vorzuziehen scheint.2 An der bürgerlichen Demokratie setzt
Nietzsche aus, daß sie das Mittelmaß, aber nicht den
überdurchschnittlich Begabten fördert.3
Zwischen Nietzsches Affirmation des Lebens (nicht des
Bestehenden) und seiner Kritik an der Gegenwart öffnet
sich ein Widerspruch, der sich vielleicht durch die Frage
Wie kann der Einzelne sein höchstes Potential
erreichen?" umschreiben ließe.4
Die zweite Position, die
Überwindung der Aufklärung, enthält ein befreiendes
Moment, weil sie von der Unmöglichkeit ausgeht, für
die Masse" oder die Menschheit" zu
sprechen. Indem das Subjekt für die die
Masse" oder die Menschheit" spricht,
setzt es sich von ihr ab, d.h. es entsteht ein
Machtunterschied. Um sprechen zu können, verurteilt das
Subjekt die anderen zum Schweigen. Damit nimmt es die
Position der Autorität ein. Der Diskurs der Aufklärung
verwischt die Grenze zwischen dem sprechenden Subjekt und
den schweigenden anderen, indem er sich auf eine
außerdiskursive objektive Wahrheit" beruft.
Das Subjekt, das sich dem Diskurs unterwirft und ihn
beherrscht, spricht also nicht bloß seine Meinung aus,
sondern die objektive Wahrheit" äußert sich
unmittelbar in ihm. Die Identität des Zeichens und des
Bezeichneten wird somit durch das sprechende Subjekt
gewährleistet. Nietzsche entlarvt diese Konstitution des
Subjekts als eine Fiktion, die dem modernen,
demokratischen Staat zugrundeliegt. Das Bürgertum
regiert im Namen der Menschheit" und
legitimiert somit seine Herrschaft sowohl über das
Proletariat als auch über die Wenigen, die Genies.
Für Nietzsche sind der moderne
Staat und das Christentum untrennbar verknüpft (Vgl.
Kaufmann 1974, 184). In der bürgerlichen Demokratie
sieht er die Herrschaft der Vielen, der Sklaven, über
die Wenigen, die eigentlich einen Anspruch auf Herrschaft
hätten, da sie die überdurchschnittliche Begabung
(sowohl geistig als auch körperlich) dazu besitzen.
Nietzsches Begriff der Macht schließt ein
biologistisches Moment ein. Er meint, daß die Sklaven
kein hohes Maß an Kultur hervorbringen könnten, da sie
in ihrem Instinkt vom Ressentiment gegen alles
Privilegierte geprägt seien. Um jedoch neue Werte setzen
zu können, müsse man im Instinkt aktiv sein, d.h. über
einen gesunden Körper und Verstand verfügen. Die von
Natur aus Privilegierten sind also dazu vorherbestimmt,
zu regieren. Die Zu-Kurz-Gekommenen rächen sich an den
Privilegierten, indem sie das Mittelmaß als einzigen
Maßstab gelten lassen.5 Die moderne bürgerliche Demokratie
bewahrt somit die prästabilisierte Harmonie der
Mittelmäßigkeit.
Im Christentum sieht Nietzsche
das Ressentiment und die Rache der niederen Stände und
der Kranken, Mißratenen zur Moral erhoben. Die
Aufwertung der Nächstenliebe und des Mitleids impliziert
die Verneinung der gesunden, selbsterhaltenden Instinkte.
Mitleiden heißt, die Grenzen zwischen den Starken und
den Schwachen verwischen, den gesunden Körper von dem
kranken anstecken lassen. Dadurch findet eine Schwächung
und Verweichlichung des Willens zur Macht statt, den
Nietzsche als Instinkt begreift. Der Christ will nicht
die Krankheit heilen, denn er verachtet den Körper und
die Instinkte. Sie gelten ihm als sündig, dämonisch und
müssen durch den Tod gesühnt werden. Erst jenseits des
Todes ist eine Erlösung vom Leiden als Versöhnung
zwischen Mensch und Gott möglich. Nietzsche zufolge ist
die christliche Umwertung der aristokratischen Werte
Symptom eines kulturellen Wahnsinns, der décadence.
Er unterscheidet zwischen der
Praxis des Evangeliums, wie Christus es lebte, und dem
Dogma des Christentums, das erst von Paulus begründet
wurde. Der milde, sanfte Umgang Christi selbst mit seinen
Feinden widerspreche der Rache und dem Ressentiment gegen
die Reichen und Mächtigen, das erst von Paulus zum Dogma
erhoben wurde. Nietzsche meint daher, daß Christus eher
buddhistisch als christlich gehandelt habe. Das
Christentum als Lehre gehe aber erst aus der
Notwendigkeit hervor, den sinnlosen Tod Christi am Kreuz
zu interpretieren. Der Tod eines einfachen Verbrechers
forderte den Glauben der Apostel heraus. Wie konnte Gott
es zulassen, daß sein Sohn starb? Sie deuteten den Tod
Christi also als einen Opfertod, der alle weiteren Opfer
aufwog: Gottes auserwählter Sohn starb für die Sünden
der gesamten Menschheit. Dieser unverständliche,
grausame Akt wird also als Zeichen der Liebe gedeutet.
Nietzsche fällt auf diese Interpretation nicht herein,
die mit allen Regeln der Vernunft bricht, sondern
behauptet, daß sich Gott durch den Opfertod seines
Sohnes selbst ans Kreuz nageln ließ. Christi Tod
markiert somit den Tod Gottes. Dadurch entlarvt Nietzsche
den nihilistischen Grundzug des Christentums, denn wenn
Gott nicht existiert, warum hofft der Mensch dann noch
auf eine Erlösung im Jenseits? Nietzsche meint, daß
Paulus und später die christlichen Priester die
gesunden, aristokratischen Werte auf den Kopf stellen
mußten, um dem Tod Christi einen Sinn zu verleihen.
Dafür wählten sie sich als Verbündete die Armen,
Kranken, die Zu-Kurz-Gekommenen. Die Priester stehen an
der Spitze des Sklavenaufstands in der Moral und lenken
das Ressentiment der Masse. In ihnen sieht Nietzsche den
Prototyp des décadents. Nietzsche zitiert Paulus
(1 Cor. 1, 20ff), den er den grössten aller
Apostel der Rache" nennt, um diese These zu belegen:
Hat nicht Gott die Weisheit
dieser Welt zur Thorheit gemacht? Denn dieweil die Welt
durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht
erkannte, gefiel es Gott wohl, durch thörichte Predigt
selig zu machen die, so daran glauben. Nicht viel Weise
nach dem Fleische, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle
sind berufen. Sondern was thöricht ist vor der Welt, das
hat Gott erwählet, dass er die Weisen zu Schanden mache;
und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet,
dass er zu Schanden mache, was stark ist. Und das Unedle
vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und
das da Nichts ist, dass er zu nichte mache, was etwas
ist. Auf dass sich vor ihm kein Fleisch rühme. (in AC, 223)
Nietzsche argumentiert, daß die
philosophische Tradition des Sokratismus der
Instinktverirrung des Christentums zuvorkam, und daß
diese beiden Traditionen sich gegenseitig verstärkten,
um den Verfall der aristokratischen Werte zu
beschleunigen. In der sokratischen Dialektik und Ironie
sieht er das Mittel der Schwachen, die Stärkeren zu
überlisten, indem sie die Grenzen der Kategorien
verwischen, die den Werten zugrundeliegen. Sie enthält
somit den Keim zum Aufstand gegen die bestehende Ordnung.
Sokrates, der seiner Herkunft nach zum niedersten Volk
gehört, markiert eine Wende in der Antike:
Mit Sokrates schlägt der
griechische Geschmack zu Gunsten der Dialektik um: was
geschieht da eigentlich? Vor Allem wird damit ein
vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der
Dialektik obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten
Gesellschaft die dialektischen Manieren ab: sie galten
als schlechte Manieren, sie stellten bloss. Man warnte
die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man allem solchen
Präsentiren seiner Gründe. (GD,
69)
Nietzsche sieht in der Dialektik
die Rache der Schwachen gegen die Starken,
Privilegierten, da sie sie zum Nachweis ihrer Intelligenz
zwingt, aber auch eine neue Form des Agon, des
Wettstreits, der die Hellenen faszinierte, denn er
brachte eine Variante in den Ringkampf zwischen jungen
Männern und Jünglingen" .(GD, 71) Diese
Faszination sei eine erotische.
Nietzsche macht Sokrates nicht
für die Degeneration verantwortlich, die bereits in
Athen reif war. Er meint jedoch, daß die sokratische
Formel Vernunft = Tugend = Glück" diese
Notlage nicht bekämpfen konnte.
Es ist ein Selbstbetrug seitens
der Philosophen und Moralisten, damit schon aus der
décadence herauszutreten, dass sie gegen dieselbe den
Krieg machen. Das Heraustreten steht ausserhalb ihrer
Kraft: was sie als Mittel, als Rettung wählen, ist
selbst nur wieder ein Ausdruck der décadence sie
verändern deren Ausdruck, sie schaffen sie selbst nicht
weg. Sokrates war ein Missverständniss; die ganze
christliche Besserungs-Moral, auch die christliche, war
ein Missverständniss
Das grellste Tageslicht, die
Vernünftigkeit um jeden Preis, das Leben hell, kalt,
vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt, im Widerstand gegen
Instinkte war selbst nur eine Krankheit, eine andre
Krankheit und durchaus kein Rückweg zur 'Tugend',
zur 'Gesundheit', zum 'Glück'
Die Instinkte
bekämpfen müssen das ist die Formel für
décadence: so lange das Leben aufsteigt, ist Glück
gleich Instinkt. (GD, 72f.)
Nietzsches Verwendung des
Begriffspaars Gesundheit-Krankheit" scheint
ein metaphysischer Begriff der Physiologie
zugrundezuliegen. Inwiefern können geistig-moralische
Wertvorstellungen Ursache von Krankheiten sein?
Verwechselt Nietzsche hier nicht
gesellschaftlich-historische Vorgänge mit
physiologischen? Nietzsche definiert den Körper jedoch
auf eine eigensinnige Weise, weder rein empiristisch,
noch im herkömmlichen metaphysischen Sinne, demzufolge
der Körper sich vom Geist unterscheidet. Vielmehr sieht
Nietzsche den Körper als ein Feld teils sich
widersprechender und teils zusammestimmender Reize, eine
Einsicht Freuds über die Konstitution des Ichs
vorwegnehmend: Das alte Wort 'Wille' dient nur
dazu, eine Resultante zu bezeichnen, eine Art
individueller Reaktion, die nothwendig auf eine Menge
theils widersprechender, theils zusammenstimmender Reize
folgt: - der Wille 'wirkt' nicht mehr, 'bewegt' nicht
mehr ..." (AC, 180) Aus dieser
Perspektive stellt der Geist einen Fehlgriff der Natur
dar: das Bewusstwerden, der 'Geist', gilt uns
gerade als Symptom einer relativen Unvollkommenheit des
Organismus, als ein Versuchen, Tasten, Fehlgreifen, als
eine Mühsal, bei der unnöthig viel Nervenkraft
verbraucht wird, - wir leugnen, daß irgend Etwas
vollkommen gemacht werden kann, so lange es noch bewusst
gemacht wird." (AC, 181)
Somit kann es aber auch nicht als
ein moralischer Mangel des Durchschnittsmenschen
verstanden werden, wenn er reaktiv denkt und handelt.
Nietzsche zeigt nur die biologischen, philosophischen und
religiösen Prozesse auf, die zur Situation der décadence
führten und eine Möglichkeit, sie zu überwinden.
Borchmeyer (1989, 85) leitet aus Nietzsches Definition
des Willens eine Dialektik zwischen Stärke und
Schwäche, Fortschritt und décadence ab:
Dem von der Stärke diktierten
Darwinschen Selektionsprinzip tritt die Schwäche als
Bedingung der Möglichkeit des Fortschritts gegenüber.
Schwäche verstanden als moralische wie physische
Einbuße und Abnormität. In ihren semantischen Umkreis
gehören 'Abartung', 'Entartung', 'Verstümmelung',
'Wunde', 'Krankheit', 'Laster' .Die sittliche und
körperliche Schwäche ist die felix culpa des
Fortschritts - freilich nur, solange das Gemeinwesen als
ganzes Kraft genug besitzt, sie zu verkraften, solange es
ihr nicht gelingt, sich zu verabsolutieren und die
Stabilität der allgemeinen Grundsätze außer Kraft zu
setzen. Die schwächere Natur ist die zartere und
freiere, das letztere, weil sie sich nicht dem
gesellschaftlichen Konsensus beugt, das erstere, weil
durch die angegriffene Physis, durch das gestörte
Gleichgewicht der körperlichen und geistigen Kräfte
eben diese sich emanzipieren und 'veredeln' .
Als Begleiterscheinungen der
Demokratie greift Nietzsche den Feminismus und den
Sozialismus an. Der Vorstoß der Frauen in die ehemals
männlichen Bereiche der Kunst und der Wissenschaft
zerstört die reine Kontemplation des Wahren und
Schönen, das die Frauen repräsentieren. Der Künstler
oder Philosoph verhüllt die Wahrheit oder Realität mit
dem schönen Schleier, um sie von sich zu distanzieren
und damit besser beherrschen zu können. In einem
Abschnitt voller Gedankenstriche und Ellipsen, die
Nietzsches Sprachlosigkeit und Empörung angesichts der
emanzipierten Frau andeuten, reflektiert er das
Verhältnis der Frau zur Wahrheit:
Ist es nicht vom schlechtesten
Geschmacke, wenn das Weib sich dergestalt anschickt,
wissenschaftlich zu werden? Bisher war glücklicher Weise
das Aufklären Männer-Sache, Männer-Gabe - man blieb
damit unter sich"; und man darf sich zuletzt,
bei Allem, was Weiber über das Weib"
schreiben, ein gutes Misstrauen vorbehalten, ob das Weib
über sich selbst eigentlich Aufklärung will - und
wollen kann..
Wenn ein Weib nicht damit einen neuen
Putz für sich sucht - ich denke doch, das Sich-Putzen
gehört zum Ewig-Weiblichen? - nun, so will es vor sich
Furcht erregen: - es will damit vielleicht Herrschaft.
Aber es will nicht Wahrheit! Nichts ist von Anbeginn an
dem Weib fremder, widriger, feindlicher als Wahrheit, -
seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste
Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit. (JGB, 171)
Wenn sich diese Wahrheit nun aber
selbst als Schein, als Lüge entlarvt? Wird die
Opposition von Wahrheit und Schein dann nicht hinfällig?
Derrida argumentiert, daß dies eine Konsequenz des
Eintritts der Frau in das männliche Spiel der
Repräsentation sei: Denn wenn die Frau Wahrheit ist,
weiß sie, daß es die Wahrheit nicht gibt, daß
die Wahrheit nicht stattfindet und daß man die Wahrheit
nicht hat. Und sie ist Frau, insofern sie ihrerseits
nicht an die Wahrheit glaubt, also an das, was sie ist,
an das, was man glaubt, daß sie sei, das sie also nicht
ist." (Derrida 1986, 136) Die Teilnahme der Frau am
männlichen Diskurs entlarvt die männliche Kunst und
Philosophie als das was sie ist, aber nicht sein will:
Arbeit oder Schauspiel. Die Wissenschaft wird zu einer
Anhäufung und Auswertung von Fakten, von Spezialisten
betrieben, die im Dienste aller, des Staates, arbeiten,
während die Kunst zum Schauspiel und die Künstler zu
Schauspielern werden, die vorgeben, zu wissen, wovon sie
reden. Als hervorragendstes Beispiel dafür gilt
Nietzsche Wagner.
Nietzsche bejaht die Frau als
Nicht-Wahrheit, die die männlichen Repräsentationen
ihrer selbst verlachen würde. Er beneidet sie um ihre
Fülle, um ihre Fähigkeit zu gebären. Sie sei das
eigentlich produktive Geschlecht, das der scheinbaren
Produktionen der Männer, der Kunst und Philosophie,
nicht bedürfe. Er bezeichnet die Künstler und
Philosophen aber auch als männliche Mütter. Alison
Ainley macht darauf aufmerksam, daß Nietzsche durch die
Metapher der Schwangerschaft die Einheit des
philosophischen Subjekts subvertiert: Hence the
singular, full presence which is the lynchpin and
promulgator of phallophilosophy is potentially put into
question by the symbolism of pregnancy. The suppression
of that which is different and diverse in pregnancy - the
laughing, desiring, orgasmic mother - has ensured the
continuity of the patrilinear descent, the father's name,
through successive generations, which is a relation of
sameness." (Ainley 1988, 124f.)
Es scheint so, als ob Nietzsche
die Position der Frau einnimmt, während er den
umgekehrten Prozeß bei den Feministinnen kritisiert,
nämlich die Identifikation mit der männlichen Rolle.
Derrida stellt Nietzsches vermeintliche
Frauenfeindlichkeit so dar:
Und wirklich sind die
Frauenrechtlerinnen, gegen die Nietzsche seinen Sarkasmus
vervielfacht, Männer. Der Feminismus ist das Verfahren,
durch das die Frau dem Mann, dem dogmatischen Philosophen
ähneln will, indem sie die Wahrheit, die Wissenschaft,
die Objektivität fordert, das heißt zusammen mit der
gesamten männlichen Illusion, auch den
Kastrationseffekt, der ihr anhaftet. Der Feminismus will
die Kastration - auch der Frau. Verliert den Stil."
(Derrida 1986, 140)
Das könnte (in Nietzsches und
Derridas Fall) als Bestätigung des weiblichen
Wesens" als Unterpfand des phallozentrischen
Diskurses gelesen werden, oder aber als Dekonstruktion
eben dieses Diskurses. Wie kann man/frau diesen Diskurs
aber dekonstruieren, ohne ihn erst zu beherrschen, oder
ist diese Herrschaft selbst eine Täuschung? Wer täuscht
wen?
Nietzsche setzt der Erkenntnis
der reinen, objektiven Wahrheit" seine eigene,
im Negativen umrissene Art zu verstehen entgegen, wie
Klossowski (28) meint: ridere, lugere, detestari
- verlachen, beklagen, verwünschen" .Daran knüpft
Klossowski die Frage an:
Aber was ist eine Wissenschaft,
die lacht, klagt und verwünscht? Eine pathetische
Erkenntnis? Unser Pathos erkennt, aber wir können an
seiner Erkenntnisform nie teilhaben. Für Nietzsche
entspricht jeder geistige Akt nur einer Änderung der
Stimmungslage; dem Pathos aber einen absoluten Wert
zuzusprechen, würde die Unparteilichkeit des Erkennenden
zerstören, während man doch vom erreichten Grad der
Unparteilichkeit aus die Unparteilichkeit selber in Frage
gestellt hat. (Klossowski, 28)
Wenn die Wahrheit einem Trieb
entspringt, kann das Subjekt sie nicht für sich in
Anspruch nehmen. Sie kann aber auch niemals eine
objektive, unparteiliche" sein, weil sie
Ausdruck eines Triebes zur Herrschaft ist, der ganz
bestimmte Ziele erreichen will. Das Subjekt kann sie
höchstens verschleiern als allgemeine
Wahrheit", um andere Subjekte von ihr zu
überzeugen und somit zu beherrschen. Das Subjekt wird
jedoch selbst von dem Trieb zur Wahrheit beherrscht.
Obwohl die unparteiliche Wahrheit" einen
Irrtum darstellt, da der Instinkt nicht über sich selbst
hinausgelangen kann, ist dieser Irrtum lebenserhaltend,
da er ein zielgerichtetes Handeln ermöglicht, auch wenn
dieses Ziel den Erwerb von Macht bedeutet.
Als Kehrseite des zahmen
Durchschnittsmenschen in der modernen Demokratie sieht
Nietzsche im Sozialismus die Herrschaft des
ungebändigten Arbeiters, der um so strengere Gesetze
aufstellt, als er die Macht zum ersten Mal probiert. Als
Schreckensvision schwebt Nietzsche die Pariser
Kommune und die Entwicklung der sozialistischen
Massenparteien, besonders in Deutschland, sowie Art und
Erfolg des bürgerlichen Kampfes gegen sie" (Lukács
1962, 11) vor.6 Dabei sieht er in der Herrschaft des
Proletariats, gemäß der bürgerlichen Ideologie, eine
bloße Terrorschaft, wie aus dem folgenden Zitat
hervorgeht: Und nun! Entsetzen! Gerade der
'Arbeiter' ist gefährlich geworden! Es wimmelt von
'gefährlichen Individuen' !Und hinter ihnen die Gefahr
der Gefahren - das Individuum!" (MR,
154) Die Masse der Arbeiter kann man verachten, da sie
form- und lenkbar ist, aber sobald sie sich zu einem
revolutionären Subjekt herausbildet, wird sie
bedrohlich. In dem Abschnitt Der Staat als
Erzeugniss der Anarchisten" wird die Angst vor einem
Arbeiterstaat besonders scharf formuliert:
In den Ländern der gebändigten
Menschen giebt es immer noch genug von den
rückständigen und ungebändigten: augenblicklich
sammeln sie sich in den socialistischen Lagern mehr als
irgendwo anders. Sollte es dazu kommen, dass diese einmal
Gesetze geben, so kann man darauf rechnen, dass sie sich
an eine eiserne Kette legen und furchtbare Disciplin
üben werden: - sie kennen sich! Und sie werden diese
Gesetze aushalten, im Bewusstsein, dass sie selber
dieselben gegeben haben, - das Gefühl der Macht, und
dieser Macht, ist zu jung und entzückend für sie, als
dass sie nicht Alles um seinetwillen litten." (MR, 159f.)
Das impliziert, daß Nietzsche
das Reich Bismarcks trotz der Mängel, die er in seinen
Tiraden gegen Deutschland identifiziert, als Rückhalt
sieht, von dem aus er seine Attacken gegen die
sozialistische Revolution führen kann. Er zieht somit
die alte Macht, die décadence, der jungen Macht
vor.
Nietzsche schien 1871 mehr über
die Zerstörung der herrlichsten Kunstwerke"
der europäischen Kultur als über die Zerschlagung der
Pariser Kommune erschrocken gewesen zu sein, wie aus
einem Brief an Carl von Gersdorff vom 21 Juni 1871
hervorgeht. Dennoch verurteilt er nicht einfach das
Ereignis, sondern sieht es als Symptom einer
allgemeinen Schuld" .Er schreibt:
Als ich von dem Pariser Brande
vernahm, so war ich für einige Tage völlig vernichtet
und aufgelöst in Thränen und Zweifeln: die ganze
wissenschaftliche und philosophisch-künstlerische
Existenz erschien mir als eine Absurdität, wenn ein
einzelner Tag die herrlichsten Kunstwerke, ja ganze
Perioden der Kunst austilgen konnte; ich klammerte mich
mit ernster Überzeugung an den metaphysischen Werth der
Kunst, die der armen Menschen wegen nicht da sein kann,
sondern höhere Missionen zu erfüllen hat. Aber auch bei
meinem höchsten Schmerz war ich nicht im Stande, einen
Stein auf jene Frevler zu werfen, die mir nur Träger
einer allgemeinen Schuld waren, über die viel zu denken
ist! (B 3, 204)
Dagegen ist Flauberts Urteil
über die Pariser Kommune sehr viel entschiedener. Er
scheint das Vorgehen der Armee zu unterstützen und kein
Mitleid für die Kommunarden zu verspüren. In einem
Brief an George Sand von 1871 breitet er seine Gedanken
zu einer aristokratischen Ordnung aus, an deren Spitze
die Gelehrten, die Mandarins stehen sollen:
Was die im Verröcheln liegende
Commune angeht, so ist das die letzte Bekundung des
Mittelalters. Die letzte? Hoffen wir es! Ich hasse die
Demokratie
An was soll man glauben? An nichts! Das
ist der Beginn der Weisheit. Es war Zeit, sich der
Prinzipien zu entledigen und in die Wissenschaft, die
Untersuchung einzutreten. Das einzige Vernünftige (ich
komme immer wieder darauf zurück) ist eine Regierung von
Mandarins, vorausgesetzt, daß die Mandarins etwas wissen
und sogar sehr viel wissen. Das Volk ist ewig
minderjährig, und es wird immer (in der Hierarchie der
sozialen Elemente) an letzter Stelle stehen, da es die
Zahl, die Masse, das Unbegrenzte ist. Es ist nicht sehr
wichtig, ob viele Bauern lesen können und nicht mehr auf
ihre Pfarrer hören, aber es ist von unendlich großer
Bedeutung, daß Männer wie Rénan oder Littré leben
können und man auf sie hört. Unser Heil liegt jetzt in
einer legitimen Aristokratie, ich verstehe
darunter eine Mehrheit, die sich aus etwas anderem als
aus Zahlen zusammensetzt. (nach Michel 1965, 102)
Darin äußert eine romantische
Form des Anti-Kapitalismus, die sowohl den Arbeiter als
auch den Unternehmer als die Kehrseite des gleichen
vulgären" Mechanismus der Gewinnsucht sieht.
Dieser Auffassung zufolge hat der Unternehmer keine
besonderen angeborenen" Fähigkeiten, die ihn
vom Arbeiter unterscheiden. Das Geld gilt in dieser
vornehmen" Wertehierarchie nicht als
auszeichnendes Merkmal. Dazu schreibt Nietzsche:
Vom Mangel der vornehmen Form. -
Soldaten und Führer haben immer noch ein viel höheres
Verhalten zu einander, als Arbeiter und Arbeitgeber.
Einstweilen wenigstens steht alle militärisch
begründete Cultur noch hoch über aller sogenannten
industriellen Cultur: letztere in ihrer jetzigen Gestalt
ist überhaupt die gemeinste Daseinsform, die es bisher
gegeben hat. Hier wirkt einfach das Gesetz der Noth: man
will leben und muss sich verkaufen, aber man verachtet
Den, der diese Noth ausnützt und sich den Arbeiter
kauft. Es ist seltsam, dass die Unterwerfung unter
mächtige, furchterregende, ja schreckliche Personen,
unter Tyrannen und Heerführer, bei Weitem nicht so
peinlich empfunden wird, als diese Unterwerfung unter
unbekannte und uninteressante Personen, wie es alle
Grössen der Industrie sind: in dem Arbeitgeber sieht der
Arbeiter gewöhnlich nur einen listigen, aussaugenden,
auf alle Noth speculierenden Hund von Menschen, dessen
Name, Gestalt, Sitte und Ruf ihm ganz gleichgültig sind.
Den Fabricanten und Gross-Unternehmern des Handels
fehlten bisher wahrscheinlich allzusehr alle jene Formen
und Abzeichen der höheren Rasse, welche erst die
Personen interessant werden lassen; hätten sie die
Vornehmheit des Geburts-Adels im Blick und in der
Gebärde, so gäbe es vielleicht keinen Socialismus der
Massen. Denn diese sind im Grunde bereit zur Sclaverei
jeder Art, vorausgesetzt, dass der Höhere über ihnen
sich beständig als höher, als zum Befehlen geboren
legitimiert durch die vornehme Form! Der gemeinste
Mann fühlt, dass die Vornehmheit nicht zu improvisieren
ist und dass er in ihr die Frucht langer Zeiten zu ehren
hat, aber die Abwesenheit der höheren Form und
die berüchtigte Fabricanten-Vulgarität mit rothen,
feisten Händen, bringen ihn auf den Gedanken, dass nur
Zufall und Glück hier den Einen über den Anderen
erhoben habe: wohlan, so schliesst er bei sich, versuchen
wir einmal den Zufall und das Glück! Werfen wir einmal
die Würfel! und der Socialismus beginnt. (FRW, 407f.)
Döblin moniert, daß Nietzsche
zwar die Verspießerungstendenz" bei den
deutschen Sozialisten sah, aber nicht ihren
kämpferischen, ewig revolutionäre(n)
Charakter" und urteilt: Gegen den Elan dieser
Ideen sind seine eigenen Lehren höchst abseits, muffig
und Stubenweisheit." (1978 I, 243f.) Er gesteht
Nietzsche dennoch zu, daß er zwischendurch einmal auf
unübertroffene Weise gesagt habe, was der wirkliche
Sozialismus zu betreiben habe:
Die wirtschaftliche Einigung
Europas kommt mit Notwendigkeit und ebenso als Reaktion
die Friedenspartei. Eine Partei des Friedens, ohne
Sentimentalität, welche sich und ihren Kindern
verbietet, Krieg zu führen, verbietet, sich der Gerichte
zu bedienen, welche den Kampf, den Widerspruch, die
Verfolgung gegen sich heraufbeschwört, eine Partei der
Unterdrückten, alsbald die große Partei. Gegnerisch
gegen Rache und Rachegefühle. (nach Döblin, ebd.)
Nietzsches Argumente gegen den
Populismus bilden kein in sich geschlossenes System: Sie
bestehen aus Aphorismen, die mal die eine, mal die andere
Seite des Problems beleuchten. Widersprüche und Extreme
werden nicht aufgehoben, sondern in ihrer ganzen Schärfe
ausgestellt. Peter Pütz (1978 II,
145) formuliert das so: Es ist schwer, eine
systematische Ordnung in die Fülle seiner Gedanken zu
bringen. Nietzsche mag sein Urteil noch so apodiktisch
formulieren - an anderer Stelle widerruft er es und
behauptet das genaue Gegenteil. Einheitlichkeit ist auch
dann nicht zu finden, wenn man sich auf begrenzte Themen,
etwa die der Ästhetik beschränkt" .Ebenso verhält
es sich mit Nietzsches Äußerungen zur Demokratie und
zum Volk. Er verzichtet auf die historisierende
Darstellung der Demokratie: So betrachtet er sie einmal
im Kontext der griechischen Antike und dann wieder im
zeitgenössischen Kontext des verspäteten deutschen
Nationalstaats, der die Überreste des Feudalismus noch
nicht ganz abgeworfen hat. Er sieht die Geschichte nicht
als eine lineare, teleologische Entwicklung, sondern als
einen genealogischen Prozeß, der sowohl biologische als
auch kulturelle Aspekte einschließt. Je nach seiner
Perspektive erscheinen die antike und die moderne
Demokratie, der Fortschritt und die décadence,
der Arbeiterstaat und der Feminismus in einem positiven
oder negativen Licht. Henry Staten (1990, 9) bezeichnet
diese psychodialektische Struktur als double
investment", d.h. daß entgegengesetzte libidinöse
Energien in Nietzsches Texten parallel geschaltet sind.
Anmerkungen
1 Als Hauptvertreter der
Präfaschismus-Theorie sei hier Lukács erwähnt, der
Nietzsche in dem WerkDie Zerstörung der Vernunft
selbst zum Begründer des Nihilismus und der décadence
erklärt. Damit unterschlägt er das Ambivalente an
Nietzsches décadence-Begriff und setzt ihn in starre
Opposition zu seinem klassizistischen ästhetischen
Ideal, das er für den Sozialismus zu retten versucht.
Obwohl Jost Hermand (148) sich von Lukács distanziert,
reagiert er doch irritiert auf marxistische Annäherungen
an Nietzsche: Man kann doch nicht Nietzsche
einerseits als exquisiten Prosakünstler hochjubeln - und
ihn andererseits als gewalttätigen Präfaschisten
verdammen [...] Und obendrein: Wer kann sich heute noch
ästhetisch an Dingen erfreuen, die durch den Faschismus,
die brutalste Terrorherrschaft des 20. Jahrhunderts,
total korrumpiert worden sind?" Hermand (ebd.)
meint, daß Nietzsche junge Leser zu Hochmut,
Brutalität, Sexismus, Massenhaß, Arbeiterverachtung und
Antidemokratismus" verführe, und schlägt Brecht
als kulturelles Erbe vor. Dabei unterschlägt er jedoch
sexistische Züge bei Brecht. Für eine ausgezeichnete
Darstellung der deutschen Nietzsche-Rezeption, siehe
Montinari (1979).
2 Walter Kaufmann (1974, 187)
weist darauf hin, daß Nietzsche in seiner Schrift Menschliches,
Allzumenschliches die Mängel aller bisherigen
Demokratien kritisiert und auf eine zukünftige
Demokratie hofft, in der soviel Menschen wie möglich
unabhängig sein werden.
3 Lukács (1962, 28) argumentiert
jedoch überzeugend, daß Nietzsche in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre einen Kompromiß mit der
Bismarckschen Demokratie einging, da er in ihr das
wirksamste Gegenmittel gegen den Sozialismus
erblickt" .
4 Nietzsche hat den Wert der
Geschichte nicht als Entwicklung auf ein Ziel verstanden,
sondern in den höchsten Menschen begründet, die sie
hervorbrachte. Siehe Kaufmann (1974, 149)
5 Nietzsche zufolge toleriert das
Genie jedoch den Mittelmäßigen und zwingt ihm nicht
sein eigenes strenges Gesetz auf. (Vgl. Kaufmann 1974,
384)
6 Sloterdijk (1986, 60f.) weist
darauf hin, daß sich folgende Betrachtung Nietzsches
über den griechischen Chor wie ein sozialistisches
Manifest liest: Unter dem Zauber des Dionysischen
schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und
Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche
oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest
mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen
Jetzt ist
der Sclave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die
starren, feindseligen Abgrenzungen, die Noth, Willkür
und 'freche Mode' zwischen den Menschen festgesetzt
haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie,
fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht nur
vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob
der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in
Fetzen vor dem geheimnisvollen Ur-Einen herumflatterte.
Singend und tanzend äussert sich der Mensch als Mitglied
einer höheren Gemeinsamkeit ..." (GT
29f.) Dieser Zauber dauert aber nur für den Augenblick,
während der Chor aus der Ferne eine Einheit bildet.
Sloterdijk (ebd., 123) meint, daß Nietzsche, wenn auch
widerwillig, eine Form der plebejischen Größe
anerkennt, und zwar in Anlehnung an Diogenes, den
Kyniker.
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