In: Acta Germanica Frankfurt Main: Peter Lang 26/27 (1998/1999): 95-106
 

Von keinem Diskurs beherrscht: Das Gedicht Nicht Alle von Jürgen Fuchs

Jürgen Fuchs wurde 1950 in Reichenbach (Vogtland) geboren. Nach dem Abitur und einer Lehre bei der Eisenbahn und wurde er zum Wehrdienst einberufen. Darauf folgte ein Studium der Psychologie an der Universität Jena. Obwohl er für seine Diplomarbeit die Note 'sehr gut' bekam, wurde ihm das Diplom verweigert, da er inzwischen durch Gedichte aufgefallen war, in denen er den DDR-Alltag unbeschönigt darstellte. Er wurde zu einem zentralen Mitglied der oppositionellen Künstler und Intellektuellen um Havemann und Biermann, was zu seiner Untersuchungshaft und schließlich zur Abschiebung nach Berlin West führte, wo die Observation durch die Stasi fortgesetzt wurde. Alle seine Bücher, Gedichte, Prosa und Essays wurden im Westen veröffentlicht. In seinen publizistischen Schriften untersucht Fuchs die Zersetzung als bevorzugtes Mittel der Stasi, Verdächtige psychologisch zu isolieren, zu verunsichern und aus der Gesellschaft auszugrenzen, bzw. zu reintegrieren (Fuchs 1993: 85ff.).

Der Diskurs des Marxismus-Leninismus herrschte auf Grund seiner Sanktionspraktiken, deren wichtigste und sichtbarste das Verbot war: „Man weiß, daß man nicht das Recht hat, alles zu sagen, daß man nicht bei jeder Gelegenheit von allem sprechen kann, daß schließlich nicht jeder beliebige über alles beliebige reden kann" (Foucault 1974: 7). Die Folge dieses Verbots ist der Ausschluß vieler Sprecher aus bestimmten Bereichen der öffentlichen Sprache: „Es geht darum, [...] den sprechenden Individuen gewisse Regeln aufzuerlegen und so zu verhindern, daß jedermann Zugang zu den Diskursen hat: Verknappung diesmal der sprechenden Subjekte. Niemand kann in die Ordnung des Diskurses eintreten, wenn er nicht gewissen Erfordernissen genügt, wenn er nicht von vornherein dazu qualifiziert ist. Genauer gesagt: nicht alle Regionen des Diskurses sind in gleicher Weise offen und zugänglich; einige sind stark abgeschirmt (und abschirmend), während andere fast allen Winden offenstehen und ohne Einschränkung jedem sprechenden Subjekt verfügbar erscheinen" (Foucault 1974: 25). Dadurch entsteht im scheinbar egalitären Diskurs des Marxismus-Leninismus ein Machtgefälle zwischen denjenigen, die den Diskurs beherrschen, und denjenigen, die seinen Anforderungen nicht genügen. Gleichzeitig übt der Diskurs aber Druck nach innen hin aus, indem er in den herrschenden Subjekten Zweifel an der eigenen Doktrin gar nicht erst aufkommen läßt.

Das zeigt sich schon in der Schule. „Gibt es Fragen?" fragt der Lehrer rein formal, denn er will natürlich seinen Diskurs nicht in Frage gestellt sehen:


Und wenn es Fragen gab
Nahm Börner ein großes Lineal
Und schlug an die Tafel
Auf Punkt zwei
Oder drei
Nachdenken, sagte er
Was steht hier
Lesen Sie vor, laut und deutlich
Oder
Das behandeln wir in der nächsten Woche
Oder
Das gehört nicht hierher
Oder
Sehen Sie West? (Fuchs 1981: 36)

Jürgen Fuchs parodiert den Diskurs des Marxismus-Leninismus, indem er dessen Sätze ad nauseam zitiert und ad absurdum führt. Er weist darauf hin, wie bereits die jungen Parteikader in der FDJ und an der Universität auf die unkritische Übernahme dieser Doktrin getrimmt werden. Ihre Haltung, die Fuchs mit dem Verhalten angepaßter Musterschüler vergleicht, beruht sowohl auf der Selbstzensur, als auch auf der Zensur anderer. Selbständiges Beobachten des Alltagslebens in der DDR und unabhängiges Denken wurden sofort als potentielle Bedrohung des sozialistischen Staates geahndet. Um dieser Bedrohung vorzubeugen, hat die DDR ein byzantinisches System der Überwachung und Kontrolle ihrer Staatsbürger entwickelt.

In den Jahren des Kalten Krieges wurde die Unterwanderung des sozialistischen Systems durch Agenten der westlichen, kapitalistischen Demokratien gefürchtet, doch verschob sich der Blick der Stasi spätestens seit dem 17. Juni 1953 immer mehr vom kapitalistischen Ausland auf die eigene Bevölkerung. Vor allem den Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern galt die Aufmerksamkeit des Staates, wie Joachim Walther in seiner umfangreichen Studie Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatsicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik nachweist. Die Staatssicherheit hielt sie für „Einfallstore und Multiplikatoren der 'politisch-ideologischen Diversion' [...], für die der Klassengegner verantwortlich gemacht wurde" (Walther 1996: 184). In den achtziger Jahren ging die Überwachung der Dissidenten von anderen Verdachtsmomenten aus: „Diejenigen, die die HA XX/OG [einer eigens für Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle eingerichteten Abteilung der Staatssicherheit] bearbeitete, wurden verdächtigt, dem 'politischen Untergrund' zuzuarbeiten. In den achtziger Jahren ordnete die Staatssicherheit das Phänomen der 'organisierten antisozialistischen' Opposition zu" (Walther 1996: 184). Das Dilemma eines dissidenten Schreibens in einer solchen Situation beschreibt Joachim Walther so:

Die DDR wurde jedoch nicht allein durch das geheimpolizeiliche Netz der Staatssicherheit geschützt, sondern zudem durch ein semiotisches Netz, das jeden einband (auch den partiell kritischen), der die Kohärenz des semiotischen Sprach- und Denkgeheges nicht radikal aufbrach und in Richtung einer schroffen Intransigenz verließ. Auch der kritische 'Gegendiskurs' ist lediglich die negative, doch noch immer transitive Variante des gesellschaftlichen Leitdiskurses und diesem komplementär (Walter 1996: 12f.).

Auf diese Weise entsteht eine Literatur, die ihren potentiellen Einfluß auf das poltische Geschehen überschätzt, wie sich dann sehr schnell nach der Wende herausstellt, und gleichzeitig eine Gedankenpolizei, die die Literatur in dieser Selbsteinschätzung bestärkt:

Indem sich die kritische Literatur in der DDR auf die politische Macht bezog, erhielt sie eine zusätzliche politische Dimension und mit ihr einen Bedeutungszuwachs, der nicht intendiert sein mußte oder dem literarischen Text immanent war. Dieses politisch bedingte Mehr an Bedeutung schuf die Illusion einer unbedingten Bedeutsamkeit eingreifender und verändernd wirkender Literatur -- eine Selbstüberschätzung, die ihre Entsprechung, wiederum negativ komplementär, in der Überschätzung der DDR-Machthaber fand, eine kritische Literatur könnte ihre Machtpyramide untergraben, aushöhlen und zum Einsturz bringen" (Walter 1996: 13).

Wenn der Versuch der Stasi, einen diffusen Feind zu bekämpfen nicht schon paranoid genug anmutet, dann um so mehr das Bemühen, jedes Wort eines Schriftstellers auf sein 'staatsgefährdendes Potential' hin abzuklopfen. Walther macht darauf aufmerksam, wie die Stasi die Möglichkeiten des geschriebenen Wortes maßlos überschätzte, und gleichzeitig die grundsätzliche Vielstimmigkeit der Metapher verkannte:

Der Aufwand, den die DDR-Tschekisten auf der 'Linie Schriftsteller' betrieben, scheint aus heutiger Sicht maßlos überzogen: eine wahnhafte Überschätzung des 'staatsgefährdenden' Potentials unangepaßter, kritischer Literatur. Doch hat der Wahn Methode, da Verfolgungsdrang und Verfolgungswahn ursächlich zusammenhängen. Es ist die Furcht des nackten Kaisers vor der Entblößung durch das Wort, die Furcht davor, das Volk, der große Lümmel, könnte angstfrei mündig werden. Duales Denken und ein auf das binäre Freund-Feind-Bild verengtes Wahnehmungsraster tun sich schwer mit der irisierenden Strahlung des künstlerischen Wortes und mehrdeutiger Metaphorik, die der individuellen Interpretation, der Imagination des einzelnen offen und in ihrer Privatheit schwer zu kontrollieren sind. Wenn, nach Lichtenberg, die Metapher klüger als der Autor ist, dann mußte dies die auf Eindeutigkeit getrimmten Wortwächter erheblich irritieren. Das Unvermögen schuf Unsicherheit und Mißtrauen bei den ohnmächtig Mächtigen und löste den paranoiden Impuls aus, die Literatur, wenn sie schon nicht total beherrschbar war, zumindest umfassend zu überwachen (Walther 1996: 12).

Diese Unterdrückung jeglicher Denk- und Redefreiheit stellt eine Perversion der Parteilichkeit dar, wie sie Marx und Engels praktizierten.1 Sie nämlich traten für die Presse- und Redefreiheit ein, da sie einsahen, daß andere Standpunkte für die 'Wahrheitsfindung' unumgänglich sind. So nahmen beide an inner- und außerparteilichen Debatten teil, indem sie oft auf polemische Weise auf die Schwächen der opponierenden Meinungen hinwiesen und dagegen ihre alternativen Konzepte entwickelten und klärten. Fuchs beruft sich auf diese radikale marxistische Tradition und bezichtigt dagegen die SED des Parteiformalismus:

Die 'schöpferische Initiative', von der so viel gesprochen wurde, konnte doch nicht darin bestehen, daß das Fragen und das Drängen auf Antworten als 'überflüssig', 'individualistisch', 'unparteilich' oder gar als 'zersetzend' angesehen wird. Da ich die Klassiker des Marxismus recht gründlich gelesen hatte, wußte ich, wie radikal (von den Wurzeln her) gerade sie gegen jegliche staats- und parteiformalistischen Tendenzen entgegengetreten sind (Fuchs 1990: 32).

In einem Brief an den Genossen Honecker, eine Art Brief an den Vater, konstatiert Fuchs, daß die Partei vor ihm Angst bekam, da er ihre Sprache und ihre Methoden entlarvte und sie so der Lächerlichkeit preisgab: „Sie hatten Angst. Kritisiert wurden vor allem die literarischen Arbeiten, in denen ich gegen eine Art, mit Menschen zu sprechen, Partei ergriffen hatte: gegen das Drohen, Einschüchtern und übermäßige Kontrollieren, das jedem Meinungsstreit schnell ein Ende bereitet, weil es Verdächtigungen an die Stelle von Argumenten setzt" (Fuchs 1990: 33). Dazu hat ihm keine Ideologie oder Theorie den Anstoß gegeben, sondern seine eigene Wahrnehmung und seine eigene Biografie. Fuchs äußert seine radikal subjektive Sicht auf die Realität wie folgt: „Nichts, was ich beschrieb, sog ich mir aus den Fingern, freilich, objektive Berichte konnte ich nicht liefern -- ich machte deutlich, daß ich dieses und jenes erlebt und verarbeitet hatte --, alles aber beruhte auf einer wirklichen und lebendigen Grundlage, auf meiner Biografie" (Fuchs 1990: 33). Fuchs spricht ausdrücklich nicht von der Wahrheit, sondern von der gegebenen Realität, die sich in ihren schlechten Seiten kritisieren und folglich auch verändern läßt: „Ich sehe meine Aufgabe als Schriftsteller in der Aufdeckung der Wirklichkeit und der Kritik ihrer schlechten Seiten. Eine solche Kritik, die auch nach den Ursachen von erlebten Folgen fragt, kann doch nicht bestraft werden, schon gar nicht in einem sozialistischen Land, in der DDR. In meinen Prosastücken orientiere ich mich an den Fakten und versuchte, meine dazugehörigen Gedanken, Gefühle und Haltungen zu verdeutlichen. Dabei gehe ich von dem Wissen aus, daß unsere Gesellschaft nicht konfliktfrei ist und erst am Anfang einer sozialistischen Entwicklung steht" (Fuchs 1990: 33). Solchen kritischen Geistern konnte die DDR aber nur mit Parteiausschluß begegnen, der dadurch begründet wurde, daß er ein agent provocateur sei: „Den Äußerungen und Erklärungen, mit denen mein Parteiausschluß begründet wurde, mußte ich allerdings entnehmen, daß die Anklage gegen mich unter anderem auf der Fiktion beruht, unsere Gesellschaft sei konfliktfrei und ich ein eingeschleuster Provokateur. Die 'noch existierenden Widersprüche' wurden zwar bedauernd in Nebensätzen erwähnt, aber wenn es konkret wurde, war diese kleine Welt doch die beste aller möglichen Welten, von er nur eine Phantast (oder ein Kommunist) annehmen konnte, daß sie noch Verbesserungen vertragen könnte" (Fuchs 1990: 33f.).

Das bedeutet jedoch nicht, daß Fuchs nicht auch eine noch weitergehendere und grundsätzlichere Kritik am Marxismus-Leninismus übt. Vor allem bei Lenin sieht er bereits Ansätze einer Parteidiktatur und die Tendenz, gegen Andersgesinnte gnadenlos vorzugehen. Man könnte behaupten, daß sich an den Anfängen des Marxismus bereits eine von Marx und Engels niedergelegte Orthodoxie herausbildete. Ihre Polemiken gegen Meinungen sowohl aus dem 'feindlichen' Lager der Nationalökonomie und der 'Freien Marktwirtschaft' als auch aus dem eigenen Lager der Utopisten und Anarchisten dienten wohl dem Zweck, diese Parteilinie zu verteidigen und zu festigen.

Diese polemische Haltung artete jedoch immer mehr in Besserwisserei aus. Die Partei leitete ihr Wissensprivileg von ihrer avantgardistischen Position ab, derzufolge sie den Massen im Verständnis der wirklichen politischen Lage weit voraus war. Dazu bemerkt Oskar Negt: „Solange die kommunistischen Parteien im Horizont einer Avantgarde-Theorie operieren, hat die Partei das Monopol auf Lernprozesse, nicht die Gesellschaft. Der Schritt darüber hinaus würde bedeuten, daß Revolutionstheorie den institutionalierten Zusammenhang der Parteitheorie sprengt und dadurch die Möglichkeit geschaffen wird, daß die Gesellschaft selber die Emanzipationsgehalte der sozialrevolutionären Bewegung unter Aspekten des Sieges einklagt" (Negt 1988: 109).

Das Problem des doktrinären Partei-Kommunismus liegt darin, daß der Marxismus-Leninismus nicht nur als eine Möglichkeit verstanden wurde, wissenschaftlich verifizierbare Sätze über die Beschaffenheit der kapitalistischen Produktionsweise aufzustellen, sondern zu einer politischen Doktrin wurde, die von einer polischen Partei vertreten wurde. Während die kommunistischen Parteien unter dem kapitalistischen System noch zum Nachweis ihrer besseren Argumente gezwungen wurden, erklärten sie im sozialistischen Staat ihre Wahrheit zur einzigen Wahrheit. Durch die Abschirmung von anderen Meinungen und der Fortentwicklung der Gesellschaft und der Wissenschaften, verknöcherte aber diese Doktrin in dem Maße, wie auch ihre Vertreter immer älter wurden. Eine Zeit lang war es noch möglich, die Regierten durch Furcht und Überwachung zu beherrschen, bis sie selbst die Initiative ergriffen und die Regierung abschafften.

Die wissenschaftlichen Diskurse der Moderne werden ferner durch den Willen zur Wahrheit sanktioniert, d.h. durch den Gegensatz zwischen dem Wahren und dem Falschen. Es gilt bereits als Verstoß gegen die Diskursregeln, die Wahrheit als Willen zu bezeichnen, da der Begriff des Willens auch die Fragen der Macht und des Begehrens voraussetzt, die offenbar im Konflikt zum Wahren stehen. An „der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert ist (vor allem in England) ein Wille zum Wissen aufgetreten, der im Vorgriff auf seine wirklichen Inhalte Ebenen von möglichen beobachtbaren, meßbaren, klassifizierbaren Gegenständen entwarf; ein Wille zum Wissen, der dem erkennenden Subjekt (gewissermaßen vor aller Erfahrung) eine bestimmte Position, einen bestimmten Blick und eine bestimmte Funktion (zu sehen anstatt zu lesen, zu verifizieren anstatt zu kommentieren) zuwies; ein Wille zum Wissen, der (in einem allgemeineren Sinne als irgendein technisches Instrument) das technische Niveau vorschrieb, auf dem allein die Erkenntnisse verifizierbar und nützlich sein konnten" (Foucault 1974: 12f.). Das wissenschaftliche Subjekt wird so als objektives, ahistorisches, interesseloses Wesen ohne irgendwelche „materiellen, technischen, instrumentellen Investitionen der Erkenntnis" konzipiert (Foucault 1974: 13).2

Die Trennung der 'wahren' von den 'falschen' Sätzen wird durch die Disziplin gewährleistet. Die Disziplin definiert sich „durch einen Bereich von Gegenständen, ein Bündel von Methoden, ein Korpus von als wahr angesehenen Sätzen, ein Spiel von Regeln und Definitionen, von Techniken und Instrumenten: das alles konstituiert ein anonymes System, das jedem zur Verfügung steht, der sich seiner bedienen will oder kann" (Foucault 1974: 21). Als wissenschaftliche Disziplin stellt der Marxismus-Leninismus die Sätze, Methoden, Regeln und Definitionen auf, denen alle Sätze gehorchen müssen, um als 'wahr' angenommen zu werden. Ein Satz in einem solchen System muß „komplexen und schwierigen Erfordernissen entsprechen" (Foucault 1974: 24). Das schließt automatisch alle spontanen, alltäglichen, aber auch poetischen Äußerungen aus.

Als Wissenschaftsdisziplin produziert sie gelenkige und gefügige Gehirne. Als Schuldisziplin produziert sie gefügige Körper: „Ich kam nie zu spät" (Fuchs 1981: 16), sagt Fuchs über seine Schulzeit: „Ich war ein guter Schüler" (Fuchs 1981: 23). Hier wird einem nicht nur das Erschrecken eingedrillt, wenn ein Lehrer vorbeikommt, sondern auch die Komplizenschaft mit der Macht: „Das Kichern der anderen / Wenn er plötzlich um die Ecke bog" (Fuchs 1981: 16) und die Unterwerfung unter die Macht: „Ich will es nicht wieder tun / Nie wieder" (Fuchs 1981: 17) sagt „das kleine Gesicht / Das rot wird / Oder blaß" (Fuchs 1981: 16). Der Körper lernt schnell, richtig zu reagieren, auch wenn die Schule den letzten Rest Aufmüpfigkeit doch nie ganz auslöschen kann: „Einen nassen Tafellappen an die Wand zu werfen / Ist auch mutig." (Fuchs 1981: 19) Als militärische Disziplin erzwingt sie die Konformität des Einzelnen in geradezu grotesker Sturheit:

AM ERSTEN TAG, nach der Einkleidung, als ich vom Stabsgebäude in die Unterkunft rannte, die neue Uniform unterm Arm, und einem Mann begegnete mit Schirmmütze, Koppel und goldenen Schulterstücken, den ich nicht kannte, den ich erst bemerkte, als er HALT schrie und ZURÜCK, den ich gar nicht gesehen hatte vor Aufregung und Eile am ersten Tag, wäre ich fast weitergerannt, wäre ich fast nicht zurückgekommen, hätte ich fast nicht Aufstellung genommen, wäre ich fast nicht noch einmal mit der rechten Hand am Käppi an ihm vorbeimarschiert, wie ich es getan habe nach kurzem Zögern, kürzer als diese dreizehn Zeilen dauern, wenn sie schnell vorgelesen werden (Fuchs 1981: 14).

Die scheinbar ganz sachliche Beschreibung ohne Kommentar legt dennoch den Blödsinn solcher Rituale und Diskurse offen. Der Widerstand gegen diesen Diskurs beginnt mit einem, einer Einzelnen und schwillt zu den Vielen, fast Allen an. Dadurch wird die Bedeutungslosigkeit der Herrschenden im Verhältnis zur Masse der Beherrschten sichtbar, das eigentliche Machtverhältnis offenbart sich. Die Betonung des Einzelnen steht im Gegensatz zum Kollektiv, das ja als Maßstab des individuellen Handelns im sozialistischen Staat fungierte. Darum geht es in dem Gedicht Nicht Alle, das Fuchs aus Anlaß der Faultlines-Konferenz in Kapstadt 1996 verfaßte, in der es ebenfalls um die Aufarbeitung der Erfahrung unter einem anderen totalitären Regime, der Apartheid, ging.3 Das Individuum soll so handeln, daß es nicht in Konflikt mit den Interessen des Kollektivs gerät. Dieses Prinzip entlarvt Fuchs jedoch als Zwang zur Konformität, die es aufzubrechen gilt durch die Wiederentdeckung individueller Verletzungen, Stärken, Ängste und Wünsche. Der Eigensinn findet Verstecke, in denen er sich, wenn auch mit schlechtem Gewissen, ausleben kann:


Das Klo
Der liebste Ort
Halt, wohin
Ich gehe austreten
Zehnmal am Tag
Wie lang ist deiner
Zeig mal
Meiner ist länger
Na und
Dafür habe ich schon Haare (Fuchs 1981: 20)

Dort, wo der Schüler sich nicht beobachtet fühlt, erhält er sich einen letzten Rest von Freiheit, zeigt durch seine Gesten seine Nicht-Unterwerfung an:

Und der Zeigefinger
Auf dem Weg zur Stirn, hinter dem Rücken


Die rote Zunge (Fuchs 1981: 17)

In dem Gedicht zeigt Fuchs, wie weit sich ein Einzelner, eine Einzelne unterdrücken läßt, bis er oder sie beginnt, sich offener dagegen zu wehren. Diese Einzelnen, die sich nicht durch Tortur brechen lassen, sind besonders gefährlich für den Staat, da sie zum Vorbild für andere werden können. Der Sinn der Tortur besteht ja gerade darin, zu zeigen, daß es sinnlos ist, zu rebellieren, da der Staat übermächtig ist.

Dagegen setzt Fuchs im Osten wie im Westen die Weigerung, sich von den Reden der Politiker beeindrucken zu lassen.


NICHT MEHR VERSTECKSPIELEN
Will ich
Die Reden
Der Politiker
Kommen mir sinnlos vor
Ich verwechsle ihre Gesichter .
Welche Absprachen
Sollte ich treffen?
Tricks
Kann ich mir
Im gelben Zauberzelt auf dem Rummel in Kreuzberg
Ansehen. Und wenn kein Zauberzelt da ist
Fahre ich Karussell
Oder Riesenrad (Fuchs 1981: 15)

Wegen dieser Einzelnen ist es Fuchs wichtig, die Alltagssprache zu seiner poetischen Sprache zu machen. Die Vertreter des Staates charakterisiert Fuchs dagegen stets durch die brutale oder abgestumpfte Sprachgeste. Sie brüllen, drohen oder schüchtern mit ideologischen Brocken ein. Fuchs versucht dagegen, den individuellen Gestus, der die Normalität und Konformität des grauen Alltags durchbricht, in den Bildern des Alltags auszudrücken: So wird z.B. die Zeichnung eines Kindes mit dem lachenden Ungeheuer oder der eigene Pullover zu einem Zeichen des Widerstands und der Solidarität gegen ein inhumanes System. Das bedeutet aber auch, daß der Staat den Widerstand nicht unterbinden kann, da er überall in den harmlosesten Umständen und Gesten aufflammen kann.

für A. + P. Horn und Keith Gottschalk4

Nicht Alle


Sitzen im Gefängnis
Immer nur einer, immer nur eine
Immer sitzen einige, manchmal viele
Im Gefängnis
Im Lager
In der Falle, die meisten nicht
Die meisten sitzen nicht im Gefängnis
Nur manchmal
Einer
Eine
Einige
Viele, fast alle
Ein Vater folgt seiner Tochter
Er sagt Nein im Verhör
Sie brüllen
Er sagt Nein. "Sie sehen Ihre Tochter
Nie wieder!"
Sie brüllen
Er sagt Nein, will kein Schwein sein
Ein Vater folgt seiner Tochter
Der Himmel vielleicht blau
Eine Sonne
Ein kleiner Regen
Eine Welt
Ein Leben
Wer schickt Briefe, Postkarten?
Wer Bücher
Wer legt den eigenen Pullover dazu?
Die Zeichnung des Kindes
Mit Wasserfarben?
Rot, grün, schwarz, eine Wiese, Bäume
Ein lachendes Ungeheuer
Alle saßen nicht im Gefängnis
Immer nur einer, immer nur eine
Im Lager
In der Falle
Andere
Saßen in anderen Fallen
Andere
Sitzen in anderen Fallen
Manchmal
entscheidet ein Brief, eine Postkarte
Ein Buch, eine Zeichnung eines Kindes
Ein Freund, ein
Winken, ein
Gruß
Über Leben und Tod
Einer, eine

Das sprachliche Spiel um die Wörter „nicht alle", „einer", „eine", „einige", „viele", „andere", „fast alle" widerspiegelt die Position des Einzelnen im Widerstand gegen die Staatsgewalt. Er ist zunächst „einer", das ist seine unmittelbare Erfahrung, er wird von den anderen ferngehalten, dann aber erfährt er, daß es auch andere gibt, vielleicht sogar viele, ja fast alle, die gegen diesen Staat angehen. Aber es sind nie alle, die sich gegen den Staat stellen. Die Stärke des Regimes besteht darin, daß sie den Einzelnen glauben lassen, er sei nur einer. Von dieser vereinzelten Position aus muß er sich zunächst wehren, denn selbst wenn es andere gibt, die auch Widerstand leisten, als „einer" steht er allein dem Vernehmungsbeamten gegenüber.
„Ein Vater folgt seiner Tochter" deutet an, daß die junge Generation die ältere, die sich vielleicht mit der Diktatur abgefunden hat, auffordert, sich der Bevormundung und Gängelung durch den Staat zu widersetzen. Das Nein im Verhör signalisiert, daß der Vater nicht die gewünschten Informationen über die Tochter und die Beziehungen, die sie tragen, preisgeben will. Die Polizeiagenten drohen mit dem Verlust der Tochter. Der Vater gerät so in einen 'double bind': Wenn er nicht über die Beziehungen und Aktivitäten der Tochter Auskunft gibt, verliert er sie vielleicht physisch, und wenn er ihnen die Informationen gibt, verliert er die Liebe und Anerkennung der Tochter, weil er ihre Integrität verraten hat. Diese Art, in die intimsten privaten und familiären Beziehungen einzugreifen, um sie zu 'zersetzen', identifiziert Fuchs als einen bevorzugten 'operativen Vorgang' der Stasi. Ziel der Zersetzung war „die Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kräfte, um dadurch feindlich-negative Handlungen einschließlich deren Auswirkungen vorbeugend zu verhindern, wesentlich einzuschränken oder gänzlich zu unterbinden bzw. eine differenzierte politisch-ideologische Rückgewinnung zu ermöglichen" (zit. nach Walther 1996: 321). Dieser Eintrag aus dem Wörterbuch der Stasi hätte direkt aus dem Wörterbuch der SS abgeschrieben sein können. In seinen Essays verweist Fuchs auf die Parallele des stalinistischen Sprachverfalls zum Sprachverfall des Dritten Reichs, den Victor Klemperer (1975) als LTI kennzeichnete. Das totalitäre System versucht, durch eine Atmosphäre der Furcht und der Paranoia die Widerstandschancen des Einzelnen, der Einzelnen zu verringern. Zugleich soll aber ihr konformistisches Verhalten nicht als Zwang und Gewalt verstanden werden, sondern als das einzige wahre und vernünftige, da es durch den 'humanistischen' Diskurs des Marxismus-Leninismus legitimiert ist.

In seinen Essays betont Fuchs immer wieder, daß er gegen die Sklavensprache anzuschreiben versucht. Unter der Verwaltung der Sprache durch ein totalitäres Regime entwickelt sich als Gegenbewegung eine Sklavensprache, zu der nach Fuchs auch die Literatur gehört. Er bezeichnet die Entdeckung der Sklavensprache an seinen eigenen Gedichten als „interessante[n] und schmerzliche[n] Vorgang", den er so beschreibt:

Die ganze Wahrheit kann man nicht sagen, also überlegt man sich Andeutungen, Spitzen, Symbole, die dann bei einigen Menschen eine 'Aha'-Reaktion auslösen, soweit sie den gleichen Code besitzen. Das alles geschieht mehr oder weniger bewußt und hat ein wenig mit 'Sklavensprache' zu tun. Je verschlüsselter die Menschen reden, desto deutlicher verweisen sie darauf, daß sie nicht alles sagen dürfen. Diese Art 'Kassiber'-Literatur, die in der DDR noch sehr verbreitet ist, habe ich eine Zeitlang mitgemacht, so lange genau, bis ich dieses Problem einigermaßen erkannt hatte. Wenn ich heute manches deutlicher sage, dann deshalb, weil ich nur so eine gute künstlerische Qualität erreiche, wie ich mir einbilde. Das Dumme ist nur, daß die verschlüsselte Ausdrucksweise eine sehr verständliche und auch notwendige Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR ist, und wer sich da nicht an die Spielregeln hält, der kann etwas erleben (Fuchs 1990: 57).

Fuchs ist sich durchaus der Problematik der Literarisierung von Erfahrungen bewußt. Er weiß auch, daß wir dazu neigen, der Sprache eine magische Gewalt zuzuschreiben, daß wir hoffen, das einmal ausgesprochene oder niedergeschriebene würde nun nicht mehr in der Realität eintreffen: „Heimlich, mit Hilfe der Sprache, sollten die Gefahren abgewendet werden. In der Not der Rückgriff aufs Magische. Das Aufschreiben war sehr wichtig und nicht nur ein Ventil" (Fuchs 1984: 17). Aber die Magie der Sprache kann die Realität in dieser einfachen Weise nicht beeinflussen: „Auch ich wurde ins Zimmer des Direktors gerufen. Und der Einberufungsbefehl kam pünktlich, ich war achtzehn" (Fuchs 1984: 17). Literatur rettet weder vor der Armee nocht vor den Spitzeln der Stasi noch vor dem Gefängnis.

In dem Gedicht Nicht Alle wird die Anklage gegen den Vater nicht klar ausgesprochen. Vielleicht ist es auch unwesentlich, da jede noch so kleine Tat als staatsgefährdend angesehen wurde, und da man den Anspruch, daß die DDR ein Rechtsstaat sei, schon längst aufgegeben hatte. Das Wort 'Lager' in dem Gedicht könnte sowohl auf ein Konzentrationslager im Dritten Reich als auch auf ein stalinistisches Lager verweisen.

Nach West-Berlin abgeschoben, überlegte sich Fuchs, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, die DDR-Behörden zu zwingen, ihn vor Gericht zu bringen: „Ein Verbleiben im Gefängnis hätte vielleicht mehr bewirkt als alle Erklärungen hier." Er weiß aber auch: „Vielen werden diese Zweifel unverständlich vorkommen." (Fuchs 1984: 28) In einem Brief an Katja und Robert Havemann gesteht er „ein Gefühl des sinnvollen Lebens im Gefängnis ... das ich hier vergeblich und auch verzweifelt suche. Ja, in der Zelle fühlte ich manchmal weniger Leere als bei Karstadt oder im KaDeWe." (Fuchs 1984: 29) Er reflektiert diese Zweifel in einem Gedicht:

Wir sind weg


sagt sie
wir können nicht zurück
aber ich bin nicht mehr im Gefängnis
sage ich
ja, sagt sie
das stimmt. (Fuchs 1984: 28)
Fuchs' Kritik an der Sklavensprache, bedeutet aber auch, daß er sich weigert, 'poetisch' zu schreiben oder mit literarischen Formen zu experimentieren. Dadurch wirken seine Texte auf den ersten Blick 'unliterarisch'. Damit verkennt man jedoch ihren Kunstcharakter, der sich in dem Aussparen aller unwesentlichen Details des Alltags offenbart und unfehlbar den signifikanten und mehrdeutigen Gestus herauskehrt. So können die Gedichte auch nicht einfach konsumiert werden. Sie wehren sich gegen „den halben Wahnsinn dieses Marktes hier, [gegen] das Einbeziehen von gesellschafts- und staatskritischer Literatur in den Reklamekreislauf dieses Systems". (Fuchs 1984: 27) Sie erfordern aktive LeserInnen, um das Nichtgesagte überhaupt erst zu imaginieren und zu begreifen. Fuchs setzt seine aufklärerische und humane Arbeit auch nach der Wiedervereinigung Deutschlands fort, indem er diese leise Erinnerungsarbeit trotz der euphorischen Jubelsänge und melancholischen Trauermärsche leistet.

Literatur:

Foucault, Michel 1974. Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France- 2. Dezember 1970. Aus dem Französischen von Walter Seitter. München: Carl Hanser Verlag

Fuchs, Jürgen 1981. Pappkameraden. Gedichte. Hamburg: Rowohlt

Fuchs, Jürgen 1984. Einmischung in eigene Angelegenheiten, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

Fuchs, Jürgen 1990. Gedächtnisprotokolle. Vernehmungsprotokolle. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

Fuchs, Jürgen 1993. Poesie und Zersetzung. (=Reihe Literatur zur Beförderung der Humanität). Jena: Universitätsverlag

Klemperer, Victor 1975. LTI. Notizbuch eines Philologen. Leipzig: Reclam Verlag (1957)

Negt, Oskar 1988. Modernisierung im Zeichen des Drachens. China und der europäische Mythos der Moderne. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag

Walther, Joachim 1996. Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Ch. Links Verlag, Berlin


1 Fuchs verweist darauf, was „Marx vor der Revolution 1848 äußerte. Er beschreibt die Zensierung der Presse und weist auf eine Vor-Zensur hin, die im Inneren des Schreibers hockt. Sie schreckt die unerlaubten Gedanken schon in ihren anspruchsloseren, unliterarischen Formen zurück. Da wird man ganz sprachlos und schafft nichts mehr. Manche glauben dann, die Inspiration setze aus, dabei setzt die Zensur ein. Aber heute und bei mir ist das schon etwas anders. Es gibt Kollisionen und Geschrei, also ist anzunehmen, daß meine Äußerungen schon an Lebendigkeit gewonnen haben ..." (Fuchs 1990: 57).

2 „Der wahre Diskurs, den die Notwendigkeit seiner Form vom Begehren ablöst und von der Macht befreit, kann den Willen zur Wahrheit, der ihn durchdringt, nicht anerkennen; und der Wille zur Wahrheit, der sich uns seit langem aufzwingt, ist so beschaffen, daß die Wahrheit, die er will, gar nicht anders kann, als ihn zu verschleiern" (Foucault 1974: 15).

3 Eine verborgene Spur dieses Anlasses ist in der Anspielung auf ein Gedicht von Nathan Zach enthalten, das Zach als geladener Gast auf der Konferenz rezitierte, in der ebenfalls die Formulierung „Nicht Alle" eine entscheidende Rolle spielt.

4 Das Gedicht wird hier zum erstenmal mit der freundlichen Genehmigung des Autors abgedruckt.