Jean Paul Friedrich Richter: Die Poetik des 'Zettelkasten'. Assoziationspsychologie und die Ästhetik eines phantastischen Realismus

Anette Horn

In diesem Forschungsprojekt soll den philosophischen und ästhetischen Voraussetzungen und Implikationen von Jean Pauls eigentümlicher Arbeits- und Schreibweise nachgegangen werden, die ganz offensichtlich auf dem Prinzip der Ideenassoziation beruht, einem zentralen Begriff aus der englischen Assoziationspsychologie des 18. Jahrhunderts, die aus dem englischen Empirismus hervorgegangen ist und als dessen Begründer Locke, Hume und Hartley gelten. Meines Wissens liegt noch keine umfassende Monographie zu Jean Pauls Beziehungen zur Assoziationspsychologie einerseits und andererseits zum englischen Roman des 18. Jahrhunderts, insbesondere Swift und Sterne, vor. Den Zugang zur Erforschung dieser Beziehungen sollen die Exzerptenbände aus Jean Pauls Schul- und Universitätszeit erleichtern, die in der Staatsbibliothek zu Berlin unter der Leitung Prof. Dr. Norbert Millers für die historisch-kritische Gesamtausgabe erschlossen werden, und die den Fundus bilden, aus dem Jean Paul für die Vergleiche, Metaphern und gelehrten Anspielungen in seinen Jugendsatiren und seinen frühen Romanen geschöpft hat. Auch die Jean-Paul-Bestände in Krakau, die ein neues Licht auf Jean Pauls intellektuelle Entwicklung zu dieser Zeit werfen könnten, sollen im Hinblick auf diese Beziehungen näher untersucht werden. Dabei werde ich mich auf das von der Forschung bisher weniger beachtete Frühwerk Jean Pauls bis einschließlich zum Titan einschränken.

Die Entdeckung der Ideenassoziation als Grundlage des geistigen Geschehens, das vom Gedächtnis über die Vorstellungskraft bis hin zu den höchsten Operationen des Verstandes reicht, bedeutete im Denken des 18. Jahrhunderts eine radikale Zäsur, da sich ihre Vertreter wie Locke, Hume und Hartley von den Dogmen der spekulativen Philosophie verabschiedeten und versuchten, ihre Hypothesen konsequent auf die empirische Anschauung zurückzuführen. Der englische Empirismus kann als Vorläufer der deutschen Aufklärung, vor allem der Kantischen Philosophie, angesehen werden. Die sozio-politische Voraussetzung dieses geistigen Aufbruchs war die demokratische Verfassung Englands, obzwar in Form einer konstitutionellen Monarchie. Da eine ähnliche demokratische Staatsform in den vielen deutschen Feudalstaaten noch nicht bestand, mußten diese geistigen Strömungen auf den jungen, demokratisch-freiheitlich gesinnten Jean Paul, der zudem aus äußerst armen Verhältnissen bei Hof im Vogtland stammte, um so begeisternder gewirkt haben. In seinen politischen Anschauungen mögen ihn auch die Ereignisse, die zur Französischen Revolution führten, bestärkt haben. Der junge Jean Paul, der als kleiner Polyhistor die Bücher aus der Schulbibliothek in Hof verschlang und aus ihnen Exzerptenbände anlegte, eine Gewohnheit, die er bis an sein Lebensende pflegte, war gerade auf diese neuesten wissenschaftlichen und literarischen Erscheinungen aus England, Frankreich und Deutschland erpicht, wie die Hinweise in seinem Frühwerk auf Hume und Locke, aber auch auf einen popularwissenschaftlichen Autor, wie Platner, belegen, dessen Vorlesungen er während seines Studiums in Leipzig beiwohnte. Darüber hinaus muß die Berührung mit der Assoziationspsychologie ihn nicht nur in seiner eigenen Gewohnheit, sich Wissen anzueignen und zu verarbeiten, bestätigt haben, sondern auch in seinem sich gerade erst entwickelnden Schreibstil, der durch üppige Bilder- und Metaphernketten gekennzeichnet ist.

Jean Pauls Exzerptenbände oder Zettelkästen, wie Arno Schmidt sie nannte, können als das organisierende Prinzip seiner ästhetischen Welterfahrung angesehen werden. Diese 'Exzerpte' sind nicht nach transzendenten, abstrakten Prinzipien geordnet und unterliegen somit keiner gedanklichen Hierarchie. Neue Erfahrungen werden hierbei keinem bestehenden System untergeordnet, sondern einem existierenden Netz von Assoziationen angegliedert. Auf diese Weise werden neue, zufällige Assoziationen möglich und bestehende Assoziationen ständig uminterpretiert. Es entsteht eine offene, netzartige Struktur, die mit dem rhizomartigen Struktur der Nomadologie von Deleuze verglichen werden kann.

Für Jean Pauls satirische, philosophische und assoziative Schreibstile gab es jedoch ebenfalls Vorbilder aus England: Der Satiriker Swift prangerte die Vorurteile der Gesellschaft in seinen phantastischen Allegorien, wie z.B. Gulliver's Travels, an. Aber auch der Essay on Man, in dem Pope philosophische Betrachtungen über die Menschheit anstellte, hat Jean Pauls Stil geprägt. Der wichtigste Einfluß scheint jedoch Lawrence Sterne's Tristram Shandy gewesen zu sein, der mit dem Spiel mit der Institution des Erzählers, zu dem auch die ständige Anrede des Lesers gehört, sowie den endlosen Digressionen in Jean Paul sein deutsches Pendant gefunden zu haben scheint. Jean Paul hat ihn bereits sehr früh in französischer Übersetzung gelesen und zeitlebens zu seinen Lieblingsautoren gezählt.

1.1. Bisherige Behandlung dieses Themas durch andere Wissenschaftler

Obwohl Peter Michelsen in dem Buch Laurence Sterne und der deutsche Roman des 18. Jahrhunderts die Beziehung zwischen Jean Paul und Sterne schon eingehend behandelt hat, berücksichtigt er nicht die Beziehung zur Assoziationspsychologie, was meines Erachtens zu ganz anderen Ergebnissen führen würde.

Eine weitere wichtige Arbeit, auf die ich mich beziehen werde, ist Götz Müllers Monographie Jean Pauls Exzerpte, in der er Jean Pauls Beziehung zum Polyhistorismus des 18. Jahrhunderts untersucht. Er tritt der „geläufigen Fama" entgegen, daß Jean Paul seine „Privatenzyklopädie" lediglich zur „Erfindung witziger Ähnlichkeiten" benutzte, indem er nachweist, wie er sie unmittelbar zur „Erfindung und Ausstattung zentraler Motive im Werk auch nach der Satirenzeit" verwendet hat.1 Nach Müller war der Polyhistorismus allerdings bereits zur Zeit, als Jean Paul begann, seine Exzerpte anzulegen, in der Auflösung begriffen und wurde zunehmend durch die Enzyklopädie ersetzt: Sie „reduzierte den Anspruch des alten Polyhistorismus, die Welt metaphysisch-begrifflich im Ganzen zu ordnen; an die Stelle der Universalität trat die Anhäufung des Wissens in alphabetischer Ordnung."2

Im Gegensatz zum Polyhistorismus und zur Enzyklopädie ging es Jean Paul jedoch weder um die metaphysisch-begriffliche, noch um die alphabetische Ordnung eines universellen Wissens, sondern um die Erfindung neuer Wahrheiten durch das Zufallsprinzip. In diesem Sinne hat Jean Paul in der Vorschule der Ästhetik seine Exzerpiermethode mit einem Zufallsverfahren verglichen:

Es wäre die Frage, ob nicht eine Sammlung von Aufsätzen nützete und gefiele, worin Ideen aus allen Wissenschaften ohne bestimmtes gerades Ziel -- weder ein künstlerisches noch wissenschaftliches -- sich nicht wie Gifte, sondern wie Karten mischten und folglich, ähnlich dem Lessingschen geistigen Würfel, dem etwas eintrügen, der durch Spiele zu gewinnen wüßte: was aber die Sammlung anbelangt, so habe ich sie und vermehre sie täglich.3

Müller kommentiert dieses produktionsästhetische Prinzip wie folgt: „Dieses aleatorische Zufallsverfahren unterscheidet sich erheblich von der praktischen Anleitung Morhofs, das überkommene Wissen zu versammeln, zu ordnen und zu verwenden. Jean Paul geht es nicht mehr um die Inventio im Sinne des Auffindens wohlgeordneter Loci communes, sondern um das Erfinden von Gleichnissen und Motiven."4 Indem Jean Paul die Auszüge seiner universellen Gelehrsamkeit für den ihr entgegengesetzten Zweck der Kunst verwendet, macht er aber auch auf den künstlichen und konstruierten Charakter des Polyhistorismus aufmerksam. Das Ziel seines ästhetischen Verfahrens ist eine neue Ordnung der Dinge, wie Müller treffend bemerkt: „Um sich in Dichterlaune zu bringen, las Jean Paul gleichsam absichtslos in seinen gesammelten Wissensschätzen, um sich zur Erfindung von Allusionen, witzigen Analogien, satirischen und ernsten Allegorien, vor allem aber auch zur Erfindung von Motiven und Geschichten zu rüsten. Die chaotische Anordnung des Überlieferten inspirierte ihn offensichtlich zu einer neuen Ordnung der Dinge."5 Diese neue Ordnung der Dinge soll in diesem Forschungsprojekt mit Hilfe der Assoziationspsychologie des 18. Jahrhunderts und Deleuzes Theorie des Nomadendenkens beleuchtet werden.

1.2. Noch bestehende Probleme und offene Fragen

Was bisher als Manko in Jean Pauls Ästhetik von der Forschung verzeichnet wurde, nämlich seine Weigerung, sich an das Gesetz des gradlinigen Erzählens zu halten, was von Michelsen etwa als 'Flucht vor der Wirklichkeit' ausgelegt wurde, oder von Müller als Versuch, aus dem Chaos und dem Zufall eine 'neue Ordnung der Dinge' zu schaffen, kann aus der Perspektive der Assoziationspsychologie und des Empirismus, sowie dem Begriff des Nomadendenkens als Versuch gelesen werden, die Sinneswahrnehmungen auf eine subjektive, assoziative Weise anders zu verbinden als es die "königliche Wissenschaft" mit ihrer die "Baumstruktur" zu tun vermochte, wie Deleuze die Wissenssysteme der Aufklärung bezeichnete, die das Wissen systematisierten und hierarchisierten. Im Zusammenhang dieser anderen Ordnung erhalten der Traum, das Gedächtnis und die Phantasie einen höheren Stellenwert, als ihnen normalerweise in der idealistischen Philosophie der Aufklärung sowie im 'realistischen' Roman zugeschrieben werden.

Ein wesentliches, gemeinsames Merkmal des assoziativen und des nomadischen Denkens ist das Konzept der Bewegung. So setzen Jean Pauls durch Assoziationen reich gegliederte Bilderketten ein bewegliches Denkens voraus, ein Springen von Begriff zu Begriff, das als krumme, gepunktete Linie zwischen zwei Ideen vorgestellt werden kann, während der normale Sinn des Wortes, der nur ein Minimum seiner polyvalenten Bedeutungen aktualisiert, sich als eine Hauptverkehrsstraße des Denkens darstellen läßt. Nun erstreckt sich das Netz der sprachlichen Assoziationen potentiell über die ganze Welt, sodaß die Lektüre der Romane von Jean Paul, die er mit einer Reise um das Gehirn verglichen hat, potentiell zu einer imaginären Weltreise ausarten kann. Es sollen diese Fluchtlinien des Denkens nachgezeichnet werden und der Versuch unternommen werden, anhand einer Wort-für-Wort-Analyse einiger exemplarischer Textstellen die Assoziationen und Bedeutungsschichten der Metaphernketten freizulegen.

2. Wo könnten methodische und technische Schwierigkeiten liegen?

Eine methodische Schwierigkeit wäre, angesichts des umfangreichen Werk nebst dem Konvolut der Exzerptenbände den Überblick zu verlieren und im Sumpf der Assoziationen zu versinken. Damit hängt die Gefahr der Willkür oder der Beliebigkeit zusammen, d.h. daß die Leser ihre eigenen Assoziationen in die Bilder- und Metaphernketten Jean Pauls hineinprojezieren. Jean Pauls Zeitgenosse, Schiller, hat dieses Problem erkannt und wollte Dichtung nicht auf „diesen empirischen Effekt der Assoziation" gründen, denn die „Erweckung von Ideen, die von dem Zufall der Assoziation abhängig ist [...] ist willkürlich und der Kunst gar nicht würdig."6 Schiller sieht in der Assoziationspoetik für den Dichter zwei große Schwierigkeiten:

Die Imagination in ihrer Freiheit folgt, wie bekannt ist, bloß dem Gesetz der Ideenverbindung, die sich ursprünglich nur auf einen zufälligen Zusammenhang der Wahrnehmungen in der Zeit, mithin auf etwas ganz Empirisches gründet. Nichtsdestoweniger muß der Dichter diesen empirischen Effekt der Assoziation zu berechnen wissen, weil er nur insoferne Dichter ist, als er durch eine freie Selbsthandlung unsrer Einbildungskraft seinen Zweck erreicht.7

Im Gegensatz zu Schiller war Goethe für die künstlerischen Möglichkeiten der Ideenassoziation offener, auch wenn er in ihrer Anwendung nicht so weit ging wie Jean Paul. Im Faust beschreibt er sie als „Gedankenfabrik", „Wo ein Tritt tausend Fäden regt, / Die Schifflein herüber hinüber schießen, / Die Fäden ungesehen fließen, /Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt".

3. Welche neuen Erkenntnisse oder neue Lösungen sollen erreicht werden?

Dem Problem der Beliebigkeit und der Willkür möchte ich vorbeugen, indem ich mich auf die theoretischen Beziehungen zwischen Jean Pauls Schreibweise und der englischen Assoziationspsychologie und dem englischen Roman konzentriere, und mich außerdem auf das theoretische Modell des Nomadendenkens, wie es von Deleuze in Mille Plateux (in englischer Übersetzung Thousand Plateaus) entwickelt wurde, stütze. Die Wort-für-Wort-Analysen sollen gezielt eingesetzt werden, um Jean Pauls eigenen Standpunkt schärfer herauszuarbeiten. Dabei sollen auch etwaige Abweichungen von den hier skizzierten theoretischen Modellen zur Sprache kommen.

Schließlich soll Jean Paul in den Kontext des europäischen Romans von Cervantes, über Rabelais, Swift bis hin zu Joyce, Arno Schmidt und Thomas Pynchon gestellt werden, der empirisch, aber nicht realistisch; phantastisch und subjektiv, aber dennoch nicht willkürlich ist.


1 Götz Müller, Jean Pauls Exzerpte. Würzburg: Königshausen u. Neumann 1988, S. 338.

2 Götz Müller, Jean Pauls Exzerpte. Würzburg: Königshausen u. Neumann 1988, S. 345.

3 5, 202.

4 Götz Müller, Jean Pauls Exzerpte. Würzburg: Königshausen u. Neumann 1988, S. 321.

5 Götz Müller, Jean Pauls Exzerpte. Würzburg: Königshausen u. Neumann 1988, S. 327.

6 Schiller: Über Matthissons Gedichte, S. 999f

7 Schiller: Über Matthissons Gedichte, S. 994)

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