Kontroverses Erbe und Innovation: Die Novelle Die Reisebegegnung von Anna Seghers im literaturpolitischen Kontext der DDR der Siebziger Jahre

Anette Charlotte Horn

Promotor: Dr. Gunther Pakendorf

8. Juni 1990

Thesis submitted to the Faculty of Arts, University of Cape Town, in fulfilment of the requirements for the degree of Master of Arts


Undertaking

I, Anette Charlotte Horn, hereby declare that this thesis is my own work, and that neither the substance nor any part thereof has been presented for any other degree.

Cape Town, this 8th of June 1990 __________________________

Dank

In erster Linie gilt mein Dank meinem Promotor Herrn Dr. Gunther Pakendorf für zahlreiche Anregungen und Diskussionen, ohne die diese Arbeit in dieser Form nicht hätte zustande kommen können.

Meinen Eltern gilt mein besonderer Dank für ihre Unterstützung meines Studiums.

Birga Thomas für ihr sorgfältiges Korrekturlesen.

Den Studenten und Dozenten des Oberseminars gilt mein Dank für scharfe Kritik.

Meinem Mann für seine Geduld und Unterstützung.

Abstract

The dissertation attempts to analyze the novella Die Reisebegegnung by Anna Seghers not as an isolated „work" by an isolated „author" but as a symptom of the possibilities and limits of innovative writing in the German Democratic Republic in the seventies. While it therefore situates the novella within the context of literary politics, it also tries to show how Anna Seghers expanded the boundaries of literary political debates which focused on the concepts of cultural heritage and social realism by using the form of fiction instead of a critical essay.

The first chapter deals with the historical context of the novella. It tries to show Anna Seghers' allegorical depiction of the literary figures of „Nikolai Gogol", „E .T. A. Hoffmann" and „Franz Kafka" as representations of the aesthetics of realism, romanticism and modernism respectively. The use of allegory marks a significant breakaway from the method of social realism. The chapter also tries to show the intertextuality of the novella.

The second chapter focuses on the debate on cultural heritage in the GDR. It retraces Anna Seghers' changing attitudes to the controversial cultural heritage of romanticism and modernism in the Marxist debate on realism from the thirties up to the publication of the novella Die Reisebegegnung in 1973.

The third chapter deals with the theory of socialist realism as developed by Georg Lukács and simplified by the Stalinist cultural functionary Andrei Zhdanov. It attempts to define the position taken by Anna Seghers in the Marxist debate on realism in which she argued on the same side as Ernst Bloch and Bertolt Brecht against the concept of realism upheld by Georg Lukács.

The fourth chapter deals with the depiction of the three literary figures in the novella. It attempts to show in how far this figuration deviates from the orthodox Marxist reception of the three authors on the one hand and from that of alternative Marxist and non-Marxist interpretations on the other.

The fifth chapter analyses Anna Seghers' literary representation of time. She lets the three authors travel freely through „objective" historical time, which constitutes the most significant deviation from the theory of socialist realism in the novella. The chapter discusses the implications this has for innovative writing in the GDR.

Inhaltsverzeichnis

Abstract iii

Einleitung 1

1 Die Novelle Die Reisebegegnung im historischen Kontext 4

1.1 Die Erzählung, Die Reisebegegnung, als literarisch verfremdete, allegorische Darstellung der Erbe-Debatte in der DDR 4

1.2 Intertextualität, Produktivität und Textverarbeitung in der Erzählung Die Reisebegegnung 13

2 Die Auseinandersetzung um den Erbebegriff 33

2.1 Klärung des Erbebegriffs 33

2.2 Geschichte des Erbebegriffs 34

2.2.1 Die privilegierte Stellung der Literatur in der Erbe-Theorie der Volksfront 37

2.2.2 Anna Seghers und die bürgerliche Tradition in der Volksfrontpolitik 37

2.2.3 Lukács und die Integration des bürgerlichen kulturellen Erbes 42

2.3 Der Kampf um die kulturelle Hegemonie in der DDR um 1970 44

2.4 Streitpunkte der Erbe-Diskussion 51

2.4.1 Die Bewertung der Klassik in der Erbe-Theorie 51

2.4.2 Die Bewertung der Romantik in der Erbe-Debatte 54

2.4.2.1 Die orthodoxe marxistische Romantikforschung 54

2.4.2.2 Die alternative marxistische Romantikforschung 60

2.4.2.3 Die Auseinandersetzung zwischen Anna Seghers und Luk<160>cs über die Romantik und ihre Beziehung zur Moderne 61

2.4.2.4 Das Romantikbild in der DDR vor 1970 63

2.4.2.5 Die Neubewertung der Romantik in den siebziger Jahren 66

2.4.3 Die Bewertung der Moderne 72

3 Das Realismuskonzept der Anna Seghers in Sonderbare Begegnungen oder Wann beginnt der sozialistische Realismus zu sterben? 80

3.1 Der bürgerliche Realismus als Vorbild des sozialistischen Realismus 81

3.2 Die Widerspiegelungstheorie als Grundlage der Theorie des sozialistischen Realismus 83

3.3 Der <154>bergang vom kritischen zum sozialistischen Realismus 84

3.4 Die revolutionäre Romantik 86

3.5 Die Kategorien des sozialistischen Realismus 88

3.5.1 Das Typische: Das Teil und das Ganze 88

3.5.2 Volkstümlichkeit 91

3.5.3 Parteilichkeit 94

3.5.4 Positiver Held 97

3.5.5 Erzählperspektive 101

3.6 Realität - Sprache 103

3.7 Realität - Wissenschaft 105

3.8 Sozialistische Literatur statt sozialistischem Realismus? 107

3.9 Anna Seghers' Verhältnis zum polyvalenten Realismus 109

4 Die Figuren der drei Autoren:Hoffmann, Gogol, Kafka 114

4.1 Realität und Realismus 114

4.1.1 Traum - Realismus 120

4.1.2 Der kontroverse Realismus der drei Autoren in der marxistischen Diskussion 122

4.2 Das Phantastische 129

4.2.1 Das Phantastische als Grenzüberschreitung 129

4.2.2 Das Unheimliche als Grenzfall des Phantastischen 137

4.3 Volkstümlichkeit 140

4.3.1 Märchen, Legenden und Sagen als "einfache Formen" des Phantastischen 140

4.3.2 Modernismus: Fortschritt und Dekadenz 148

4.3.3 Die Verantwortung des Künstlers: Individuum und Gesellschaft 152

4.3.4 Optimismus und Pessimismus 156

4.3.5 Das Gute und das Büse 159

4.3.6 Die Unzulänglichkeit des Werkes und die Gefahr des Mißverstehens 162

4.3.7 Religion und Zensur 164

5 Reisen in der vierten Dimension 167

5.1 Das objektive Gesetz der Geschichte und die subjektive Willkür der Phantasie 167

5.1.1 Die Kontroverse um die Zeit in der marxistischen Realismus-Diskussion 167

5.1.2 Die Darstellung der Zeit in der Reisebegegnung 175

5.2 Die Reise als Grenzüberschreitung 183

5.2.1 Die Grenze zwischen Realem und Irrealem 183

5.2.2 Das Verhältnis der Phantasie zur Wissenschaft 188

5.3 Die Zeit des Traums 193

5.4 Die Überschneidung der Zeitebenen in der Geldszene oder die Absurdität des sozialistischen Realismus 196

5.4.1 Alte und neue Währung 196

5.4.2 Das Geld als Maß der Alltagsrealität 197

Schlußfolgerung 200

Literaturverzeichnis 201

Einleitung

Die folgende Arbeit untersucht die Novelle von Anna Seghers nicht als isoliertes „Werk" einer „Autorin", sondern als Symptom der Möglichkeiten und Grenzen des innovativen Schreibens in der DDR zu Beginn der siebziger Jahre. Es geht also nicht in erster Linie um eine Interpretation des Textes, die sowieso nicht unabhängig von den Entstehungsbedingungen vorgenommen werden könnte, es geht auch nicht in erster Linie um die Autorin Anna Seghers und ihre Biographie, sondern um die Möglichkeit der Produktion bestimmter Texte in einem historischen Augenblick.

Der Schriftstellerverband der DDR, dem Anna Seghers bis 1978 vorstand, repräsentierte und unterstützte die Autorität der Partei, indem er die Methode des sozialistischen Realismus als allgemeinverbindlich akzeptierte. Vor diesem Hintergrund ist es signifikant, daß Anna Seghers 1973 eine Erzählung veröffentlichte, die bestimmte Konventionen des sozialistischen Realismus sprengte. Das setzt nicht nur die Liberalisierung der Kulturpolitik voraus, die 1971 durch den Regierungswechsel Ulbricht-Honecker eingeleitet und 1973 auf dem VII. Schriftstellerkongreß bestätigt wurde, sondern auch die politischen Ereignisse in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1963. Obwohl die SED diese Versuche um eine sozialistische Demokratie aufs schärfste angriff, sah sie sich dennoch genötigt, „minimale" Zugeständnisse an die Schriftsteller zu machen, die diese Bestrebungen unterstützten. Nicht zuletzt spielten die Schriftsteller eine entscheidende Rolle in diesem Prozeß, indem sie durch Experimente und Innovationen die literaturpolitischen Grenzen Stück für Stück zurückschoben. Die literaturtheoretischen und -politischen Debatten bezeugen die ständige Provokation, die von diesen Schriftstellern ausging.

Zu dem Zeitpunkt, als die Konzepte des Erbes und des sozialistischen Realismus in der DDR-Kulturpolitik von verschiedenen Seiten her kritisiert wurden, griffen einige Theoretiker, Akademiker und Schriftsteller der DDR sie wieder auf und definierten sie neu. Auch Anna Seghers griff mit der Reisebegegnung in die Erbe-Debatte der frühen siebziger Jahre ein, aber sie verfremdete diese Debatte durch die allegorische Darstellung der Poetiken der Romantik, des frühen Realismus und der Moderne und ging somit über den unmittelbaren literaturpolitischen Anlaß hinaus. Die Figuren der drei Autoren, „Hoffmann", „Gogol" und „Kafka", repräsentieren jeweils eine dieser Poetiken. Trotz einzelner historisch belegbarer Züge sind sie als allegorische Konstruktionen zu verstehen.1 Anhand des fiktiven Gesprächs über Literatur und Wirklichkeit versucht Anna Seghers zu zeigen, wie die Schriftsteller auf bereits bestehende Literatur zurückgreifen und sie im Rahmen ihrer Zeit und ihrer Realitätsauffassung adaptieren. So stellt die Reisebegegnung sowohl eine Geschichte über Literatur als auch eine Literaturgeschichte dar.

Anna Seghers lokalisierte die Reisebegegnung nicht in der DDR der siebziger Jahre, sondern im Prag der zwanziger Jahre. Diese zeitliche und örtliche Verschiebung ist doppelt signifikant: In der Literaturgeschichte stellen die zwanziger Jahre eine Zeit der künstlerischen Experimentation dar, an der sowohl bürgerliche als auch sozialistische Schriftsteller teilnahmen, bis die Festlegung des sozialistischen Realismus als einzige schöpferische Methode 1934 auf dem I. Unionskongreß der Sowjetschriftsteller diesem Prozeß ein Ende setzte. Vom Standort dieser präskriptiven Ästhetik wurde Kafkas Werk als modernistisch und dekadent verurteilt. Durch die Wahl Kafkas versucht Anna Seghers diese Ausschließung rückgängig zu machen und eine neue Phase der Erweiterung des sozialistischen Erbes und der Methode des sozialistischen Realismus in der DDR einzuleiten. Auch „Gogol" und „Hoffmann" repräsentieren jeweils eine abweichende Poetik. Ein Streitpunkt ihres Gesprächs ist, inwiefern die phantastische Darstellungsweise die „objektiven" Bezüge der Realität verfremden kann.

In „Kafka" und „Prag" verdichten sich außerdem die Bemühungen einer Gruppe von Sozialisten, eine demokratische Alternative zum stalinistischen Modell des Sozialismus zu entwickeln. Die wichtigsten Ereignisse dieser Entwicklung waren die Kafka-Konferenz 1963 auf Schloß Liblice bei Prag und der „Prager Frühling" 1968. Die marxistische Diskussion über Kafka war die Voraussetzung für die politischen Veränderungen, da in ihr zum ersten Mal seit Stalins Tod der Bürokratismus und Dogmatismus des stalinistischen Parteiapparats kritisiert werden konnten. Im „Prager Frühling" wurde der stalinistische Staatsapparat grundsätzlich revidiert und eine Form der parlamentarischen Demokratie eingeführt.2 Dubcek war der Vertreter dieser Bewegung. Unter der Anleitung der Sowjetunion setzten die Streitmächte des Warschauer Pakts dem Unabhängigkeitsversuch der Tschechoslowakei jedoch vorzeitig ein Ende, indem sie in Prag einmarschierten. Damit gab die Sowjetunion ihren Verbündeten ein Zeichen, daß sie solche Veränderungen nicht dulden würde.

Um die komplexen Bezüge herauszuarbeiten, die Die Reisebegegnung sowohl zwischen den Figuren der drei Autoren und deren Texten als auch zum literatur- und kulturpolitischen Kontext der DDR in den frühen siebziger Jahren herstellt, wird es nötig sein, auf literaturpolitische Debatten einzugehen, die zwar scheinbar mit der Novelle wenig zu tun haben, aber dennoch wichtige Implikationen für die Interpretation und Rezeption der Novelle haben.


1 Um die historischen Schriftsteller von den fiktiven Figuren zu unterscheiden, werden letztere in Anführungszeichen gesetzt.

2 vgl. Hermann Weber, Geschichte der DDR. München: Deutscher Taschenbuch Verlag (1985) 1986, S.388-393