| |
Die Fremden spielen mit: Magische
Schiffe, Lesestunden und Peepshows. Anette und Peter Horn
Man könnte meinen, wahrhaftig,
man sei eingesperrt.
Und doch tut man wohl,
was man will
oder ungefähr das, was man will.
Also eingesperrt,
mein Gott, aber von wem?1
Wenn nicht gleich zu Beginn des
Films folgender Text erschiene:
Nach der Eroberung und
Ausplünderung des Inkareiches durch die Spanier erfanden
die Indianer in ihrer Not die Fabel vom Goldland El
Dorado, das in den unbegehbaren Sümpfen der
Amazonasquellflüsse liegen sollte.2
könnte man Herzogs Film, Aguirre,
der Zorn Gottes,3 als eine Verfilmung eben jener
Stereotypen lesen, die den Reisebericht und die
Abenteurerromane des Kolonialismus kennzeichnen. Noch
einmal wird deutlich, daß die Inkas die Spanier
absichtlich in eine ausweglose Hölle geschickt haben,
als Runo Rimac, der gefangene Inka-Prinz sagt: Du
tust mir aber auch leid, denn ich weiß, es gibt keinen
Ausweg aus diesem Urwald." Diese dem Film
vorangestellte Mitteilung - die nicht als Bild gezeigt
wird, im Gegensatz zu Fitzcarraldo, wo das
Mitspielen der Indianer zum Spiel auf der Leinwand wird -
und Runo Rimacs Prophezeiung gibt dem, was dann
gezeigt wird eine andere Dimension. Wer diese
Mitteilungen übersieht und überhört, kann den
Film als eine jener Darstellungen lesen, in denen das
tragische Scheitern eines überdimensionalen kolonialen
Unternehmens gefeiert wird: Nicht nur überwinden die
Eroberer der Indianerreiche Südamerikas kaum begehbare
Felswände und gefährliche Stromschnellen, während der
Fahrt den Amazonas hinunter lauern ungreifbar, unsichtbar
und unhörbar im Urwald ständig die Indianer als Feinde.
Deren Präsenz ist bis auf wenige Ausnahmen nur erahnbar,
wenn es plötzlich unnatürlich still wird. Gerade wenn
es besonders still ist, sind die Gegner nahe und man
erwartet jeden Augenblick ihren Angriff - Es gibt
Stille und Stille", meint der Kapitän Resenbrink in
Fitzcarraldo. Obwohl man sie nie sieht, sind sie
immer da und gewinnen das Spiel. Diese Indianer zeigen
sich in einem zentralen Bild als menschenfressende Wilde,
denen die weißen Abenteurer nur vorbeischwimmendes
Fleisch sind, oder als gläubige Narren, die die Ankunft
der weißen Rasse erwarten und dann in einer grotesken
Szene zu Christen gemacht werden. Am ehesten entspricht
der Indianerprinz Runo Rimac, das heißt,
derjenige, der spricht", den die Spanier Balthasar
getauft haben, dem Stereotyp des Kolonisierten als Opfer.
Er klagt: Seuchen sind über mein Volk gekommen,
Erdbeben und Überschwemmungen, aber was die Spanier uns
angetan haben, ist noch viel schlimmer." Er macht
damit den Raubzug der Spanier zu einer Art
Naturkatastrophe, etwas, womit er sich abgefunden hat:
nun bin ich in Ketten wie mein Volk, und jetzt muß
ich auf den Boden schauen. Fast alles hat man uns
weggenommen. Ich kann nichts dagegen tun, ich bin
machtlos." Aber selbst der schwarze Sklave Okello
hat seine eigene Agenda, auch wenn er als Sklave
ohnmächtig ist, erhofft er sich doch etwas aus dem
Unternehmen: Und alle werden wir etwas gewinnen,
Gouverneursposten, Provinzen, Frauen. Und vielleicht werd
ich mal frei".
Der wirkliche Führer der
Eroberer, Aguirre, entspricht in Vielem dem Stereotyp des
Abenteurer-Eroberers. Die Geschichte von Herzogs Aguirre
ist eine Kontamination der Geschichte von Francisco de
Orellana, des ersten Spaniers, der sich im Jahre 1541 von
Gonzalo Pizarro getrennt hatte und den Amazonas auf
seiner ganzen Länge befahren hat, und von Pedro de
Ursúa und Lope de Aguirre, die im Jahre 1560 mit zwei
Brigantinen und sieben flachen Booten den Amazonas
hinunterfuhren.4 Aguirre ist, wie Cortez und Pizzaro,
ein Mensch ohne Maß", der in einem
maßlosen Milieu herum"-geistert, und
sich mit Plänen für eine Aktion, die ebenso groß
ist wie das Milieu" trägt. Im Film verdoppelt
sich die Aktion: es gibt die erhabene Aktion, die immer
darüber, immer jenseits steht." Vom Standpunkt
Aguirres aus erzeugt sie aus sich selbst eine
andere Aktion, eine heroische, die sich auf eigene Faust
dem Milieu entgegenstellt, das Undurchdringliche
durchdringt und das Unüberschreitbare
überschreitet."5 Diese Aktion wird nicht von der
Situation gefordert, sie ist ein verrücktes Unternehmen,
ein Hirngespinst eines Besessenen, der an seine Visionen
glaubt und anscheinend der einzige ist, der es mit dem
gesamten Milieu aufnehmen kann."6 Er
ist auch der einzige, dem es nicht um Gold geht, sondern
um Macht, Ruhm und um die Freiheit, alles zu tun, was er
will. Wenn die Indianer die Goldgier der Erober benutzen,
um sie in den Sümpfen des Amazonas loszuwerden, benutzt
Aguierre seinerseits die Goldgier seiner Landsleute um
seinen Traum zu verwirklichen: der große
Verräter, der Verräter schlechthin zu sein und alles
zugleich zu verraten - Gott, den König und die Menschen
-,"7 der Kaiser von Eldorado zu werden, und
um in einer inzestuösen Verbindung mit seiner
Tochter eine reine Rasse zu begründen8
und aus der Geschichte das »Werk«, die »Oper« der
Natur zu machen."9 Was Friedrich Brie 1920 über den
kolonialen Abenteurer sagte, trifft auf Aguirre, aber vor
allem auf den fiktionalen Aguirre des Films zu. Es geht
ihnen darum, sich aus der Wirklichkeit zu flüchten
in ein Reich fremdartiger, schrecklich schöner,
ungeheuerlicher, die Sinne befriedigender
Emotionen."10
Indem der Film mehr und mehr
Aguirre in den Mittelpunkt des Interesses rückt, scheint
er noch einmal Exotik als eine Art Initiation in die Welt
der Anarchie zu benützen, das Exotische als eine
Metonymie des Erotischen zu verwenden,11
den Ort, an dem Ohnmacht ihre Machtträume träumen kann,
ein Ort, wo das Unbegehbare, die Sümpfe, mit Gewalt
begehbar gemacht werden. Der Film hat also, und nicht nur
in dem Augenblick, wo die letzten Überlebenden ein
Schiff in der Krone eines Urwaldriesen erblicken,
eine halluzinatorische Dimension, in der sich der
rastlose Geist bis zum Grenzenlosen in der Natur erhebt,
und eine hypnotische Dimension, in der der Geist mit
Grenzen konfrontiert wird, die ihm die Natur setzt."12
Aber auch Herzogs Film selbst hat etwas von der
Maßlosigkeit seiner Helden: Von Anfang an, schon
seit seinem Debut mit Lebenszeichen (1967), war in
Herzogs Filmen die Vision, das noch nie vorher geschaute
Bild, ein zentrales Motiv."13
Zu den Stereotypen des
Kolonialismus gehört aber nicht nur das große Projekt,
sondern auch das tragische oder tragisch-komische
Scheitern. Der Held, der ausgezogen ist, die Welt zu
erobern, findet sich an einem Ort, weit von jeder
Zivilisation, allein und ohne Aussichten auf ein gutes
Ende, von einem Papagai ausgelacht: Das erhabene
Projekt des Visionärs scheitert in seiner großen Form,
und seine gesamte Realität geht über ins Kümmerliche:
Aguirre findet sein einsames Ende auf einem Floß,
zusammengepfercht mit der einzigen Rasse, die ihm bleibt
- einer Handvoll Affen."14
In Fitzcarraldo wird es
noch augenfälliger, daß das Heroische (die
Gebirgsüberquerung des großen Dampfers) ein Mittel des
Erhabenen ist: der gesamte Urwald wird zum Tempel der
Oper Verdis und der Stimme Carusos.15
In Herzogs Fitzcaraldo scheint sich für einen
Augenblick das gleiche Szenario wie in Aguirre zu
wiederholen. Fitzcarraldo (die portugiesische Form von
Fitzgerald), der, um seinen Plan, ein Opernhaus in
Iquitos zu bauen, das scheinbar Unmögliche unternimmt,
den Oberlauf des Ucayali zu erschließen, um da Kautschuk
zu gewinnen, entdeckt, daß der Ucayali oberhalb der
äußerst gefährlichen Pongo-das-Mortes-Stromschnellen
an einer Stelle dem schiffbaren Pachitea ganz nahe kommt.
Er wird allerdings vor den Jivaros, den von der
Zivilisation noch unberührten Indianern am Oberlauf des
Pachitea, gewarnt. Die Jivaros sind wegen ihrer Wildheit
berüchtigt. Sie haben bisher jede Expedition und jeden
Versuch, sie zu missionieren, mit äußerster Gewalt
beantwortet, und sie stehen unter dem Verdacht,
Kopfjäger oder Kannibalen zu sein. Zwei der Missionare,
die den bisher letzten Versuch unternommen hatten, wurden
getötet, und die verweste Leiche des einen kommt kopflos
den Fluß hinabgetrieben. Dann aber ergibt sich etwas
ganz anderes. Anstatt eines Kampfes der Kolonisatoren
gegen die Wilden kommt es zu einer eigenartigen
Zusammenarbeit der beiden: die Indianer haben einen Plan,
zu dessen Durchführung sie Fitzcarraldo einsetzen
müssen, genauso wie Fitzcarraldo, nachdem seine eigenen
Leute ihn verlassen haben, die Indianer braucht, um
seinen Plan durchzuführen.
Die Indianer sind, so stellt
sich heraus, aus dem Norden Brasiliens hierher gewandert,
weil sie auf der Suche nach dem weißen Gott"
und nach dem Land sind, wo es kein Leid und keinen Tod
gibt. Im Vorspann des Films ist folgender Text zu lesen:
Cayahuari Yacu nennen die
Waldindianer dieses Land, das Land in dem Gott mit
der Schöpfung nicht fertig wurde." Erst nach dem
Verschwinden der Menschen, glauben sie, werde er
wiederkehren, um sein Werk zu vollenden.
Eben diese Unvollkommenheit ist
es, die die Menschen selbst durch ihr Handeln zu
überwinden suchen. Im Gegensatz zu der Technik der
Europäer, die ein praktisches Ziel (Kautschuk zu
gewinnen) durch eine technische Lösung (das Schiff über
die Landenge transportieren) zu erreichen suchen, handeln
die Indianer in anderen Zusammenhängen, in denen das
jeweils Zuhandene eingesetzt wird, um einen magischen
Zweck zu erreichen. Allerdings ist auch die Technik der
Europäer, besonders an einem so abgelegenen Ort darauf
angewiesen, Lösungen aus dem gerade Vorhandenen
zusammenzubasteln: so werden z.B. die nutzlosen
Eisenbahnschienen der Trans-Anden-Eisenbahn Fitzcarraldos
mitgenommen um darauf das Boot besser gleiten zu lassen.
(Am Ende erweisen sich die Baumstämme als geeigneter).
Die Indianer konnten natürlich nicht vorhersehen, daß
eines Tages ein solches Boot in ihren Fluß einfahren
würde. Nun aber, da es da ist, erkennen sie sein
magisches Potential. Sie verstehen das große Boot als
eine Möglichkeit, die zornigen Geister"
(Chirimagua) der Stromschnellen durch ein Opfer zu
besänftigen. Sie wissen, daß die Weißen keine Götter
sind, aber sie betrachten das Schiff als ein magisches
Fahrzeug.
Fitzcarraldo möchte sich diesen
Mythos zu nutze machen, und benutzt die Musik von Caruso,
um die Aura des Außergewöhnlichen um sein Schiff noch
zu verstärken. Im Gegensatz zu früheren Expeditionen
verzichtet er auf jede Art von Gewalt und verbietet den
Gebrauch der Waffen: Dieser Gott kommt mit der
Stimme von Caruso, nicht mit Kanonen." Auch der
Kapitän, Paul Resenbrink, befiehlt: Es darf auf
keinen Fall geschossen werden." An die Stelle der
kriegerischen Gewalt tritt hier, anders als in Aguirre,
die Verhandlung, in der die beiden Parteien jeweils ihre
Ziele zu denen der anderen machen wollen, und der
Versuch, bei aller Verschiedenheit der Ziele, miteinander
zu arbeiten. Das erste Problem in einer solchen Situation
ist aber die Schwierigkeit der Verständigung. Die
Indianer, die zunächst unsichtbar und oft unhörbar
sind, lassen sich nach und nach sehen, zunächst
einzelne, schließlich eine ganze Flotte von Kanus, die
sich dem Schiff nähern, nachdem diesem der Rückzug
durch die über die Fahrrinne gefällten Bäume
abgeschnitten wurde. Die Szene des ersten Kontakts, als
die Indianer das Schiff erklettern und die vier auf dem
Schiff übriggebliebenen Europäer ihrere Überzahl
völlig ausgeliefert sind, gipfelt in zwei markanten
Höhepunkten. Die Indianer berühren und streicheln die
Hände der Europäer, und drei Flöte spielende Indianer
umtanzen die Europäer beim Essen während die übrigen
in dichter Masse um sie herumstehen. In diesem Augenblick
erleben die Europäer eine Begegnung mit dem
unverständlichen Fremden. Nicht nur verstehen die
Eindringlinge die Sprache der Indianer nur höchst
unzureichend, ihre Gesten und Verhaltensweisen sind ihnen
ebenso unverständlich, noch weniger verstehen sie deren
Ziele und die Methoden, mit denen sie ihre Ziele
erreichen wollen. Immer wieder hören wir von
Fitzcarraldo und seiner Besatzung, daß ihnen die
Absichten der Indianer unzugänglich sind. Die Gedanken
der Indianer sind unergründlich, keiner weiß, was sie
wirklich denken, selbst Huerequeque, der ihre Sprache
zumindest teilweise versteht, sagt immer wieder: Ich kann
nichts aus ihnen rauskriegen. Der Tausch, der hier
ausgehandelt wird, ist immer auch eine Täuschung: beide
Seiten hoffen die andere einzusetzen, um ihr Zeit zu
erreichen; das geht aber nur, wenn jede Seite ihre
eigentlichen Absichten verschleiert. Und so malen sich
die Indianer kurz bevor sie ihren entscheidenden Zug
machen, schwarz an, um sich unsichtbar zu machen.
Fitzcarraldo spürt, sie planen etwas, aber er kann nicht
herausbekommen, was. Auch der Handel", der
Tausch" ist eine Art Kriegszug oder
Jagdunternehmen, wo man die beste Chance hat, wenn der
Gegner oder das Wild nicht weiß, wo man sich gerade
befindet und was man vorhat. Unter diesen Umständen, wo
alles auf Täuschung und Verwirrung angelegt ist, ist es
vielleicht, wie Fitzcarraldos Kapitän sagt, als er
angeheuert wird, ein Vorteil, wenn man nicht mehr sehr
gut sehen kann, weil man eben dadurch den vielen
Sinnestäuschungen des Urwalds nicht zum Opfer fallen
kann, der voller Träume, Lügen und Dämonen"
ist.
Die Unfähigkeit, den Fremden zu
verstehen, weil man seine Sprache nicht versteht und
seine Handlungen nicht interpretieren kann, ist nicht nur
eine linguistische. Nicht mehr verstehen können, was
andere sagen, sich selbst nicht verständlich machen
können, verurteilt einen zu dem Status des Tiers, das
sich höchstens durch Symptome und Gesten verständlich
machen kann. Um das abzuwehren, schreibt man die
Sprachlosigkeit" den anderen zu. Der deutsche
Kolonist Maximilian Bayer erfährt in seinem Umgang mit
den Kolonisierten die Unmöglichkeit", sich
mit ihnen zu verständigen: Aus den Eingeborenen
werden wir überhaupt nicht klug und ganz besonders nicht
aus den Hereros. Sie denken und handeln ganz nach andern
Gesichtspunkten als wir."16 Eine tiefe Kluft klafft zwischen dem,
was der Kolonisator Sprache und Denken nennt und dem, was
die Kolonisierten an sprachähnlichen Lauten
hervorbringen mögen. So erscheint in Hans Grimms
Erzählung Dina" die Sprache der Khoi-San als
tierähnliches Geräusch: Willem redete dies und
das in der Sprache seine Volkes, in irgend etwas, das ein
Buschmannsdialekt sein mochte und klang, als wenn der
Knabe lebendige Käfer und Grillen und Wespen zusammen in
ein Einmachglas gepfercht hat."17
Allgemein verbreitet ist unter Kolonisten die Auffassung:
glauben sie nich, daß sie je 'n Hottentotten oder
'n Buschmann oder so irgend 'nen Halbaffen
auskundschaften werden .."18 Ähnlich behauptet Maximilian Bayer:
Aus den Eingeborenen werden wir überhaupt nicht
klug und ganz besonders nicht aus Hereros. Sie denken und
handeln ganz nach andern Gesichtspunkten als wir."19
Selbst dort, wo der Europäer
nicht mit derartigen Vorurteilen behaftet ist, und
verstehen will, entdeckt er, daß der Wilde"
ohne eine gemeinsame Sprache nicht zugänglich ist.
Lévi-Strauss, der seinen Wunsch erfüllt sieht und sich
unter Indianern befindet, die noch nie ein Europäer
vorher gesehen hatte, und die man vielleicht nie wieder
sehen würde, entdeckt, daß sie zu wild"
sind. Während sie durchaus bereit sind, ihn ihre Sitten
und Gebräuche zu lehren, steht die Sprachlosigkeit
zwischen ihnen: Sie waren mir so nahe wie die
Reflektion in einem Spiegel, ich konnte sie berühren,
aber ich konnte sie nicht verstehen.20
Aber nicht nur die Sprache,
sondern auch die Paräsuppositinen, die in ihr enthalten
sind, versperren den Zugang über die Grenzen der eigenen
Kultur hinweg. Der Anthropologe Gary Witherspoon
formuliert die Grenzen, die einem fremdkulturellen
Verständnis gesetzt sind, solange wir unsere uns selbst
verschwiegenen Präsuppositionen nicht geklärt haben:
Natürlich sind wir daran
interessiert, einige Dinge von den Hopis zu lernen, aber
nur unter der Bedingung, daß dieses Lernen unseren
primären metaphysischen Annahmen über die
Beschaffenheit der Welt nicht widerspricht. Demgemäß
wird Anthropologie nicht zu einem Bemühen um ein
Verständnis anderer Kulturen und um Lernerfahrungen in
diesen, sondern zu der dogmatischen Behauptung, alle
Kulturen könnten entsprechend den
erkenntnistheoretischen Annahmen einer einzigen Kultur
verstanden werden. Das Ergebnis ist ein simpler,
vulgärer und bornierter Reduktionismus. Wir reduzieren
sämtliche Kulturen auf die Kategorien einer einzigen.
Statt unsere Sicht der Welt zu erweitern, verkleinern und
verbiegen wir die Welt, bis sie unserer engen Auffassung
von ihr entspricht.21
In diesem Raum des notwendigen
Mißverstehens spielt sich der Tausch und die Täuschung
zwischen Kolonisator und Kolonisierten ab. In diesem Raum
zählen nicht nur die realen Machtverhältnisse, die
Verteilung von Waffen und Gewalt, sondern eben immer auch
die Fähigkeit, Handlungen der Gegenseite so umzulenken,
daß sie den eigenen Zwecken dienlich werden. In La
Pensée Sauvage vergleicht Lévi-Strauss die Lage des
Menschen mit der des Kartenspielers: Er nimmt am Tisch
Platz, bekommt seine Karten - Karten, die er nicht
gewünscht oder erfunden hat. Man muß die Karten
akzeptieren, die man bekommt, aber jede Gesellschaft und
jeder Spieler interpretiert die Karten innerhalb einer
Reihe von Systemen. Selbst mit denselben Karten in der
Hand spielen zwei Spieler nicht dasselbe Spiel.22
Solche Spiele sind auch dort
möglich, wo eine brutale Unterdrückung sie scheinbar
ausschließt. In seinen Pollsmor Sketches"
zeichnet Jeremy Cronin das Bild eines Gefangenen, der bei
der Anwesenheitsparade (head count and thumb print
check") durch die Stilisierung und Übertreibung
seiner Unterwürfigkeitsgesten eben diese
Unterwürfigkeit karikiert und sich damit seine
Selbstachtung erhält:
There is
Between Johannes Stephanus
Februarie
And submission,
This epic gap.23
In anderer Weise kann man diese
Verhaltensweisen aber durchaus bis überall und bis heute
in den populären" Milieus einer Kultur
finden, die von Eliten als Sprache und als Verhaltensnorm
geschaffen wurden.24 Nicht nur Indianer und
südafrikanische Gefangene treiben solche Spiele. Schon
Jean Paul hat das zu Beginn des 19. jahrhunderts in
deutschen Kleinstädten beobachtet:
Aber die Gebrüder Siebenkäs
und Leibgeber gingen doch nach allem Anschein in den
reichsstädtischen und reichsdorfschaftlichen Fußstapfen
der vernünftigsten Gebräuche mehr nur aus satirischer
Bosheit einher und machten schöne bürgerliche Sitten
zwar richtig nach, aber sehr zum Spaße; jeder war
zugleich sein eigner spielender Kasperl und seine
Frontloge.25
Die Entdeckung und Kolonisation
der außereuropäischen Völker durch die Europäer
stellt sich oft so dar, als wäre eine unschuldige
Gemeinschaft, eine nicht-gewalttätige und freizügig
lebende Gesellschaft, in der man sich selbst im
lebendigen Wort vollkommen gegenwärtig ist, unter einer
von außen hereinbrechenden Aggression zerstört worden.
Eine solche Gemeinschaft wird durch das gewaltsame
Eindringen einer Schriftkultur, durch die Infiltration
ihrer 'List' und ihrer 'Niederträchtigkeit' zu einem
Opfer der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.26
Michel de Certeau zeigt, wie der
spektakuläre Sieg der spanischen Kolonisation über die
Indianer nicht einfach eine Sache von Unterdrückern und
Opfern war. Abgesehen davon, daß in Mexiko zum Beispiel,
wie überall in der Geschichte der Kolonisation und der
Sklaverei, einheimische kleinere Herrscher die Ankunft
schwerbewaffneter Fremder für ihre Zwecke zu gebrauchen
suchten, und dadurch zu Werkzeugen der Kolonisatoren
wurden, aber eben auch diese als Werkzeuge ihrer Politik
zu gebrauchen versuchten, waren die Indianer auch nach
dem Sieg nicht einfach Opfer, denen eine fremde Kultur
oktroyiert wurde. Auch wenn sie unterworfen waren, ja
sogar wenn sie diese Unterwerfung akzeptierten, benutzten
die Indianer oft die Gesetze, Praktiken und
Darstellungen, die ihnen gewaltsam oder durch die
Faszination, die von ihnen ausging, aufgezwungen wurden,
zu ganz anderen Zwecken als denen, die die Eroberer im
Sinn hatten. Sie subvertierten sie von innen, nicht indem
sie sie ablehnten oder veränderten (obwohl es auch
dafür Beispiele gibt) sondern indem sie sie im Dienst
von Regeln, Gebräuchen und Überzeugungen benutzten, die
der Kolonisation, der sie nicht entkommen konnten, fremd
waren. Sie metaphorisierten die dominante Ordnung und
ließen sie damit in einem anderen Register spielen. Sie
blieben in dem System, das sie assimilierten und das sie
nur äußerlich assimilierte, Andere. Sie gaben diesem
System eine andere Richtung, ohne es zu verlassen. Die
Art, wie sie das System gebrauchten, hielt eine Differenz
gerade in dem Raum aufrecht, den der Eroberer
organisierte.27
In einem Interview sagt
Lévi-Strauss: . . . die Schrift selbst scheint uns
in sehr durchgängiger Weise, ihren Ursprüngen nach,
ausschließlich an Gesellschaften gebunden, die auf der
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen begründet
sind".28 Gegen diese Auffassung, die allein
die westliche" Schriftkultur als gewaltsame
Eindringlinge sieht, gibt Derrida zu bedenken:
Zwei Motive tauchen in den
abschließenden Zeilen auf. Zum einen, wie bei Rousseau,
das Thema der notwendigen, eher noch fatalen Entartung
als der eigentlichen Form von Fortschritt. Zum anderen
die Sehnsucht nach dem, was dieser Entartung voraufgeht,
das affektive Streben nach den Inseln des Widerstands,
nach den kleinen Gemeinschaften, die notdürftig vor
Korruption geschützt sind [...], einer Korruption, die,
wie bei Rousseau, an die Schrift und an die Entwurzelung
des einmütigen Volkes gebunden ist, welches unter der
Selbstpräsenz seines gesprochenen Wortes sich
versammelt.29
Lévi-Strauss gegenüber ist
also festzuhalten, daß die kolonisierten Völker nicht viri
a diis recenti,30 noch einfach Objekte
oder Opfer einer Unterdrückung waren, sondern als
Subjekte sowohl an ihrer Unterdrückung mitgearbeitet
haben als auch ihre Befreiung organisiert haben. Sie
selbst haben nicht überall den von den Kolonisten
gebrachten Fortschritt" zurückgewiesen, er
ist ihnen nicht immer aufgezwungen worden. Meistens waren
sie durchaus neubegierig auf die Dinge, die ihr Leben
leichter und angenehmer machen konnten.
Wir haben nicht die Absicht, die
ungeheuer destruktruktiven Folgen der europäischen
Kolonisation zu verharmlosen. Aber die Darstellung (und
Selbstdarstellung) der Kolonisierten als Opfer hat für
diese selbst durchaus negative Folgen, die sich nicht
darin erschöpfen, daß die Kolonisierten sich so ein
durchaus negatives und passives Selbstbild schaffen.
Darüber hinaus erlaubt ein solches Stereotyp den
Kolonisierten den Kolonisten die Schuld auch an den
negativen Erscheinungen zuzuschieben, die zumindest
teilweise selbst verschuldet sind. Solche
Schuldzuweisungen verhindern dann wieder jede
Eigeninitiative, um die Zustände zu ändern. Alan Duff,
selbst ein Maori und der Autor von Once were warriors
und Both sides of the moon, sagte in einem
Interview in Johannesburg: they are just telling
lies, saying we [the Maoris] are blameless and it was
what the white colonists did to us that made things this
way ... I don't buy into that."31
Überdies hatten die vorkolonialen Gesellschaften Züge,
die, wenn sie im Zuge einer Renaissance"
wiederbelebt werden, durchaus unterdrückend und
feindselig sein können, wir erinnern nur an die
sogenannte Beschneidung" junger Mädchen in
bestimmten Teilen Afrikas, die oft grausamen und
willkürlichen Hinrichtungen von Menschen, die als Hexen
entlarvt werden, oder die Frauenfeindlichkeit vieler
traditioneller Gesellschaften. Das berechtigt uns mit
Derrida zu sagen:
Was Unterdrückung heißt, kann
mit dem gleichen Recht Befreiung genannt werden. Und in
dem Augenblick, wo diese oszillierende Bewegung an der
Bedeutung der Unterdrückung zum Stillstand kommt,
erstarrt der ganze Diskurs zu einer bestimmten Ideologie,
die wir für problematisch halten ...32
Gewiß, die Kolonisatoren waren
zum Beispiel an den Eingeborenen" nur insoweit
interessiert, als man sie abrichten konnte, um von ihrer
Hände Arbeit zu leben. Die Herero-Häuptlinge im
ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika" aber
schickten ihre Söhne und Töchter in den Dienst der
Weißen, damit sie den Lebensstil der Weißen erlernten.
Ob als Vorarbeiter, Jagdführer oder Kindermädchen,
immer hatten sie dabei auch ihre eigenen Absichten, auch
wenn ihre weißen Arbeitgeber nicht verstehen konnten,
warum Schwarze, die sich selbst als Adelige und Prinzen
ausgaben, sich zu solchen niedrigen Diensten hergaben.33
Derridas Kritik an der
Darstellung der Nambikwara durch Lévi-Strauss in seiner
Stammesmonographie der Nambikwara und in den Traurigen
Tropen34 richtet sich in diesem Sinn gegen ein
Schema der Beschreibung, das er als rousseauistisch
aufdeckt, ein Schema, demzufolge eine vorher unschuldige
Gemeinschaft im Augenblick des Kontaktes mit einem
Europäer der Aggression der Schrift unterworfen wird.
Eine solche Darstellung, meint Derrida,
erhärtete die
ethisch-politische Anklage, derzufolge die Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen einzig ein kennzeichnender
Tatbestand schreibkundiger Kulturen abendländischen Typs
ist und auf Gemeinschaften des unschuldigen und nicht
unterdrückenden Wortes nicht anzuwenden ist.35
Gerade an dem Beispiel, der
Schreibstunde", die Lévi-Strauss benutzt, um
die unterdrückende Gewalt der Schrift darzustellen,
läßt sich aber das Mit-Spielen der
Noch-nicht-Unterdrückten deutlich nachzeichnen. Es ist
die Szene, in der der Häuptling der Nambikwara die
Schrift vom Ethnologen erlernt. Lévi-Strauss
argumentiert, daß dem Häuptling der Nambikwara nicht so
sehr die kommunikative Möglichkeit an der Schrift
interessiert, sondern ihre wesentlich unterjochende
Funktion".36 Für ihn ist die Kommunikations-,
Bedeutungs- und Übersetzungsfunktion der Schrift
gegenüber ihrer Macht-Funktion nebensächlich. Nun ist
es sicher so, daß die Beherrschung der Schrift, vor
allem, wenn sie in den Händen weniger ist, zu einer
Verschiebung des politischen Gleichgewichts und eine
Verlagerung der Machtverhältnisse führt. Dieses
Phänomen tritt mit dem Beginn der Seßhaftigkeit und der
Errichtung von Warenlagern am Anfang der agrarischen
Gesellschaften ein."37 Lévi-Strauss schildert diesen
Augenblick bei den Nambikwara in den Traurigen Tropen
so:
Kaum hatte er [der Häuptling]
alle seine Leute beisammen, als er aus einem Korb ein mit
krummen Linien vollgekritzeltes Papier zog, das er zu
lesen vorgab und auf dem er mit gespieltem Zögern die
Liste der Gegenstände suchte, die ich gegen die
Geschenke der Indios eintauschen wollte -- diesem, gegen
Pfeil und Bogen, einen Säbel, -- jenem Perlen für seine
Halskette, usw. . . . Diese Komödie dauerte zwei volle
Stunden. Was erhoffte er sich? Sich selbst zu täuschen?
Vielleicht. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß er seine
Gefährten in Erstaunen versetzen wollte. Er wollte sie
überzeugen, daß er es war, der den Austausch der Waren
vermittelte, daß er sich mit dem Weißen verbündet
hatte und dessen Geheimnis teilte.38
Lévi-Strauss zieht daraus den
Schluß, daß die Nambikwara lernten, ohne zu begreifen
und behauptet: da der Häuptling einen
wirkungsvollen Gebrauch von der Schrift machte, ohne die
Funktion und den Inhalt des von ihr bezeichneten zu
kennen, so bedeutet das, daß der Endzweck der Schrift
politisch und nicht theoretisch, »eher soziologisch
als intellektuell« ist.39 Derrida macht zu recht darauf
aufmerksam, daß eine solche Verwendung der Schrift nur
dann möglich ist, wenn der scheinbar unschuldige
Eingeborene in Wirklichkeit bereits alle jene
Voraussetzungen mitbringt, die eine solche Verwendung der
Schrift möglich machen: Die rasche Übernahme
setzt, wenn sie stattfindet, die vorgängige Anwesenheit
von Strukturen voraus, die diese Übernahme
ermöglichen."40 Nun ist es so, daß es selbst in
einer scheinbar so unberührten und primitiven Gruppe wie
den Nambikwaras sowohl Formen der Hierarchisierung durch
Gewalt, als auch grundlegende Strukturen des Schreibens
gibt. Die Nambikwara kennen durchaus ein Wort, um den Akt
des Schreibens zu bezeichnen.41 Schon ein Blick auf die
Illustrationen der Gesichtsbemalungen42
der Caduvea und Nambikwara zeigt, daß
Schrift", wenn auch nicht im Sinn unserer
Buchstabenschrift ihnen nichts völlig Unbekanntes sein
konnte, und die Verzierungen der Bogen mit Zeichnungen,
die den Klan des Besitzers angeben, ist fast eine Art
Zeichen" für einen Familiennamen".43
Derrida argumentiert weiter: Levi-Strauss macht in
diesem Text nicht den geringsten Unterschied zwischen
Hierarchisierung und Beherrschung, zwischen politischer
Herrschaft und Ausbeutung."44 Nun ist Gesetz und mit dem Gesetz
irgendeine Form der Hierarchisierung (was keineswegs
Unterdrückung bedeutet) grundlegend für jede Form der
Gesellschaft. Die Schrift und das positive Recht gibt
dieser Form nur eine Allgemeinheit, die noch nicht
notwendigerweise Zwang bedeutet. Politische Gewalt und
ungerechte Macht lassen sich nicht so einfach
identifizieren, im Gegenteil, man kann wie Derrida
argumentieren, daß die Allgemeinheit des Gesetzes im
Gegenteil die Bedingung der Freiheit in der
(bürgerlichen) Gesellschaft ist. Die Identifizierung von
dem, was wir für Schrift halten und der Gewalt ist also
fragwürdig, und damit die anarchistische und
rousseauistische Auffassung, daß eine hierarchische
Gewalt nur von solchen Gesellschaften ausgeht, die die
Schrift kennen. Wenn man der Schreibstunde
glauben darf, kennen die Nambikwara keine Gewalt, die der
Schrift vorangehen würde; nicht einmal die
Hierarchisierung, die rasch der Ausbeutung angeglichen
wird."45 Derrida macht aber sehr zu Recht
darauf aufmerksam, daß die vorkolonialen Gesellschaften,
selbst die scheinbar so rousseauistischen"
Indianerstämme der Amazonas, keineswegs gewaltfrei
waren.
Doch außerhalb der Schreibstunde
steht in den Traurigen Tropen und in der
Monographie das glatte Gegenteil. An diesen Stellen ist
nicht nur von einer stark hierarchisierten Gesellschaft
die Rede, sondern darüber hinaus von einer
Gesellschaftsformation, die von geradezu spektakulärer
Gewalttätigkeit geprägt ist.46
Selbst dort, wo die
Kolonisierten der äußersten Degradation unterworfen
werden, sollte man nicht davon ausgehen, daß sie einfach
Opfer" sind. Selbst hier noch versuchen sie
dem bösen Spiel der Unterdrücker eine unerwartete
Wendung zu geben, in der sie ihre so zu Schanden gemachte
Individualität doch noch ausdrücken können. Ob als
Sklaven, ob als Objekte einer Schaulust in
Weltausstellung, Zirkus, Zoo, wo sie halbnackt
Schaukämpfe und exzessive Tänze aufführen [mußten],
auch wenn solche Verkehrsformen in ihren
Herkunftsländern duchaus unüblich waren",47
oder als Objekte einer wissenschaftlichen Neugier, wie
sie sich unter Gelehrten des 19. Jahrhunderts für die
verlängerten Schamlippen der Khoikhoi Frauen
manifestierte, immer entwickelten die Objekte Strategien,
die ihre eigenen Ziele anstrebten.
Die Funktionen und Implikationen
der angeblichen Eigenart der Khoikhoi Frauen, die unter
dem wissenschaftlichen Namen 'tablier' oder 'sinus
pudoris' bereits in den ersten Diskursen über das Kap
erwähnt wurde, war eine Quelle intensiver Spekulation
nicht nur für Linneus, der die Vielfalt der Lebensformen
in ein Klassifikationssystem zu zwängen versuchte,
sondern auch für dessen Zubringer, wie den Oberst
Gordon, der zumindest zwei Frauen aus einer der
empfindlichen Situation angemessenen Distanz untersucht
haben soll, um sie später mit dem berühmten Philosophen
Diderot aus der Perspektive des Augenzeugen zu
diskutieren. Ein solch pikantes Thema beschränkte sich
verständlicherweise nicht bloß auf abstrakte
philosophische Reflexionen, sondern beschäftigte auch
die einfachen Matrosen, die jedem, der es wissen wollte,
über ihre einschlägigen Erfahrungen prahlerisch
erzählten. Um so erstaunlicher erscheint es, daß die
Neugierde, die diese bedeutende Frage von so
offensichtlichem allgemeinen Interesse, erweckte, noch
heute nicht erloschen ist, wie man an der Anzahl der
Diskussionen in Anthropologie, Naturgeschichte, im
Theater und in aufwendigen Büchern über Stereotypen der
Rasse ablesen kann.48
Ein Exemplar des berüchtigten
Körperteils befindet sich auch heute noch im Musée de
l'Homme in Paris, wo es vermutlich angesichts seiner
Peinlichkeit nicht der allgemeinen Öffentlichkeit
zugänglich gemacht wird, sondern nur einigen, wenigen
Antragstellern in der verstaubten ethnographischen
Abteilung gezeigt wird, die explizit mit Namen und im
wissenschaftlichen Interesse danach fragen. Selbst dann
sorgt eine solche Nachfrage für Wirbel unter den
Museumskuratoren. Das Glas mit dem besagten Gegenstand
trägt das schlichte Etikett der 'Hottentot Venus', was
für Eingeweihte völlig ausreicht. Die Schamlippen
stammen von einer Khoikhoi Frau vom Kap der Guten
Hoffnung, die unter dem holländischen Namen der Saartje
Baartmann 1809 als junge Frau nach Europa reiste,
augenscheinlich in der Absicht, sich auszustellen, sich
von Wissenschaftlern untersuchen zu lassen und
schließlich, um sich dabei selbst zu bereichern. Das
Mittel zum Zweck waren in erster Linie ihre sichtbarsten
Vorzüge, nämlich die großen steatopygischen
Hinterbacken, aber auch ihre verborgenen Vorzüge, die
Genitalien, von denen man annahm, daß sie von
ungewöhnlich langen Schamlippen umschlossen waren, die
die Wissenschaftler 'Hottentot-Schürze' oder tablier
nannten, wußte Saartje Baardmann zu ihren Gunsten
auszunutzen. Sie wurde am Piccadilly in einem Käfig
ausgestellt, worauf die Abolitionisten der Afrikanischen
Instituts derart entrüstet reagierten, daß sie die
Frage ihrer Freiheit öffentlich in der Presse
debattierten. Es kam zu einem Gerichtsprozeß, bei dem
Baardmann ihre Lage so erklärte, wie sie sie sah. Nach
ihrer Aussage war sie freiwillig nach England gekommen
und war nun die Pflegerin, anstatt das Eigentum, ihres
Ausstellers. Sie erhielt die Hälfte des Profits des
Unternehmens, was immerhin ausreichte, um selbst zwei
Bedienstete einzustellen. Sie gestand zwar, daß sie die
Rolle der Wilden spielte, und tanzte, wenn ihr Hüter ihr
das Zeichen mit dem Stock gab, aber daß das alles mit
zur Vorstellung gehörte. Heute, gut zwei Jahrhunderte
später, bieten Frauen immer noch ihre Körper und ihre
Vorzüge zur Schau an. Es bleibt nach wie vor eine
Möglichkeit im Aufstieg einer Arbeiterin zum Revuegirl
oder selbst zum Star, und ist für einige sicher eine
angenehmere und interessantere Art, ihren Lebensunterhalt
zu verdienen, als die konventionelleren Beschäftigungen
der Haus- oder Putzfrau.
Eine literarische Reflektion
solcher Praktiken finden wir in Swifts Gullivers
Travels, wo Gulliver in Brobdingnag von seinem Herrn
gegen Geld als Kuriosität in der nächsten Stadt
ausgestellt wird. Die Tochter seines Herrn, der Gulliver
als eine Art Haustier anvertraut wurde, fürchtet
some mischief would happen to me from rude vulgar
folks, who might squeeze me to death or break one of my
limbs by taking me in their hands." Vor allem aber
versteht sie, wie es gegen Gullivers Ehrbegriff geht,
wenn er für Geld vor den meanest of the
people" ausgestellt würde.49 Die Behandlung des Helden ist eine
satirische Widerspiegelung der (nicht nur) englischen
Unsitte, die Verrückten in Bedlam zum Amüsement der
Besucher auszustellen.
In der Kolonie konnten
Khoikhoi-Frauen ebenfalls ihre Vorzüge gegen ein Entgelt
zur Schau stellen. Nach einem Bericht versuchte eine
holländische Frau bei ihrer Ankunft am Kap sich von
dieser anatomischen Eigenart eigenhändig zu
vergewissern, doch als sie eine Khoikhoi-Frau untersuchen
wollte, kam diese ihr zuvor und zog ihr den Rock über
den Bauchnabel hoch. Als die Holländerin die umstehenden
Männer sah, verschwand sie beschämt, während die
Khoikhoi-Frau lachte.50 Da die Entblößung der Genitalien im
Zeichensystem der Khoikhoi eine grobe Beleidigung
darstellt, können wir heute mutmaßen, wie sonderbar, um
nicht zu sagen lächerlich, die Europäer den
Eingeborenen erscheinen mußten.51 Das Lachen der Khoikhoi bleibt somit
als Geste des Widerstands gegen die Bestrebungen der
Kolonisten übrig, sie als das Andere unter ihr eigenes
wissenschaftlich-kulturellen System zu subsumieren, das
die ökonomische Unterdrückung und im extremen Fall den
Genozid zu legitimieren half: Das Lachen signalisiert
Erkenntnis, aber auch einen körperlichen und
semantischen Überschuß, der in keinem Zeichensystem
restlos aufgeht.
Es gibt natürlich Situationen,
wo der Spiel-Raum fast unendlich klein wird: in der
Todeszelle eines Apartheidsgefängnisses,52
im Rumpf eines Sklavenschiffes, beim Eintreffen auf der
Rampe von Auschwitz. Imre Kertész, ein ungarischer Jude,
der als Kind nach Buchenwald verschleppt wurde, schreibt:
nur war es nicht so, daß die Dinge einfach
'kamen', wir sind auch gegangen. Nur jetzt wirkt alles so
fertig, so abgeschlossen, unveränderlich, endgültig
..."53 Im Augenblick, wo wir das durchleben,
sind wir immer davon überzeugt, daß jede Minute noch
etwas Neues bringen kann, daß wir jede Minute etwas
Neues tun könnten. Kertész besteht darauf, daß er
nicht einfach ein Opfer war, denn wer sich selbst als
Opfer eines Schicksals" sieht, für den ist
Freiheit" nicht möglich: Ich und kein
anderer hat meine Schritte gemacht." Denjenigen, die
sich selbst als Opfer sehen und die auch ihn zum Opfer
machen wollen, hält er entgegen:
Man könne mir, das sollten sie
doch versuchen zu verstehen, man könne mir doch nicht
alles nehmen; es gehe nicht, daß mir weder vergönnt
sein sollte, Sieger, noch, Verlierer zu sein, weder
Ursache noch Wirkung, weder zu irren noch recht zu
behalten; ich könne - sie sollten doch versuchen, das
einzusehen, so flehte ich beinahe schon: ich könne die
dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur
unschuldig sein zu sollen.54
1 Guillevic: Die
Chansons des Antonin Blond. Übersetzt von Claire
und Rainer Brambach. Akzente 12. Jahrgang (1965)
No 2, S. 134
2 El Dorado war
ein indianischer Mythos von einem Priester oder Prinzen,
der seinen Körper mit Harz bedeckte, bevor er in einem
heiligen See badete. Gold wurde als Opfer in den See
geworfen und der Priester entstieg dem See als
vergoldeter Mann". Aus dem vergoldeten
Menschen wurde in der Phantasie der Kolonisten ein
Goldland. Vgl. Stephen Minta, Aguirre: The Re-creation of
a Sixteenth-Century Journey across South America. New
York 1994, S. 5f
3 Die
verschiedenen Chroniken über Aguirres Expedition wurden
von Elena Mampel González und Neuss Escandell Tur
herausgegeben: Lope de Aguirre: Cronicas, 1559-1561.
Barcelona 1981
4 Vgl. Petru
Popescu: Amazon Beaming. London 1993, S. 281-293
5 Gilles Deleuze:
Das Bewegungs-Bild. Kino 1. Übersetzt von Ulrich
Christians und Ulrike Bokelmann. Frankfurt/M 1989, S.
248f
6 Deleuze: Das
Bewegungs-Bild, S. 248f
7 Deleuze, Das
Bewegungs-Bild, S. 248f. Der Verräter" war
das Gegenbild zur legitimen Macht, und wenn man nicht als
Mächtiger in die Geschichte eingehen konnte, dann
zumindest als der große Judas". Vgl. Minta:
Aguirre, S.160f
8 In Herzogs Film
stirbt seine Tochter durch einen Indianerpfeil. In
Wirklichkeit hat Aguirre seine sechzehn Jahre alte
Tochter selbst ermordet. Vgl. Minta: Aguirre, S. 217f.
9 Deleuze: Das
Bewegungs-Bild, S. 248f
10 Friedrich
Brie: Exotismus der Sinne. Eine Studie zur Psychologie
der Romantik. Heidelberg 1920, S. 14. Hier zitiert nach
Thomas Schwarz: Die Tropen bin ich!" Der
exotische Diskurs der Jahrhundertwende. In:
KultuRRevolution. 32/33 1995: 11
11 Schwarz:
Die Tropen bin ich!" 11. Vgl. auch Peter Horn:
Die Versuchung durch die barbarische Schönheit. Zu Hans
Grimms 'farbigen' Frauen. In: Germanisch-Romanische
Monatsschrift. 1985, No.3, S.317-341; auch in: Nangolo
Mbumba, Helgard Patemann, Uazuvara Katjivena (Hrsg.): Ein
Land, eine Zukunft. Namibia auf dem Weg in die
Unabhängigkeit. Wuppertal 1988, S.151-162
12 Deleuze: Das
Bewegungs-Bild, 248f
13 Hans Günther
Pflaum/Hans Helmut Prinzler: Film in der Bundesrepublik
Deutschland. Der neue deutsche Film von den Anfängen bis
zur Gegenwart. Bonn 1985, S. 20
14 Deleuze, Das
Bewegungs-Bild, S. 251; der historische Aguirre wurde,
nachdem er den Anführer der Expedition, de Ursúa
ermordet hatte, den Amazonas hinuntergefahren und die
Küste Südamerikas bis Venezuela entlanggesegelt war,
paranoisch und begann seine Untergebenen zu ermorden. Er
selbst wurde von einer Strafexpedition aus Peru in
Barquisimeto in Venezuela hingerichtet. Minta: Aguirre,
S. 157ff; Popescu: Amazon Beaming, S. 289
15 Deleuze: Das
Bewegungs-Bild, S. 248f
16 Maximilian
Bayer: Ist Okowi treu? Die Geschichte eines
Hererospähers, Potsdam 1936, S. 217 Das ist eine
Erscheinung, die auch in der englischen Kolonialliteratur
auffällig ist, vgl. V.G. Kiernan, The Lords of Human
Kind. European Attitudes towards the outside world in the
Imperial Age. London 1969, S. 237 Ähnliches bemerkt
Albert Memmi, The colonizer and the colonized. New York,
Norwich 1965, S. 85
17 Hans Grimm,
Südafrikanische Novellen, München 1913, S. 15.
18 Grimm,
Südafrikanische Novellen, S. 33 Vgl. auch: But
overwhelmingly his sense was of a total inaccessibility
of the African mind, if indeed there was any mind
governing the motions of African limbs and tongues. ...
he stood at a point of evolution 'but slightly superior
to the lower animals'..." E.S. Grogan and A.H.
Sharp, From the Cape to Cairo, Nelson o.J. [1900], S.
356, 361, 363 The humanity of the colonized,
rejected by the colonizer, becomes opaque. It is useless,
he asserts, to try to forecast the colonized's actions
(They are unpredictable!" With them, you
never know!"). It seems to him that strange and
disturbing impulsiveness controlls the colonized."
Albert Memmi, The colonizer and the colonized. New York,
Norwich 1965, S. 27
19 Bayer, Ist
Okowi treu? S.217. Und Margarethe von Eckenbrecher sagt
über die Sprache der Buschmänner: Das zischt und
lispelt und schnalzt. Sie läßt sich nicht
beschreiben." Margarethe von Erckenbrecher, Was
Afrika mir gab und nahm. Erlebnisse einer deutschen Frau
in Südwestafrika 1902-1936. Berlin 1940, S.45. Um ihre
Zugehörigkeit zur Natur und zum Tierreich zu betonen,
wird ihnen von den Kolonisatoren die Fähigkeit, sich mit
Hilfe einer richtigen", also wirklich
menschlichen Sprache zu verständigen, abgesprochen, und
ihre Sprache betont in die Nähe tierischer Laute
gerückt.
20
Lévi-Strauss, Tristes tropiques, S. 333
21 Gary
Witherspoon: Relativismus in der ethnographischen Theorie
und Praxis. In: Hans Peter Duerr (Hg.), Der
Wissenschaftler und das Irrationale. Zweiter Band:
Beiträge aus Ethnologie und Anthropologie II.
Frankfurt/M 1985, S.19
22 Claude
Lévi-Strauss, The Savage Mind (La Pensée Sauvage).
London 1962, S. 95; vgl. auch Peter Horn, Spiele
auf Leben und Tod. Kartenspiele bei Günter Grass und
James Matthews." In: Jahrbuch Deutsch als
Fremdsprache. 1982, S.178-188
23 Jeremy
Cronin, Inside. Johannesburg 1983, S. 17. Cronin
verweist hier auf Brechts episches Theater, wo der
Schauspieler alles daran setzt, daß er als einer gesehen
wird, der zwischen dem Publikum und den Vorgängen
steht, die er darstellt.
24 Vgl. Certeau,
The Practice of Everyday Life, 32
25 Jean Paul,
Werke. Hg. von Norbert Miller, München 1959-1963, Bd.II,
S. 52
26 Vgl. Jacques
Derrida, Grammatologie. Übersetzt von Hans-Jörg
Rheinberger und Hanns Zischler. Frankfurt/M 1983, S. 208f
27 Michel de
Certeau, The Practice of Everyday Life. Translated by
Steven F. Randall. Berkeley, Los Angeles, London 1984, S.
31f
28 Claude
Lévi-Strauss, Entretiens mit G. Charbonnier , S. 36.
Zit.nach Derrida, Grammatologie, 209
29 Derrida,
Grammatologie, 234
30 Seneca,
Briefe, 90. Zitiert bei Montaigne, Essais. Tome I. Paris
1962, S. 236 in seiner Diskussion der Tupi-Indianer in
dem Essay Des Cannibales".
31 Laurice
Taitz, Book of the Week. Both sides of the moon. Sunday
Times [Johannesburg], March 7 1999, p. 20
32 Derrida,
Grammatologie, S. 229
33 Helga und
Ludwig Helbig, Mythos Deutsch-Südwest. Namibia und die
Deutschen. Weinheim und Basel 1983, S. 135
34 Claude
Lévi-Strauss, Tristes tropiques. Translated from the
French by John and Doreen Weightman. London 1973. Claude
Lévi-Strauss, Traurige Tropen. Übersetzt von Eva
Moldenhauer. Frankfurt am Main 1978. Vgl. auch Alex
Honneth, Ein strukturalistischer Rousseau. Zur
Anthropologie von Claude Lévi-Strauss. Merkur. Jg. 41
(1978) 819-833 und Rolf Parr, Exotik, Kultur, Struktur.
Tangenten dreier Perspektiven bei Claude Lévi-Strauss,
KultuRRevolution. 32/33 1995: 22-28
35 Derrida,
Grammatologie, 212
36
Lévi-Strauss, Tristes tropiques, 299. Derrida,
Grammatologie, 213
37 Derrida,
Grammatologie, 228
38
Lévi-Strauss, Tristes tropiques, 296f; Derrida,
Grammatologie, 220
39 Derrida,
Grammatologie, 222
40 Derrida,
Grammatologie, 222
41 Auf dieses in
den Traurigen Tropen unterschlagene Detail wird in der
Monographie hingewiesen: Im übrigen bezeichneten
sie den Akt des Schreibens mit 'iekariukedjutu', was
soviel wie 'Striche machen' bedeutet ...". Derrida,
Grammatologie, S. 215
42
Lévi-Strauss, Tristes tropiques, S. 192-194 und nach
S.224
43
Lévi-Strauss, Tristes tropiques, S. 223; auf S. 242 ist
ein Federdiadem abgebildet, auf dem ein Klan-Zeichen zu
sehen ist, fast alle Gegenstände der Bororo sind mit
Insignia geschmückt, die auf den Besitzer hinweisen
(vgl. S. 226-229).
44 Derrida,
Grammatologie, S. 230
45 Derrida,
Grammatologie, S. 236
46 Derrida,
Grammatologie, S. 236
47 Thomas
Schwarz, Die Tropen bin ich!" Der exotische
Diskurs der Jahrhundertwende. KultuRRevolution. 32/33
1995: S. 12
48 Die
satirische Darstellung dieser erstaunlichen
Wissenschaftsgeschichte in nuce verdanken wir Carmel
Schrire, Native Views of Western Eyes. In: Pippa Skotnes
(Hrsg.), Miscast. Negotiating the Presence of the
Bushmen. Cape Town 1996, S. 347.
49 Jonathan
Swift, Gulliver's Travels. London 1967, S.135
50 Schrire,
Native Views of Western Eyes, S. 351.
51 Schrire,
Native Views of Western Eyes, S. 351f.
52 Vgl. Jeremy
Cronins Gedicht Death Row". In: Inside, S.
26-31
53 Imre
Kertész, Roman eines Schicksallosen. Aus dem Ungarischen
von Christina Viragh. Berlin 1996, S. 282
54 Kertész,
Roman eines Schicksallosen, S. 285
|