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Sabine Groß: Lesezeichen. Kognition, Medium und Materialität im Leseprozeß.Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994. ISBN 3-534-12475-8 Rezension von Anette Horn In dieser interdisziplinären Arbeit verbindet die LiteraturwissenschaftlerIn und GermanistIn aus Madison (USA), Sabine Groß, Methoden aus der kognitiven Psychologie, Semiotik, Literaturtheorie und Kunstgeschichte, um zu bahnbrechenden Erkenntnissen über das Lesen zu gelangen. In ihrer Analyse literarischer Texte z.B. geht sie von einem Literaturkonzept aus, das den Text nicht einfach als gegebenes Artefakt begreift, sondern als einen Effekt, der im Leseprozeß als "literarisch" konstituiert wird. Damit sprengt sie, ähnlich wie Stanley Fish, den herkömmlichen Unterschied zwischen einer normalen Alltagssprache und einer gehobenen literarischen Sprache. Dieser neue Blick auf das Lesen ermöglicht es, Texte als materielle Objekte wahrzunehmen. Im Gegensatz zu Fish macht Groß dennoch einen Unterschied zwischen literarischen und nicht-literarischen Texten geltend. Sie sieht den wesentlichen Unterschied in einer Verlangsamung des Lesens, die durch "Störfaktoren" im Text hervorgerufen wird. Zu den Störfaktoren zählen alle Abweichungen von der konventionellen Schriftsprache, wie z.B. Gedichte in Bildform (die konkrete Poesie ist das hervorragenste Beispiel), einzelne Buchstaben, die in Bilder umgewandelt werden (z.B. die Verzierung des ersten Buchstabens in mittelalterlichen Texten), aber auch unerwartete oder unpassende Wörter, die entweder nach mehreren Leseversuchen in einer neuen Sinnkonstruktion aufgehen, oder die sich jeder Sinnkonstruktion verweigern. In ihrer Analyse solcher sperrigen Texte von Bertolt Brecht und ernst jandl mit Hilfe freiwilliger LeserInnen, die sich einer Prozedur mit Video, Computer und eye-tracker unterziehen mußten, um ihre Augenbewegungen zu registrieren, kommt Groß zu den produktivsten Erkenntnissen. Sie sind insofern neu, als sich die kognitive Psychologie bisher noch nicht an literarische Texte herangewagt hat, ebenso wie die Literaturwissenschaft, vor allem die Germanistik, eine instinktive Scheu vor den empiristischen Methoden der vorwiegend amerikanischen kognitiven Psychologie zu verspüren scheint. Als amerikanische Germanistin mit interdisziplinärem Interesse scheint Groß besonders geeignet, diese Kluft zu überbrücken. Groß zeigt, wie literarische Texte LeserInnen auffordern, aktiv an der Umformung des Textes teilzunehmen. Das geschieht desto intensiver, je mehr der Text einer glatten, d.h. konventionellen Lesart, widerstrebt, wie z.B. ernst jandls Gedicht "heiß": heiß was ich nicht heiß, ist nicht mein name. was ich nicht kalt, bleibe ich im bett. Hier wird mit der doppelten Bedeutung von "heiß" als Verb und Adjektiv gespielt, doch geht keine der beiden Bedeutungen in dem Gedicht ganz auf. Groß beschreibt die wechselnden Reaktionen der LeserInnen zwischen Vergnügen, Verblüffung und Irritation, in dem Maße wie sie neue Lösungsversuche ausprobieren und verwerfen müssen. Durch diesen Prozeß kommt sie schließlich zu einer akribischen Interpretation des Gedichts. Die materiellen, psychologischen und physiologischen Komponenten des Lesens werden von einer Literaturwissenschaft übersehen, die sich ausschließlich der Entschlüsselung von Texten widmet. Groß' interdisziplinäre Leseforschung ermöglicht es, auf die physische und psychische Disziplinierung aufmerksam zu machen, die dem Erwerb der Lesekompetenz zugrunde liegt. Der Körper muß lernen, stillzusitzen, und der Kopf, stillzustehen, während sich die Augen über die Wörter in der "richtigen" Richtung bewegen. Gleichzeitig muß das Gehirn trainiert sein, die "korrekten" Verbindungen herzustellen und "falsche" Bedeutungen auszuschalten. Groß zeigt, wie ein Nachlassen dieser Disziplinierung zu einer "wilden Semiose" führt, in der die Materialität der Zeichen wahrgenommen und der Fülle ihrer Assoziationen nachgegangen wird. Ein Beispiel dafür ist das Körperalphabet, das auf dem Buchumschlag abgebildet ist. Es zeigt den menschlichen Körper in einer Vielfalt von Positionen, die die Buchstaben des Alphabets darstellen. Wie Groß anmerkt, lenkt die Materialität der Körper von dem Bezeichneten ab. Man kann nicht gleichzeitig das Bild und den Buchstaben oder das Wort wahrnehmen. Dadurch entsteht ein Verfremdungs-Effekt, der sich jedoch in einer literarischen Analyse als äußerst produktiv erweisen kann. Vor allem experimentelle Texte, wie die der Dadaisten und Futuristen, hätten es auf eine solche "wilde Semiose" abgesehen. Es scheint, daß die kognitive Psychologie im Hinblick auf die verdrängten Aspekte des Lesens als Disziplinierungsmechanismus zu kurz greift, da sie keinen Unterschied zwischen "preconscious und unconscious, also dem Freudschen Unbewußten und dem Vorbewußten" (125) macht. Groß kommentiert diese Verwischung der Freudschen Begriffe wie folgt: "In der Tat wird in der kognitiven Literatur der Terminus unconscious völlig selbstverständlich für das psychoanalytische preconscious verwendet. In kognitiven Denkmodellen hat das Unbewußte -- also der Teil der Psyche, in dem Verdrängungen operieren -- keinen Platz." (Ebd.) Vielleicht sollte man diese Selbstverständlichkeit, mit der das Unbewußte aus der kognitiven Psychologie verwiesen wird, in Frage stellen. Freud hat gezeigt, wie entscheidend das Unbewußte in Träumen und Witzen, die ja auch als literarische Texte gelten können, mitwirkt. Könnte man die Lust oder Irritation, die LeserInnen bei der kreativen Arbeit an unkonventionellen Texten empfinden, nicht auch auf die geglückte oder mißglückte Durchbrechung der Verdrängung zurückführen? Der Blick ist nach Groß immer schon kodiert, es gibt kein "unschuldiges Auge" (1). Am Film weist Groß auf das bedeutungskonstituierende Element der Zeiteinheiten hin, die durch Schnitt und Montage entstehen: "Zudem steuern Komplexität und Zeittakt der Einstellungen und Schnitte den 'Blickimpuls' und bewirken eine zeitliche Feinregulierung der visuellen Aktivität des Zuschauers [...]". (114) Groß kommt zu dem Schluß: "So wird die Zeit, die den Realitätseffekt des Films so stark dominiert, unversehens zum Inhalt [...]" (Ebd.) Damit wird auch Lessings Unterscheidung im Laokoon hinfällig, daß der Maler im Raum arbeitet, und der Dichter in der Zeit. Dagegen definiert Groß Texte als "Raum-Zeit-Strukturen" (120). Sie zitiert die schöne Anekdote von McLuhan, nach der afrikanischen Eingeborenen ein pädagogischer Film vorgeführt wurde, von dem sie nichts wahrnahmen, außer einer sekundenlangen Sequenz, in der ein Huhn über die Straße lief, die wiederum einem filmtheoretisch geschulten Publikum nicht auffiel. Die Disziplinierung des Lesens ist kulturspezifisch und somit von großem Interesse auch für südafrikanische Sprachdidaktiker. Sie ist ebenso auf das Sehen von Bildern und Filmen anwendbar. Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert: I. Schrift, II. Schrift/Bild, III. Bild, mit einem Exkurs über den Film. Das Buch ist trotz der unabdingbaren, technischen Begriffe (Rückwärtssaccaden und Fixierungspunkte) und der hohen theoretischen Ansprüche, die es an seine LeserInnen stellt, in einem leserfreundlichen Stil geschrieben. Eine elfseitige Bibliografie führt die einschlägige Literatur zum Thema an. Das Buch enthält viele Denkanstöße für Literatur- und FilmtheoretikerInnen, KunsthistorikerInnen, und nicht zuletzt für PädagogInnen, da es zeigt, daß es keinen einfachen, transparenten, allgemeinverständlichen Text gibt. Gerade die unterschiedlichen kulturellen und individuellen Erfahrungen und Denkweisen führen zu einem dialogischen und kreativen Leseprozeß. Copyright ©1995 by Anette Horn Last modified: Monday, 7. Februar 2001 - 14:24:05 |
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