In: Martin Pfeiffer (Hg.), Hesses weltweite Wirkung. Internationale Rezeptionsgeschichte. Bd. 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp (1991) S. 145 - 150
 

Die Rezeption Hermann Hesses im südlichen Afrika


Anette Horn


Die erste Welle der weltweiten Hesse-Rezeption erreichte Südafrika in der Generation von William Plomer in den frühen zwanziger Jahren. In seinem Erstlingsroman Turbott Wolfe verweist der neunzehnjährige Plomer in einem Motto ausdrücklich auf Hermann Hesses Einfluß: "When the unconscious of a whole continent and age has made of itself poetry in the nightmare of a single, prophetic dreamer, when it has issued in his awful, bloodcurdling scream, one can of course consider this scream from the standpoint of a singing teacher." Das Motto stammt aus einem der zwei Essays über Dostojewski, die Hesse 1920 unter dem Titel Blick ins Chaos veröffentlichte. T.S. Eliot trug dazu bei, Hesses Gedanken im englischen Sprachraum zu popularisieren, wie er 1922 nach einem Besuch bei Hesse in Montagnola schrieb: "I have become acquainted with In Sight of Chaos, which I admire greatly. I find in your book evidence of a serious concern which has not yet penetrated to England, and I would like to spread its reputation." Plomer, der sowohl in England, als auch in Südafrika ausgebildet wurde, zitiert aus der englischen Übersetzung von Stephen Hudson. In seinem Roman ersetzt Plomer den Kontinent "Asien" durch "Afrika", der seine Stimme in der kleinen, liberalen Bewegung des Young Africa findet. Diese fiktive Bewegung skizziert er vor dem Hintergrund der aufkommenden politischen Organisationen des African National Congress (ANC) und des Industrial and Commercial Worker's Union of Africa (ICU) in den zwanziger Jahre. Im Gegensatz zu diesen politischen Organisationen sieht Young Africa die Zukunft Südafrikas in der Aufhebung der Rassenunterschiede durch die genetische Vermischung der Rassen.

Der "andere" Kontinent kann jedoch nur zum Sprechen gebracht werden, wenn man das Unbewußte der eigenen Kultur konfrontiert. Dieses Unbewußte manifestiert sich im Alp eines "einzelnen prophetischen Träumers", dessen einzig angemessene Reaktion darauf ein "röchelnde[r], furchtbare[r] Schrei" ist. Damit deutet Plomer an, daß sein Versuch, dem Unbewußten der eigenen, europäischen Kultur im fremden Kontinent Afrikas zu begegnen, nicht nur von einem ästhetischen Standort beurteilt, sondern auch als eine unvollkommene, aber notwendige Pionierleistung gesehen werden sollte.

Es lassen sich bestimmte Parallelen zwischen dem Turbott Wolfe (1925) und dem zwei Jahre später erschienenen Steppenwolf (1927) zeigen. Beide Autoren wählen die gleiche Darstellungsweise: Der Erzähler rekonstruiert das Bild eines außergewöhnlichen Individuums, mit dem er einige Gespräche geführt hat, aus den Tagebuchaufzeichnungen, die er dem Erzähler hinterließ. So lassen sich bestimmte Sprünge, Widersprüche und Auslassungen aus der Tagebuchform und der psychologischen Verfassung des Tagebuchschreibers erklären. Ferner spielt ein Traktat, bzw. ein Manifest, eine zentrale Rolle in beiden Romanen. Das Manifest im Turbott Wolfe wird von Friston, einem führenden Mitglied des Young Africa, entworfen. Es beschreibt, ähnlich wie das Traktat im Steppenwolf, den Nachkriegsmenschen als gespalten. Der "Politico-Aestete" des Turbott Wolfe ist in zwei Hälften geteilt: Die linke Hälfte ist die kreative, künstlerische, unbewußte (unter dem linken Arm trägt er Freuds Gesammelte Werke), während die rechte Seite das Politische, Geschäftliche und Rationale repräsentiert (unter dem rechten Arm trägt er den Almanach de Gotha).

Die Hauptfiguren sind in beiden Fällen Außenseiter, gerade weil sie über die Norm hinausragen. Sowohl Turbott Wolfe als auch Harry Haller haben etwas Geniales an sich, obwohl die Gesellschaft sie als Genies nicht anerkennt und sie an ihrem Außenseitertum erkranken läßt. Ihre Namen enthalten beide das Wort "Wolf", was auf den raubtierhaften Teil ihrer Persönlichkeit hinweist, der sie von den als Schafen dargestellten normalen Menschen trennt. Der Gegensatz zwischen dem Verfall der abendländischen, rationalistischen Kultur und dem Beginn einer sinnenfreudigen, aber noch kindlichen südländischen Kultur ist ein weiteres wichtiges Merkmal beider Romane. Im Turbott Wolfe handelt es sich um die afrikanische Kultur, während es im Steppenwolf um die Welt des amerikanischen "Negro"-Jazz geht, die der Saxophonist Pablo verkörpert. In Fristons Manifest wird auf die Verbindung zwischen Jazz und Sinnlichkeit hingewiesen. Es heißt vom "Politico-Aesthete": "But his left ear is devoted to a saxophone (or is it a sexophone?) upon which is subtly rendered by a young man from Cardiff with a Polish name a tune called: »A-be, A-be, my boy, what are you waiting for now?«" Eine weitere Parallele zwischen den zwei Romanen bildet das Drogenexperiment. Im Turbott Wolfe erlebt Wolfe den Missionar Friston während eines Wahnsinnschubs, der durch die Droge "S-" ausgelöst wurde. In dieser Szene entblößt Friston seine andere "satanische" Hälfte. Peter Wilhelm hat darauf hingewiesen, daß Friston auch eine Maske für Turbott Wolfe und schließlich für William Plomer darstellt. Ebenso begegnet Harry Haller seinen verschiedenen Persönlichkeiten während eines "Drogentrips", obwohl diese Erfahrung ihn vorübergehend von seiner Gespaltenheit befreit. Sie erweitert seinen Bewußtseinshorizont.

Ich möchte die Hypothese aufstellen, daß Hesse den Turbott Wolfe kannte (vielleicht hat Plomer oder die Verleger, Leonard und Virginia Woolf, ihm sogar eine Kopie zugesandt?), und daß ihn diese Lektüre dazu anregte, dem Steppenwolf die Form zu verleihen, in der er 1927 erschien. Diese Hypothese ist nicht völlig von der Hand zu weisen, auch wenn die Zeit zwischen dem Erscheinen des Turbott Wolfe (früh 1926) und dem Steppenwolf (1927) relativ kurz ist, da Hesse "etliche Werke der englischsprachigen Literatur im Original gelesen" hat, wie Martin Pfeifer mir bestätigt, aber auch nicht leicht zu beweisen, es sei denn William Plomers Roman befände sich in der Bibliothek Hesses. Sicher ist jedoch, daß Turbott Wolfe in Europa eine positive Resonanz fand, wie aus Rilkes Bemerkung hervorgeht, daß der Roman das Werk eines Menschen sei, der die Einsamkeit zu seiner Heimat gemacht habe. Die zweite Welle der Hesse-Rezeption riß die jüngere Generation in den sechziger und frühen siebziger Jahren mit sich, als Hesse mit dem Hippie-Kult ins südliche Afrika importiert wurde. Colin Wilson's Buch The Outsider spielte in dieser zweiten Welle eine entscheidende Rolle, da es die Schriftsteller-Generation der sechziger Jahre zum ersten Mal auf Hesse und insbesondere auf den Steppenwolf aufmerksam machte. Ein Schriftsteller dieser Generation, Peter Wilhelm, meint, daß Wilsons Gedanken zwar bald ihre Überzeugungskraft für ihn verloren hatten, die Vorstellungen der Entfremdung und der Suche nach einem Sinn ihn aber weiterhin beschäftigen. Indirekt beeinflußt von dieser Hesse-Rezeption wurden die Romane Rite of Passage von Sheila Fugard und dangerous connections von Peter du Preez. In ihrem Roman untersucht Sheila Fugard anhand der Beschneidung eines weißen Jungen im Stamm der Pedi die Entfremdung, die die westliche Kultur verursacht, und die Suche nach psychischer Heilung in einer Weltanschauung, die vom ganzen Menschen ausgeht. Der weiße Junge ist zugleich der Schüler eines weißen Arztes, der die rites de passage der Pedi studieren möchte. Der Arzt vermutet eine dem I Ching analoge symbolische Verschlüsselung der Wahrheit in der Kunst des Schamanen, des Ngaka. Der Bezug zu Hesse liegt hier abstrakt in der Themenwahl und in der Übertragung der fernöstlichen Religion auf die Riten des Pedi-Stammes. Peter du Preez' Roman spielt dagegen in Hillbrow, dem Nachtklubviertel Johannesburgs. Er untersucht die plötzliche Entwicklung eines Jungen zu einem Mann. Das Buch ist im "schnoddrigen" Ton der Jugendlichen geschrieben. James Hinde, die Hauptfigur des Romans, und seine Freunde verkörpern die rebellische und anti-autoritäre Haltung der Hippie-Generation. Sie lieben die Musik Jimi Hendrix', der Kultfigur dieser Jugendrevolution. Die Bezüge zu Hesse liegen in dem Protest gegen eine traditionelle, jede Eigeninitiative abtötende Schulbildung, die die jungen Leute zu konventionellen, bürgerlichen Erwachsenen abrichten will und in dem offenen Gespräch über Sexualität. Während der zweiten Hesse-Welle wurden vor allem Der Steppenwolf und Demian rezipiert, die das Thema des Außenseiters und Rebellen behandelten, weiterhin der Siddartha, der dem erneuten Interesse an der fernöstlichen Religion entgegenkam. Die Faszination mit dem Osten war in den siebziger Jahren im südlichen Afrika weit verbreitet, aber sie kam wiederum aus zweiter Hand. In dieser Hinsicht spielten wohl hauptsächlich Timothy Leary und amerikanische Schriftsteller wie Ken Kesey eine vermittelnde Rolle. Aber auch die zweite Hesse-Welle hinterließ keine bleibenden Spuren in der kulturelle Produktion dieser Generation. So kam es zu keinen Übersetzungen von Hesses Texten in die Sprachen des südlichen Afrika, wie Xhosa, Sotho, Ovambo, Herero, Afrikaans. Das heißt, daß Hesse nur von einer relativ kleinen englischsprachigen und noch kleineren deutschsprachigen Gruppe rezipiert wurde, die aber nicht literarisch produktiv war, oder die sich bald von seinem Einfluß löste.

An den Deutschabteilungen der Universitäten im südlichen Afrika stehen Hermann Hesses Werke zwar weder im Mittelpunkt des Lehrplans noch im Zentrum des Forschungsinteresses, aber einzelne Werke werden doch behandelt. (So wurde z.B. Unterm Rad in bezug auf das Thema "Schule in der Literatur" 1988 an der Universität Kapstadt besprochen.) Diese Sachlage spiegelt sich in der Fachzeitschrift der südafrikanischen Germanisten Acta Germanica. In den letzten zwanzig Jahren sind nur zwei kritische Essays über Hermann Hesse erschienen und soweit ich festellen konnte, wurde Hesse nur in zwei Dissertationen behandelt. Reinhard Kuhles erhielt den Magister 1978 an der Universität Pretoria für die These Das Vagabundenmotiv bei Hermann Hesse und Manfred Hausmann. Günter Dedekinds Dissertation Konflikt und Totalität im epischen Werk von Hermann Hesse wurde 1969 von der Universität Witwatersrand (Johannesburg) angenommen. Der Artikel, "Kunst und Dämonie in Hermann Hesses Rosshalde" , bildet die veränderte Fassung eines Teils des ersten Kapitels dieser Dissertation. Dedekind versucht, eine Lücke in der Hesse-Forschung durch die "sorgfältige Einzelbetrachtung von Gehalt und Gestalt des Frühwerks" zu schließen. Der Roman Roßhalde stelle eine Künstlerkrise dar, die aus dem Konflikt zwischen der Totalität der Kunst und der Entfremdung des Künstlers in der Gesellschaft entstehe, und die durch die Kunst noch gesteigert werde. Die Auflösung seiner erstarrten Ehe ermögliche es dem Künstler Veraguth, die Krise zu überwinden und sich einem farbenfrohen Leben hinzuwenden, das er in Indien zu finden hofft. An den deutschen Auslandsschulen und an den englisch- und afrikaanssprachigen Regierungsschulen, die Deutsch als Fremdsprache anbieten, war Hesses Erzählung Knulp während der sechziger Jahre vorgeschrieben.

Obwohl Hermann Hesse im südlichen Afrika einer relativ kleinen Gruppe bekannt ist, hat sich Hesses Rezeption nicht ausdrücklich auf ihre kulturelle Produktion ausgewirkt. Es wäre aber möglich, einen mittelbaren Einfluß zu postulieren, wenn man davon ausginge, daß die zwei Wellen der Hesse-Rezeption bei den jeweiligen Rezepienten Prozesse auslösten, die sie dazu veranlaßten, ihre persönlichen und beruflichen Haltungen und Ziele neu zu durchdenken. (Man denke etwa an die Aussteiger und an die Drogenexperimente der Hippie-Generation.) Auf dieser Ebene wäre ein Einfluß Hesses durchaus möglich, wahrscheinlich durch die "Gurus" der Hippie-Generation wie Timothy Leary vermittelt. Der Hauptgrund für die ausgebliebene Resonanz von Hermann Hesses Werken im südlichen Afrika scheint mir jedoch darin zu liegen, daß er angesichts der sozio-politischen Probleme (Kolonialismus und Rassismus) kein Modell entwirft, das den Südafrikanern eine adäquate Analyse dieser Probleme erlaubt, sondern daß er durch die Meditation den Rückzug in eine private, mystische Idylle zu befürworten scheint. Es ist möglich, daß eine kritische Auseinandersetzung mit Hesse in Südafrika einsetzt, wenn diese politischen und sozialen Probleme gelöst sind.

 

Last modified: Saturday, 2. February 2001- 14:24:05