In: Acta Germanica. Frankfurt Main: Peter Lang Vol. 19 (1988) pp.96-113
 

ANNA SEGHERS’ DARSTELLUNG DER FRAU IN DER ERZÄHLUNG „AUF DEM WEGE ZUR AMERIKANISCHEN BOTSCHAFT”

Anette Horn

1. Erzählperspektive und Diskontinuität

Damit die Darstellung der Frau in dieser Erzählung nicht einseitig verzerrt erscheint, ist es nützlich zunächst auf die Frage nach der Erzählperspektive einzugehen. Aus welcher Perspektive erzählt also die Autorin? In welchem Verhältnis steht sie zum Gegenstand der Erzählung? Anna Seghers experimentiert in dieser Erzählung mit einer modernen Erzähltechnik, die es ihr erlaubt, „das Halbbewußte, Unterschwellige ohne metaphorische Anstrengungen literarisch zu vergegenständlichen.” 1 Es handelt sich um die Techniken des Perspektivenwechsels und des inneren Monologs, mit denen die Gedankengänge in einer Viererreihe einer Massendemonstration dargestellt werden. Die Erzählperspektive gleitet zwischen dem „Fremden", dem mürrischen Mann, der Frau und dem „schwarzen Kleinen mit (dem) rotfransigen Tuch” (S.159), der ein erfahrener Demonstrant ist, hin und her. Am Ursprung des Diskurses steht kein autonomes Subjekt als „begründende und schöpferische Instanz", 2 sondern ein System, das die Artikulation reguliert, und das sich Subjekte als Träger der Artikulation konstruiert. Die Erzählform der Geschichte macht deutlich, daß sich für Anna Seghers das Interesse von Subjekt zum Diskurs verschoben hat. Die Subjekte sind nur momentane und diskontinuierliche Träger des Diskurses. Im Gegensatz zum bürgerlichen Erzähldiskurs, in dem der Erzähler und seine Figuren den Eindruck erwecken, daß ihnen der Diskurs als Fülle zur Verfügung steht, erscheint bei Anna Seghers der Diskurs im Sinne von Foucault als ein Verknappungssystem, dem unter anderem ein Prinzip der Diskontinuität zugrunde liegt: „Daß es Verknappungssysteme gibt, bedeutet nicht, daß unterhalb oder jenseits ihrer ein großer, unbegrenzter, kontinuierlicher und schweigsamer Diskurs herrscht, der von diesen Verknappungssystemen unterdrückt oder verdrängt wird und den wir wieder emporheben müssen, indem wir ihm endlich das Wort erteilen.” 3 Anna Seghers zeigt, daß es den Subjekten unmöglich ist innerhalb des Diskurses Nicht-Gesagtes oder Nicht-Gedachtes doch noch zu artikulieren oder zu denken. Die Diskurse bleiben diskontinuierliche Praktiken, „die sich überschneiden und manchmal berühren, die einander aber auch ignorieren und ausschließen.” 4 Die Regeln der Verknappung und Diskontinuität deuten daraufhin, daß die Diskurse niemals eine vorgegebene und kontinuierliche Instanz bilden, sondern daß sie immer auch auf Aneignung und politischer Gewalt einer Interessengemeinschaft beruhen. Die Aneignung und Gewalt einer sozio- politischen Zugehörigkeit manifestiert sich im Zeichen einer Doktrin, deren Regelhaftigkeit den „Linien folgt, die von den gesellschaftlichen Unterschieden, Gegensätzen und Kämpfen gezogen sind.” 5 Die Funktion der Doktrin liegt darin, sowohl die sprechenden Subjekte einer Interessengemeinschaft miteinander zu verbinden, als sie auch von allen anderen abzugrenzen: „Die Doktrin bindet die Individuen an bestimmte Aussagetypen und verbietet ihnen folglich alle anderen; aber sie bedient sich auch gewisser Aussagetypen, um die Individuen miteinander zu verbinden und sie dadurch von allen anderen abzugrenzen. Die Doktrin führt eine zweifache Unterwerfung herbei: die Unterwerfung der sprechenden Subjekte unter die Diskurse und die Unterwerfung der Diskurse unter die Gruppe der sprechenden Individuen.” 6 Das sprechende Subjekt ist also nicht mehr als bestimmender Ursprung seiner/ ihrer Aussagen zu verstehen, sondern als Effekt der diskursiven Praktiken von Interessengruppen, die über den Rekurs auf die Regeln einer Doktrin den Wahrheitsgehalt der subjektiven Aussagen definieren. Wenn man dieses analytische Modell auf einen literarischen Text anwendet, welche Relevanz hat das Konzept der Doktrin nun? Bestätigt, negiert oder relativiert der Text die doktrinäre Typologie der Aussagen? Im Falle der Bestätigung gäbe es keinen Unterschied zwischen der Doktrin und der Literatur, während sich die Negation einer Doktrin allein wiederum in den Parametern eines geschlossenen Regelsystems bewegen würde. Es bleibt also noch die Relativierung der Doktrin, die die Linien der Ausgrenzungen und die Möglichkeitsbedingungen des Diskurses aufzeigt und verschiebt. Durch diese minimale Verschiebung der diskursiven Grenzen zwischen Materie und Immaterialität, Diskontinuität und Kontinuität, Zufall und Notwendigkeit wird der Ereignischarakter des Denkens wieder sichtbar. Läßt sich die „kleine (und widerwärtige) Maschinerie” 7 der Verschiebung, die Foucault für die Geschichte der Ideen vorschlägt, für das Schreiben und Lesen, Literatur im weitesten Sinne also, beanspruchen? Welche Interessengemeinschaft vertritt der zu untersuchende Text als Beispiel einer Textsorte? Wie die soziale Position und die politische Haltung der Erzählfiguren andeuten, scheint es sich um das Interesse der revolutionären Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts zu handeln.

2. Der historische Auslöser: Sacco und Vanzetti

Aber gehen wir zuerst auf die Erzählung selbst ein: Im Kern der Erzählung versteckt sich eine höchst bedeutsame historische Anspielung: Der Zweck der Demonstration ist nämlich der Appell an die amerikanische Botschaft gegen die Hinrichtung der italienischen Anarchisten, Nicola Sacco und Bartholomeo Vanzetti. Die 1929/30 entstandene Erzählung bezieht sich auf den Sacco-und-Vanzetti-Prozeß, der zwischen Juli 1921 und dem 23. August 1927 weltweites Aufsehen erregte und dessen Ausgang bis heute eine Streitfrage geblieben ist. Die Bedeutung des Prozesses wird von zwei verschiedenen Traditionen diametral entgegengesetzt dargestellt. In der dominanten Geschichtsschreibung wird der Prozeß, falls er überhaupt erwähnt wird, als Symptom der polarisierten amerikanischen Gesellschaft der zwanziger Jahren interpretiert. Jaqueline Fear und Helen McNeil kommentieren diese Phase in der amerikanischen Geschichte, etwas lakonisch, folgendermaßen: „There was, of course, a Twenties radicalism, but it was mainly preoccupied with such matters as the Red Scare and the IWW (Industrial Workers of the World), with Sacco and Vanzetti’s trial and with the implications of the Soviet Revolution, popularized by John Reed in „Ten Days That Shook the World” (1919). Magazines like „The Masses” (1911-18) and „The Liberator", both edited by Max Eastman, and Michael Gold and Joseph Freeman’s „The New Masses” moved on from a permissive experimental radicalism to a call for communist world revolution, even though, as the bourgeois expatriate Matthew Josephon said in 1928, »the people vote for General Motors«.” 8 Die Anklage behauptete, Sacco und Vanzetti hätten zwei Wächter der Schuhfabrik Slater und Morrill in South Braintree, Massachusetts beim Transport von 16 000 Dollar Lohngeld beraubt und erschossen. 9 Der Fall entzündete wegen des sozialen Hintergrunds der beiden Angeklagten ((sie waren immigrierte italienische Arbeiter und selbstbezeugte Anarchisten) die latente Antipathie gegen Ausländer und politische Dissidenten, die nach der russischen Oktoberrevolution den starren Nationalismus des ersten Weltkrieges in Amerika aufrechterhielt. 10 Diese Antipathie verwandelte sich rasch in eine Athmosphäre politischer Hysterie. Die Hysterie wurde durch weltweite Massendemonstrationen, die für die Freilassung Saccos und Vanzettis plädierten, noch verschärft. Vor diesem politischen Hintergrund wurden die Gerichtsverhandlungen sieben Jahre lang ausgedehnt, bis eine Bürgerkommission schließlich folgenden Entschluß faßte: „But the verdict was upheld on appeal and, after a commission of eminent laymen had decided that the trial had been fair, Sacco and Vanzetti were executed on August 23, 1927, to the accompaniment of worldwide protest.” 11 Das Urteil wurde 1977 auf Grund einer Untersuchung von dem Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, widerrufen. 12 Davon berichten weder die Historiker, Fear und McNeil im Jahre 1981, noch Jones im Jahre 1983. Jones beruft sich dagegen auf ballistische Tests von 1961, wenn er die Schuld Saccos als offensichtlich darstellt: „In 1961 new ballistics tests seemed to prove that the murders had been committed with Sacco’s gun. Nevertheless the two men are still widely regarded as martyrs of the class war.” 13 In der Geschichte der Arbeiterbewegung wird der Prozeß anders bewertet. Im Gegensatz zur offiziellen Geschichtsschreibung sind sowohl die „Subjekte", als auch die „Objekte", also die Adressaten, der historischen Darstellung Teil des Kollektivs der unterdrückten Arbeiter. Durch diese Subjekt-Objekt Bestimmung als ein „Wir” wird offen Partei für Sacco und Vanzetti ergriffen. Ein neutraler Standort wird angesichts der zerspaltenen Klassengesellschaft gar nicht erst angestrebt, ja er erweist sich als unhaltbar. In diesem Zusammenhang werden die Aspekte aus Saccos und Vanzettis Leben betont, die zur Befreiung der Arbeiter beitrugen, nämlich ihre politischen Aktivitäten. Dadurch gerieten die beiden Arbeiteranführer in Konflikt mit ihren Arbeitgebern. In einem Lebenslauf, den Bartholomeo Vanzetti im Gefängnis zu Charleston schrieb, berichtet er, wie die Organisation von Streiks und Demonstrationen ihm einen Namen auf der „schwarzen Liste” der Arbeitergeber einbrachte: „Meine aktive Teilnahme am Seilerstreik machte mir eine weitere Suche nach Arbeit unmöglich. Auch wegen meines häufigen Auftretens als Redner in Arbeitsgruppen aller Art wurde es immer schwerer für mich, Beschäftigung zu finden. In einzelnen Fabriken stand ich direkt auf der „schwarzen Liste".” 14 An einer anderen Stelle des Lebenslaufes stellt eine ironische Vorwegnahme seines eigenen Prozesses den individuellen Fall in einen größeren politischen Rahmen: „...am 5.Mai, als ich eine Massenprotestversammlung gegen die Ermordung Salsedos durch das Justizministerium vorbereitete, wurde ich verhaftet. Mein guter Freund und Kamerad Sacco wurde mit mir festgenommen. … „Wieder ein Deportationsfall", sagten wir einander.” 15 Vor diesem Hintergrund erscheint die Anklage des Raubmords als Vorwand der Justiz, gegen unliebsame politische Aktivisten vorzugehen. Clara Zetkin, die als Leiterin der „Internationalen Roten Hilfe” die internationale Aktion organisieren half, versteht den Prozeß als einen - innerhalb der bürgerlichen Klassenjustiz- „korrekten" .16 ImRahmen der Arbeiterbewegung geht es an erster Stelle weder um die individuelle Schuld der Angeklagten, noch um die der Staatsanwälte, sondern um die Existenzbedingungen des bürgerlichen Rechtssystems. Da dieses System vom Kapitalismus gestützt wird, vertritt es folglich auch weitgehend die Interessen des Kapitals (z.B. des Privateigentums). Indem der Sacco und Vanzetti Prozeß auf die politische Voreingenommenheit der Justiz aufmerksam macht, fordert er von jedem/jeder eine Parteinahme. Geschichte in diesem Sinn versteht sich nicht als ein statisches Abbild der Wirklichkeit, sondern als Auftrag an das Kollektiv der Adressaten, den Prozeß der Befreiung gegen die Unterdrückung fortzusetzen. Das Beispiel des Sacco-Vanzetti Prozesses läßt sowohl die Herrschaft des Kapitals, als auch den Widerstand gegen sie erkennen. Karl Adamek sieht den Sinn internationalen Proteste darin begründet, daß er „… Millionen die Augen über den wahren Charakter des kapitalistischen Systems und seiner Justiz (öffnete). 17

3. Identitätsfindung der Frau im politischen Handeln

Die zweite Interpretation des Sacco und Vanzetti Falls ist für Seghers’ Erzählung die relevantere. Die Teilnahme an der Demonstration gegen Saccos und Vanzettis Hinrichtung ist Ausdruck des gemeinsamen politischen Ziels der Demonstranten. Das Interesse der Erzählung gilt jedoch den Unterschieden zwischen den vier Demonstranten, die trotz der solidarischen Handlung bestehen. Kurt Batt erkennt die Funktion der Demonstration in Seghers’ Erzählung darin, daß sie „nur den Anlaß für ein analytisches literarisches Experiment (bildet)", 18 welches Seghers in der „Selbstanzeige” des 1931 veröffentlichten Sammelbandes wie folgt beschreibt: „Was geht in einer Viererreihe während einer Demonstration vor? Was begibt sich mit diesen vier verschiedenen, einander völlig fremden Menschen?” 19 Die Dynamik der Erzählung ergibt sich aus dieser Sicht erst aus dem Spannungsverhältnis zwischen der geplanten Aktion der Demonstranten und und ihrer Intention, sie trotz des Gegendrucks der Polizei (in der Form von Kordonen, Straßensperren) )durchzuführen. Bernhard Greiner, der eine semiotische Analyse dieser Erzählung aus der Sicht des Fremden aufrollt, meint, daß sich diese Spannung in zwei Zeichen, die zunächst eine binäre Opposition bilden, manifestiert: „Das eine, die Straßenflucht, ist Zeichen für Davonstürzen, in der Masse voranstoßen, das andere, die beiden Turmstümpfe, ist Zeichen für Verharren, Stehen, aber auch für Sperre, Gegendruck. … An den Figuren der Viererreihe, in der der Fremde geht, wird in wechselnden inneren Monologen vorgeführt, wie ihr bisher unterdrücktes Innerstes (das, was in den tiefsten Wünschen, Begierden, in der Scham und den Ängsten enthalten ist) frei wird in der Identifikation mit diesen Zeichen.” 20 Seghers versucht also Momente der Identitätsfindung in einer Massenbewegung darzustellen. Dabei geht es ihr nicht so sehr um die Darstellung von Individuen mit bestimmbaren biografischen Daten, die Erzählfiguren besitzen z.B. keine Namen, sondern um die Darstellung von sozial konstituierten Subjekten. Da die „Subjekte” als (gesetzesmäßige) Konstruktion sprachlicher und daher sozialer Zeichen auftreten, entsteht auch die Frage, in welchen sozialen Verhältnissen sich neue Identitäten bilden können. Es entstehen also weniger Porträts historischer Persönlichkeiten, als ein Experiment mit historisch möglichen Identitäten. Unter den vier Erzählfiguren werden der Fremde und die Frau differenzierter dargestellt. Das heißt jedoch nicht, daß diese beiden wichtiger für den Ablauf der Demonstration sind, als etwa der Eisenbahnarbeiter (der mürrische Mann) oder der erfahrene Berufsdemonstrant. Im Gegenteil, der Fremde und die Frau sind dem politischen Handeln zu Beginn des Marsches noch fremd, und haben noch mit „inneren” Widerständen zu kämpfen, die bei den anderen beiden nicht so stark ausgeprägt sind. Während sich die Handlungen der erfahreneren Demonstranten visuell im Gedächtnis der Zuschauer einprägen, das Lächeln des kleinen Mannes, obwohl er schon zwischen zwei Polizisten abgeführt wird, die Auslösung der Konfrontation zwischen Polizei und Demonstranten durch den mürrischen Mann, indem er als erster den Fuß auf das „magische Dreieck” zwischen den Gegnern setzt, sind die Beiträge des Mannes und der Frau zum Erfolg der Demonstration nicht unmittelbar sichtbar. Obwohl ich auf die Berührungspunkte der jeweiligen Situationen des Fremden und der Frau eingehen werde, gilt das Hauptinteresse dieser Arbeit der Darstellung der Frau, da sie in den meisten bisherigen Analysen dieser Erzählung nicht eingehend genug behandelt wurde. Obwohl Greiner in einem sehr aufschlußreichen Aufsatz über Seghers’ Entwürfe der Identitätsfindung feststellt, daß dieser Vorgang „in den Figuren der Viererreihe gebrochen (wird), wodurch unterschiedliche Aspekte der Identitätsfindung manifest werden", 21 wird unter diesen Aspekten nicht das besondere Verhältnis der Frau zur Gesellschaft und somit auch zur Sprache untersucht. Dagegen entwickelt er drei Aspekte der Identitätsbildung bei Anna Seghers, den mimetischen, den kommunikativen und den expressiven, unter die er auch die Erfahrungen der Frau subsummiert. 22 Im Gegensatz zu Greiner hat Peter Beicken die zentrale Bedeutung der Erzählung darin erkannt, daß sie das Experiment der weiblichen Befreiung vom traditionellen Rollenbewußtsein darstellt: „Für diese noch unabgeschlossene Entwicklung, die von sozialistischen Frauen und Feministinnen auf ihre je verschiedene Weise weitergetragen wird, ist Anna Seghers’ Erzählung „Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft” ein Meilenstein, weil dort die Abnabelung der Frau von der Mutterrolle das Experiment darstellte, der Frau einen Freiraum der Entscheidung zu verschaffen, der ein neues Verhältnis zur weiblichen Kulturtradition und zum Frausein als Mutter wieder möglich machte.” 23 Greiners und Beickens Interpretationen, die jeweils von der Position des Fremden und der der Frau ausgehen, betonen beide das Thema des Ausbruchs aus dem Alltag. Während der Ausbruch des Fremden in den Horizont des Traumes gerückt wird, gelingt der Frau der Ausbruch schließlich im Überschreiten der Schwelle zwischen Alltag und Geschichte. Beide Möglichkeiten des Ausbruchs konvergieren im neuen Zeichen der revoltierenden Masse. Aber auch dieses Zeichen, welches aus der Verschmelzung der binären Opposition zwischen dem Zeichen für Flucht und für Verharren entstand, muß erst wieder in Leben, das heißt in neue Texte, verwandelt werden. Da ein Zeichen niemals nur auf sich selbst verweisen kann, sondern sich in Differenz zu anderen Zeichen, Signifikanten, konstituiert, verweist das neue Zeichen als Verschiebung der alten (widersprüchlichen) Identität auf die Verschiebung anderer Oppositionspaare. Ebenso wie das neue Zeichen aus heterogenen Komponenten zusammengesetzt ist, ((Verharren, Voranpreschen, Alltag, Geschichte), produziert es wieder andere Widersprüche. Greiner bezeichnet den Prozeß der Identitätsfindung als „unerschöpfliche Quadratur der Ich-Bestätigungen”: „Identität wird im Zeichen erreicht, steht nicht in der Position des Signifikats, sondern wieder des Signifikanten und eröffnet damit eine sich fortzeugende Reihe immer neu ernötigter Identitätsfindungen. … Das Gefühl der Identität und Realität, die das Subjekt durch das Ich bekommt, birgt in sich Irrealität, Täuschung und Nicht-Identität, hält das Subjekt in unerschöpflicher Quadratur der Ich-Bestätigungen gefangen.” 24

4. Gegenbeispiel: die Identität des Fremden

Beim Fremden reicht der Riß zwischen dem Alltag und dem Anderen, ob Traum oder politisches Handeln, nicht so tief wie bei der Frau. Obwohl beide der Demonstration anfangs fremd sind, ist der Fremde der Frau noch fremder als die beiden anderen Männer, mit denen sie sich „zufällig” zu Beginn der Demonstration aufgestellt hatte. Über die nicht existente Beziehung sagt der Erzähldiskurs folgendes aus: „Links von ihr guckte sie überhaupt nicht hin, der war ganz fremd, wie ein Brett dazwischen.” (S.170) Umgekehrt aber nimmt der Fremde die Frau wahr, da sie teil des Erlebnisses der fremden Stadt ist. Er findet aber nur eine schwache Spur seiner Wünsche in ihrem Gesicht: „In ihrem grauen, trockenen Gesicht waren zwei Mundwinkel voll Süßigkeit, sogar die gaben ihm einen Stich, weil er sich sehr mehr wünschte.” (S.167) Er ist im Gegensatz zur Frau fähig, seine Begierde, sein „Innerstes” (wieder)zuerkennen, da es sich im Zeichen der „fremden Stadt” manifestiert. In dem Maße, wie die wirkliche Stadt jedoch von seinen Vorstellungen abweicht, muß er die Manifestationen seines Traumes um so intensiver suchen, um seine andere Identität, die er gleich zu Anfang der Erzählung behauptet, aufrechtzuerhalten: „In dieser fremden Stadt will ich ganz anders sein. Ich werde nie mehr hierher zurückkommen, aber diese eine Woche will ich für mich haben. Was ich in dieser Stadt mache, das zählt nicht mit, das gilt gar nichts, sowenig wie etwas gilt, was man im Schlaf macht. Was ich in dieser Stadt mache, wird einfach nicht mitgerechnet. Das kann ich. Das geht.” (S.158) Obwohl sein Drang, die Stadt allein zu erforschen, von den gleichmäßigen Bewegungen des Zuges gehemmt wird, besitzt er trotzdem das Symbol der fremden Stadt, durch das er seine Begierde markieren und wiedererkennen kann. Er besitzt also die Sprache als Anhaltspunkt, um die Wirklichkeit zu erfassen. Ein solcher Moment des Wieder-Erkennens findet statt, als sein Blick mit den Turmstümpfen zusammenstößt: „Der Fremde … erblickte plötzlich die Stümpfe von zwei Türmen. Er erschrak vor Freude. Sie waren so schön wie die Türme auf seinen Bildern, aber sie hatten, was diese Türme nie gehabt hatten, den Geruch von Wirklichkeit, den man nur spürt, wenn er da ist. Denn wenn die Türme wirklich waren, dann war auch die Stadt wirklich, und auch er war wirklich, er ganz allein, in der fremden Stadt, wo alles anders war, endlich ganz wirklich. Streckte er den Arm aus, so legte sich die Luft um seine Hand, fremde blaue Luft, wie eine Substanz. Er war glücklich und hatte Lust zu reden.” (S.159) Diese spontane Identifikation des äußeren Zeichens, der konkreten Türme, die „wie Wächter über seinem Wunsch, über dem unerfüllbaren, verrückten Wunsch seiner Jugend, der heftigen, in Scham und Angst geheimgehaltenen Begierde, der letzten Hoffnung der letzten Jahre: allein in die Stadt zu fahren, (standen)” (S.161/162), mit seiner Begierde, „ganz anders zu sein” (S.158), ist jedoch nur scheinbar eine kausal-logische, denn sie beruht auf einer Analogie. Die Wirklichkeit der sinnlich-faßbaren Türme wird auf die Existenz der fremden Stadt, die bisher nur in seiner Vorstellungswelt existierte, und schließlich auf das eigene Ich als sich kreuzende „Ursprünge” sowohl der Vorstellung der fremden Stadt, als auch der Wahrnehmung der konkreten Merkmale dieser Stadt, der Türme, übertragen. Daß eine solche Identität nur in einem ekstatischen Augenblick möglich ist, da sie den Rahmen sozialer Verhältnisse sprengt, zeigt schon der distanzierte Blick des Fremden auf die Türme: „Er drehte sich noch mal nach seinen Türmen um, sie waren schon weit hinten, sahen auf einmal aus wie Türme auf Ansichtskarten. Der Fremde drehte enttäuscht den Kopf zurück.” (S.165)

5. Die Befreiung der Frau

Im Gegensatz zum Fremden, der seine Begierde auf die fremde Stadt projizieren kann, bietet die Sprache der Frau scheinbar kein Raster, in das sie ihren Wunsch, -"die richtige große Zeit (zu) haben, in der man frei herumläuft” (S.167),- einordnen könnte. Ihr Wunsch grenzt sich scheinbar rein negativ sowohl vom Alltag, als auch von den „männlichen” Gedankengebäuden, den „leuchtenden Gedanken..., wie sie die Männer ausdenken, damit man sich daran festhalten und leben konnte” (S.171), ab. Damit fällt die positiv-bestimmbare Hoffnung, wie sie etwa der Fremde in bezug auf die fremde Stadt besitzt, weg. Die Frau befindet sich in der paradoxen Situation, daß die Sprache mit der sie ihre Unzufriedenheit und Hoffnung artikuliert, zugleich die Sprache ihrer Unterdrückung und Geringschätzung ist. Die Überwindung dieses Dilemmas setzt zunächst das Bewußtsein der Hintergründe dieser paradoxen Situation voraus. Die Befreiung der Frau fängt mit einem Denkprozeß an, in dem sie sich sowohl mit den ökonomischen Bedingungen ihrer Unterdrückung, als auch mit deren ideologischen Manifestationen auseinandersetzt. Mit diesen Überlegungen geht eine historisch-veränderte und historisch-verändernde Verhaltensweise einher. Was macht also die Frau dieser Erzählung? Auffallend ist zunächst die nachdenkliche Haltung der Frau während der Demonstration: „Die Frau lief und lief mit niedergeschlagenen Augen, betrachtete laufend mit ungeteilter Aufmerksamkeit etwas auf der Innenseite ihrer Lider.” (S.178) Das Nachdenken der Frau über alte Verhaltensweisen setzt eine bewußte Distanz ihnen gegenüber voraus. Sie wird durch einen unbewußten Einschnitt plötzlich erzeugt: „Etwas in ihr schnappte zu, was offen gewesen war, vier, fünf Jahre. Oben im Kopf ging es zu und unten auch. Daß das überhaupt mal zuging.” (S.160) Es ist wohl die Bereitschaft, weiterhin an dem Wunschbild ihres verstorbenen Mannes, Pauls, zu hängen, die plötzlich abbricht. Ausgehend vom Vergleich Pauls mit dem mürrischen Demonstranten, beginnt sie das Ideal einer glücklichen Ehe in frage zu stellen: „Nämlich, Paul, das würde ja gar nichts nützen, wenn er noch da wäre. Der wäre ja gar nicht so, wie er war, bevor er tot war, sondern, wenn einer am Leben bleibt, dann wird er eben anders. Und Paul, der wäre jetzt so gewesen, wie der ist, der neben ihr geht, auch so mürrisch und steintrocken. Paul war ja von vornherein grämlich, und so einer wird mit der Zeit ganz steinern.” (S.160) Die Korrektur des idealisierten Bildes ihres Mannes durch ein wahrscheinlicheres, das die Einflüsse des Alters und der Umstände auf menschliches Verhalten berücksichtigt, trägt pessimistische Züge. Das ließe sich dadurch erklären, daß die Beziehung zu ihrem Ehemann auch der Frau ein Ich-Ideal widerspiegelt. Die Ideale der Liebe und Opferbereitschaft der Frau in der Ehe sind in dem bürgerlichen Konzept des privaten und freien Ehebundes begründet. Damit verdeckt dieses Liebesideal zugleich die soziale Funktion der Institutionen der bürgerlichen Ehe und Familie. In dem Sinne erkennt die Frau das Ich-Ideal nicht als ein sozial konstituiertes. Sie spürt allerdings, wie die Stabilität dieses Ideals vom schwankenden Verhalten des Anderen (der realen Liebesobjekte also) bedroht wird. Indem die Frau in den negativen Zügen ihres Nachbarn („mürrisch", „steintrocken", „grämlich", „steinern”) die Eigenschaften Pauls wiedererkennt, beginnt sie auch negative Eigenschaften an sich selbst wahrzunehmen. Damit fängt sie an, an ihrer bisherigen „weiblichen” Werteordnung zu zweifeln, die sie bisher als abhängig vom Mann definierte. Wie schwer es ist, ohne diese Stütze zu leben, zeigt vielleicht ihre Gestik: „Alles hing sich an ihr herunter vor Nachdenken, ihr Kiefer, ihre Schultern, ihr Bauch, ausgebeutelt zur Strafe, weil so oft was drin war.” (S.160) So hart und entmutigend das Urteil über ihre Lage auch erscheinen mag, enthält die Entidealisierung des (klein)bürgerlichen Alltags doch auch den Kern eines neuen Selbstbewußtseins.

5. Interaktion Frau/ Männer in der Demonstration

In der Interaktion mit den anderen Demonstranten der Viererreihe sieht die Frau sich genötigt, ihr Selbstbild umzudenken. Der Prozeß der Redefinition wird durch die Widersprüche der unterbewußten Projektionen der Frau auf den mürrischen Mann und durch sein reales Verhalten ausgelöst. Es handelt sich in der Projektion um ein imaginäres Konstrukt des/der Anderen, das jedoch eine unterschiedliche Bedeutung für die Frau und den mürrischen Mann besitzt. Die Frau sucht sich die positiven Eigenschaften des Mannes heraus, die sie an den eigenen Ehemann erinnern. Dabei greift sie auf bekannte Verhaltensmuster zurück, z.B. auf die Struktur des beschützenden, väterlichen (Ehe-)Mannes und der hilflosen, schutzbedürftigen Ehefrau. Sie sieht den fremden Demonstranten zunächst bloß durch das familiäre Schema. Die familialen Erwartungen dem Manne gegenüber dienen ihr als Anhaltspunkt, an dem sie sich in der anfangs neuen Situation der Demonstration orientieren kann. Damit die Übertragung des Ehemannes auf den Demonstranten effektiv ist, muß die Projektion von seiten des Mannes zumindest teilweise erwidert werden. Das heißt, daß die Eigenschaften des mürrischen Mannes die Projektion begünstigen. Es sind paradoxerweise gerade die negativen Eigenschaften ihres Mannes (wie mürrisch und trocken), die die Frau in der Übertragung des Eheideals auf den fremden Mann unbewußt heraussucht. Das Paradox liegt darin, daß ein Ideal eine Abstraktion oder ein Modell der Wirklichkeit darstellt und folglich keine individuellen Merkmale besitzt. Da das Ideal jedoch angewandt werden muß, um seine Funktion (z.B. die Regelung des Verhältnisses der Geschlechter) zu erfüllen, müssen mit seiner Anwendung auch kleine Abweichungen vom Ideal toleriert werden. Wenn diese Abweichungen vom Ideal jedoch überwiegen, wird es unmöglich, das Ideal aufrechtzuerhalten. Die Gedanken und das Verhalten des mürrischen Mannes machen darauf aufmerksam, daß er, umgekehrt zur Frau, die Einschätzung seiner Frau auf die Einschätzung der Frau in der Demonstration projiziert. „An der ist auch nicht mehr viel zu holen, die ist genauso ausgefegt, wie meine zu Haus.” (S.160) Die Formulierung seiner Gedanken ist aufschlußreich für sein Verhältnis zu Frauen. Ausdrücke, wie „an jemanden ist nichts mehr zu holen", „ausgefegt sein", „meine zu Haus” weisen auf seine Geringschätzung für Frauen hin. Im Gegensatz zur Frau ist er weder auf die emotionalen Bindungen der Ehe noch der Familie angewiesen, sondern auf die Anerkennung im Beruf und in der Gewerkschaft. Er scheint Frauen bloß als sexuelle Objekte zu sehen, die ausgedient haben, sobald sie nicht mehr sexuell attraktiv sind. Damit erweist sich die Geringschätzung der Frau als Kehrseite des Ideals der liebenden, dienenden Ehe- und Hausfrau. Die Bedürfnisse der Frau nach Anerkennung und Schutz werden vom mürrischen Mann ignoriert. Durch seine abschätzige Gestik der Frau gegenüber, sieht sie sich gezwungen, sowohl den Verlust ihrer sexuellen Attraktivität, als auch ihre soziale Position als alleinstehende Mutter zu verarbeiten. Es ist wahrscheinlich aus der Enttäuschung ihrer Erwartungen dem Mann und analog dazu ihrem Ehemann gegenüber heraus, daß die Frau während des Großteils der Demonstration isoliert erscheint. Erst gegen Ende der Demonstration identifiziert sich die Frau positiv mit der politischen Intention der Demonstranten, und gibt damit die individuelle Abhängigkeit vom mürrischen Mann auf: „Die Frau verstand auf einmal, daß sie noch hinkommen konnte. Sie vergaß den Mann, an den sie sich bisher gehalten hatte, weil sie sich drüben am Westbahnhof mit ihm aufgestellt hatte, und zwängte sich nach vorn.” (S.182) Die Isolation der Frau in der Demonstration wird durch Gesten der Geringschätzung von seiten des mürrischen Mannes verstärkt. Die Geringschätzung bewirkt eine Selbstverachtung, die die Frau daran hindert, selbst auf geistiger Ebene Kontakt mit den Männern aufzunehmen. In ihrer Scham, die Männer nach dem Grund der Demonstration zu fragen, steckt Selbsthaß. Eher als die Bestätigung ihrer Vermutung zu riskieren, versucht die Frau, sich krampfhaft an die Erklärungen der Männer beim Aufstellen der Viererreihen zu erinnern und ist erleichtert, als ihr der Grund zum Protest einfällt: „Sacco und Vanzetti. Sie schämte sich sehr, hätte gern gefragt, besonders den Kleinen neben sich, der „Wieso denn umsonst” gesagt hatte. So geht es einem, wenn man sich schämt zu fragen. Sie hätte gleich am Anfang fragen sollen, wie alle vorerst davon gesprochen hatten. Sie schämte sich wirklich, die Männer zu fragen, da lief sie schon lieber einfach mit. Sie dachte und dachte, aber sie kam jetzt nicht drauf, was mit den beiden war, was die zwei getan hatten, von denen man immerzu sprach, und fragen ging nicht. Sie grübelte nach, dann fiel es ihr ein. Sie war ganz erleichtert. Jetzt fiel ihr endlich ein, daß die beiden gar nichts getan hatten, nichts Großes und nichts Kleines, sondern einfach unschuldig waren.” (S.163)

6. Abhängigkeit und Selbstdenken

Ein wichtiges Merkmal dieser Überlegung über die Ursache der Demonstration, ist die intellektuelle Abhängigkeit von den beiden Männern. Sie bilden zunächst den einzigen Zugang zum politischen Geschehen. So unterbricht sie ihre Reflexionen nur, um „angestrengt zu verstehen, was die Männer sprachen.” (S.167) Es wird von ihnen angenommen, daß sie die politischen Zusammenhänge besser überblicken können, da sie sich seit je aktiv am politischen Leben beteiligten. Im Gegensatz dazu besagt das Vorurteil über die Frau, daß ihr „eigentlicher” Ort zu Hause sei. Es steht ihr nicht zu, politische, also Machtentscheidungen zu fällen. Solange das Vorurteil der Unmündigkeit der Frau vom bürgerlichen Gesetz aufrechterhalten wird, unterdrückt es mit dem Fehlen der praktischen Anwendbarkeit auch das Interesse an der politischen Bildung. Seit die industrielle Revolution um etwa 1785 die proletarische Frau aus dem privaten Bereich der Familie in den öffentlichen der Arbeit und Politik einließ, mußte und muß sie noch ihren politischen Rückstand aufarbeiten. Das impliziert auch, daß sie ihre bisherige Unterlegenheit, Unterpriviligiertheit in bezug auf die Männer zunächst erkennen muß. In diesem Zusammenhang ist die Scheu der Frau, die Männer zu fragen verständlich, denn das Fragen setzt ja auch ein Verständnis des Gegenstands voraus (in diesem Falle der Klassenjustiz), den diese Frau noch nicht besitzt. Was würde ihr eine Antwort nützen, die sie kritiklos akzeptierte? Einerseits ist die Scham der Frau, zu fragen, verständlich, andererseits wirkt sie sowohl auf die Frau, als auch auf den/die Leser/in irritierend, denn sie führt zur Perpetuierung der eigenen Minderwertigkeit und Ausgeschlossenheit. „So geht es einem, wenn man sich schämt zu fragen,” lautet der Selbstvorwurf der Frau. Die Frau beläßt es aber nicht bei dieser Konsequenz, sondern grübelt weiter. Ihr mitverschuldeter Ausschluß aus der öffentlichen Kommunikation zwingt sie zum eigenen Nachdenken und schließlich zur eigenen Formulierung: „Jetzt fiel ihr endlich ein, daß die beiden gar nichts getan hatten, nichts Großes und nichts Kleines, sondern einfach unschuldig waren.” (ebd.) Obwohl diese Schlußfolgerung auf den ersten Blick unpolitisch erscheint, enthält sie doch insofern den Ansatz eines politischen Bewußtseinprozesses, als sie auf die Schuld der Justiz und die Unschuld der von ihr Verurteilten aufmerksam macht. Die bestehende Ordnung wird nicht mehr als einzig richtige, natürliche, unschuldige angesehen, sondern fordert eine politische Entscheidung, die sich in dieser Erzählung als Stellungnahme für die Unschuld Saccos und Vanzettis äußert, heraus. Durch die Teilnahme an dem Massenzug setzt die Frau mit ein Zeichen für den Widerstand gegen die Klassengesellschaft.

7. Die Frau und der Marxismus

Andererseits trägt die Unterdrückung der arbeitenden Frau im Kapitalismus ihr eigentümliche Merkmale im Vergleich mit der Unterdrückung des Arbeiters. Es gilt also ebenso die Unterschiede wie Gemeinsamkeiten der männlichen und weiblichen Ausbeutung zu erkennen, damit in der Befreiung der Arbeiterklasse soweit wie möglich auch die Bedingungen und Strukturen für eine weibliche Emanzipation geschaffen werden können. Indem Frauen im einzelnen und besonderen lernen mit politischen Mitteln umzugehen, schaffen sie die Grundlage, von der aus sie Politik, also Machtverhältnisse, auch auf den höchsten Entscheidungsebenen mitbestimmen können (z.B.in Bereichen wie Wirtschaftspolitik, Verteidigungspolitik usw.) Das historisch Spezifische der Arbeitersfrau liegt wohl darin, daß ihr Zugang zum Produktionsprozeß kein kontinuierlicher ist. Demnach kann die Frau sich auch auf keine Tradition des Widerstands gegen ihre Unterdrückung berufen, wie der Arbeiter in bezug auf die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Das hängt mit ihrer spezifischen Verwertung im kapitalistischen Produktionsprozeß als Teil einer beliebig exploitierbaren Arbeiter- bzw. Reservearmee zusammen. Karl Marx beschreibt diese Tendenz des Kapitals folgendermaßen: „Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber größerer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie! Dies gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und Arbeitern verwandelte sich damit sofort in ein Mittel, die Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einrollierung aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmäßigkeit des Kapitals.” 25 Aus der Verwendung weiblicher Arbeitskraft eröffnen sich neue emanzipatorische Möglichkeiten. Ein positives Element der industriellen Revolution, ist die potentielle Verselbstständigung der früher Unselbstständigen, also der Frauen und Kinder. Diese Verselbstständigung wird durch den Austausch der Produkte der eigenen Arbeit als Waren ermöglicht: „Dort, wo die physiologische Teilung der Arbeit den Ausgangspunkt bildet, lösen sich die besondren Organe eines unmittelbar zusammengehörigen Ganzen voneinander ab, zersetzen sich, zu welchem Zersetzungsprozeß der Warenaustausch mit fremden Gemeinwesen den Hauptanstoß gibt, und verselbständigen sich bis zu dem Punkt, wo der Zusammenhang der verschiednen Arbeiten durch den Austausch der Produkte als Waren vermittelt wird. Es ist in dem einen Fall Verunselbständigung der früher Selbständigen, in dem andern Verselbständigung der früher Unselbständigen.” 26 Diese Verselbständigung bedeutet einerseits die Befreiung aus der Vormundschaft des patriarchalen Familienhaupts, andererseits erzwingt der Kontrakt zwischen dem Käufer der Arbeit und seinem/seiner Verkäufer/in neue Abhängigkeitsverhältnisse unter den Arbeitern. Die Ursache liegt darin, daß die Beschäftigung aller Glieder der Familie den Wert der individuellen, männlichen Arbeitskraft senkt: „Der Wert der Arbeitskraft war bestimmt nicht nur durch die zur Erhaltung des individuellen erwachsnen Arbeiters, sondern durch die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Arbeitszeit. Indem die Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt wirft, verteilt sie den Wert der Arbeitskraft des Mannes über seine ganze Familie. Sie entwertet daher seine Arbeitskraft. Der Ankauf der in 4 Arbeitskräfte z.B. parzellierten Familie kostet vielleicht mehr als früher der Ankauf der Arbeitskraft des Familienhaupts, aber dafür treten 4 Arbeitstage an die Stelle von einem, und ihr Preis fällt im Verhältnis zum Überschuß der Mehrarbeit der vier über die Mehrarbeit des einen. Vier müssen nun nicht nur Arbeit, sondern Mehrarbeit für das Kapital liefern, damit eine Familie lebe. So erweitert die Maschinerie von vornherein mit dem menschlichen Exploitationsmaterial, dem eigensten Ausbeutungsfeld des Kapitals, zugleich den Exploitationsgrad.” 27 Die Verwendung halbmündiger und unmündiger Frauen- und Kinderarbeit nimmt dem Arbeitskontrakt den Schein der Freiheit, indem der Arbeiter nun nicht nur über die eigene Arbeit verfügt, sondern sich genötigt sieht, die Arbeit seiner Frau und seiner Kinder zu verkaufen: „Sie (die Maschinerie) revolutioniert ebenso von Grund aus die formelle Vermittlung des Kapitalverhältnisses, den Kontrakt zwischen Arbeiter und Kapitalist. Auf Grundlage des Warenaustauschs war es erste Voraussetzung, daß sich Kapitalist und Arbeiter als freie Personen, als unabhängige Warenbesitzer, der eine Besitzer von Geld und Produktionsmitteln, der andere Besitzer von Arbeitskraft, gegenübertraten. Aber jetzt kauft das Kapital Unmündige oder Halbmündige. Der Arbeiter verkaufte früher seine eigne Arbeitskraft, worüber er als formell freie Person verfügte. Er verkauft jetzt Weib und Kind. Er wird Sklavenhändler.” 28 Aus ihrer spezifischen Position heraus, die sie von der bürgerlichen Frauenbewegung unterscheidet, muß die Arbeiterfrau eine doppelte Strategie der Emanzipation entwickeln: Einerseits gegen ihre Ausbeutung als Hausfrau, Mutter und Ehefrau, andererseits gegen ihre ökonomische Ausbeutung als Teil der industriellen Reservearmee, die zwecks billiger Arbeitskraft „in Zeiten großer Prosperität, ..., rasch und massenhaft in die aktive Arbeiterarmee einrolliert” 29 werden kann.

8. Die Frau als Mutter und die Emanzipation

Weil sie das Gefühl hat, ihre Kinder zu vernachlässigen, möchte die Frau aus Anna Seghers’ Erzählung sich von dem Demonstrationszug abwenden. Ihre Begründung lautet wie folgt: „Es gab keinen Grund zum Umkehren. Sie hätte gern vor der Brücke den Zug verlassen, aber sie schämte sich vor den Männern, die glaubten dann, daß sie sich fürchtete. Sie fürchtete sich auch wirklich, fürchtete sich vor den Polizisten, die mit ihren Knüppeln den Heimweg zu den Kindern versperrten. Gustavs Weinen zog sie ohnedies über die Brücke wie ein ewiger, von einer endlosen Spule abgerollter, in ihre Stirn eingefädelter Faden. Sollten andere mit solchen Umzügen gehen ans letzte Ende der Stadt, Freie, Glückliche, die nicht so ein Zimmer hinter sich herschleifen voll Kinder und Teller und Wäsche.” (S.168) Das Schuldgefühl ihren Kindern gegenüber ist wohl deswegen „unbegründet", da die Ausübung der häuslichen Pflichten unter den kapitalistischen Arbeitsbedingungen zum Anachronismus geworden ist. Die Frau arbeitet aus ökonomischer Notwendigkeit, und nicht aus einem moralischen Mangel heraus. Marx beschreibt, wie die ehemaligen Arbeiten des Familienkonsums, also hauptsächlich Frauenarbeit, durch den Kauf fertiger Waren ersetzt werden. Die daraus entstehenden zusätzlichen Kosten zur Erhaltung der Familie gleichen die Mehreinnahme von der Frauen- und Kinderarbeit wieder aus: „Da gewisse Funktionen der Familie, z.B. Warten und Säugen der Kinder usw., nicht ganz unterdrückt werden können, müssen die vom Kapital konfiszierten Familienmütter mehr oder minder Stellvertreter dingen. Die Arbeiten, welche der Familienkonsum erheischt, wie Nähen, Flicken usw., müssen durch Kauf fertiger Waren ersetzt werden. Der verminderten Ausgabe von häuslicher Arbeit entspricht also vermehrte Geldausgabe. Die Produktionskosten der Arbeiterfamilie wachsen daher und balancieren die Mehreinnahme. Es kommt hinzu, daß Ökonomie und Zweckmäßigkeit in Vernutzung und Bereitung der Lebensmittel unmöglich werden.” 30 Die Frau macht sich während der Demonstration Vorwürfe, daß sie das Vertrauen ihrer Kinder verliert, wenn sie nicht rechtzeitig oder gar nicht nach Hause kommt. Die Vergegenwärtigung des mißtrauischen Blicks ihrer Tochter, Anna, löst eine Assoziationskette aus, deren Richtung andeutet, daß sie, die Mutter, einsieht, daß die erstickende wechselseitige Abhängigkeit, durch die Angst, die Ansprüche ihrer Kinder zu enttäuschen, noch gesteigert wird: „Kommt sie mal gar nicht heim, werden aus Annas Augen schwarze Löcher von Mißtrauen: Habe ich mir immer gedacht, daß du mal ganz wegbleibst. Voriges Jahr hatte sie mal solche Angst bekommen, da war sie eine Zeitlang nirgendswo mitgegangen. Sie hatte sich eins der Kinder nach dem anderen vorgenommen und soviel an jedem gebürstet, genäht und gerieben, wie man einem Kind reiben und bürsten kann, dann hatte sie sich’s rum überlegt.” (S.172) Die Erkenntnis, daß der Perfektionsdrang in der Ausübung einer Rolle, wie hier zum Beispiel das Bürsten, Nähen und Reiben der Mutter an den Kindern, den Zweck dieser Tätigkeiten übersteigen und zur neurotischen Zwangstätigkeit werden kann, deutet auf die begrenzten Möglichkeiten dieser Rolle hin. Die potentiellen kreativen Fähigkeiten der Frau werden auf Kleinigkeiten und Nebensächliches eingeengt. Diese Begrenzung der Fähigkeiten kann sich auf die Kinder übertragen, wie das Beispiel Annas andeutet, wenn die Mutter-Kind-Beziehung droht, eine ausschließliche zu werden. Obwohl die Mutter in den ersten Lebensjahren eine wichtige Bezugsperson für das Kind sein kann (in dieser Hinsicht erfüllt die Mutter eine wichtige gesellschaftliche Funktion, die auch anerkannt werden muß), ist es mit der Zeit für das Kind (und die Mutter?) ebenso wichtig, diese fast ausschließliche Bindung zu lösen, damit das Kind sich zunächst in einer kleinen Gruppe (die Menschen aus der unmittelbaren Umgebung, wie die Familie, Nachbarskinder, Kindergarten usw.) und schließlich in der Gesellschaft zurechtfinden kann. Diese ausschließliche Beziehung in den ersten Lebensjahren wird mit der Arbeitstätigkeit der Mutter von anderen ersetzt, z.B. von staatlichen Kinderheimen, Kindertagesstätten, Kindergärten oder durch ältere Nachbarsfrauen, die sich dadurch ein zusätzliches Einkommen verschaffen. Die Mutterrolle erfüllt diese Frau aber auch mit Lust („sattsehen”) und Freude, die die jedoch den Schatten des Schreckens verbirgt, („sie erschrak vor Freude”) .Wie sieht diese schreckliche Freude aus? „Auf einer fremden langen Straße, dicht voll Menschen, hatte sie mal ihren Jungen getroffen, Johann, den ältesten, liebsten. Er war plötzlich vor ihr hergegangen, sie war ganz erschrocken vor Freude. Sie war heimlich ein Stück hinter ihm hergegangen, hatte sich mal endlich heimlich von oben bis unten an ihm sattgesehen, alle teuren Stücke gierig mit ihren Augen zusammengelesen. Geplatzte Hinternaht an den Schuhen, zusammengenäht, was Männerarbeit war, Strümpfe im Ausverkauf gekauft, zwischen Knien und Hosen ein nackter Streifen, der sie dauerte. An den Schulterblättern geflickte Jacke, runder wolliger Hinterkopf - .” (S.175/176) Auffallend an dieser Erinnerung ist die Spannung, die in der langen Passage, die das heimliche und gierige Sattsehen an ihrem Sohn beschreibt, aufgebaut wird. Es scheint eine umgekehrte Darstellung des Ödipusmythos zu sein. Der Sohn begehrt nicht die Mutter, sondern umgekehrt sie ihn. Da der Ödipusmythos einen zentralen Stellenwert in der Konstitution des bürgerlichen Individuums einnimmt, da er die Verdrängung des unbewußten Begehrens (der Mutter) durch die väterliche Autorität einleitet, ließe sich daraus ableiten, daß die Frau einzig als begehrtes (mütterliches) Objekt des Sohnes/Mannes eine Beziehung zur Sprache in der patriarchalen-bürgerlichen Gesellschaft fände. Zugleich bewegt sich die mütterliche „Identität” an der Grenze der sozialen Sprache. Da diese Möglichkeit der Identifikation mit dem ödipalen Begehren, die das verinnerlichte Inzesttabu überschreitet, zugleich begehrt und verboten ist, erfüllt sein plötzliches Auftauchen die Frau mit einer schrecklichen Freude. Ebenso plötzlich, wie der Wunsch, der heimliche Genuß, auftaucht, verschwindet er auch wieder: „- dann hatte er sich herumgedreht und war ein fremdes Kind.” ((S.175/ 176) )Das blitzartige Umschlagen vom eigenen zum fremden Blick auf den Jungen macht auf die Klassenzugehörigkeit des Jungen aufmerksam. Die Abgenutztheit der Kleidung, die auch die liebevolle Ausbesserung nicht rückgängig machen kann, ist Indiz der sozialen Herkunft sowohl des Jungen, als auch der Mutter des Jungens, die die Kleidung wahrscheinlich flickte. Andererseits bewirkt der Perspektivenwechsel der Mutter auf den Sohn auch, das die Frage, wer die zerschlissene Kleidung geflickt habe und der Stolz, der damit verbunden ist, denn sie leistet hier auch traditionelle Männerarbeit, an Relevanz für die Mutter verliert. Der Perspektivenwechsel sprengt den privaten Rahmen der Familie, um die Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext der Mutter-Sohn Beziehung zu öffnen. Die Entblößung des Eigenen als Fremdem durch die Drehung des Kindes impliziert infolgedessen auch, daß die Armut der Frau keine privat verschuldete sondern durch ihre Klassenlage bedingt ist. Angesichts der Erkenntnis des sozialen Kontextes der eigenen Armut, wird die mütterliche Liebe auch in ein größeres Bezugssystem gestellt: Flicken allein kann die Armut des Kindes nicht auswischen. Das soziale Bewußtsein ersetzt und erweitert das Bewußtsein der Mütterlichkeit. Die Lebensumstände der proletarischen Frau erfordern die Umwälzung des traditionellen Rollenbewußtseins. Die Arbeitersfrau erfährt ihre mütterlichen Aufgaben als Überforderung ihrer Kräfte, da sie sie zusätzlich zu ihrer bezahlten Arbeitszeit in ihrer sogenannten Freizeit zu erledigen hat. In dieser Hinsicht wiederholt die Mutterrolle die Ausbeutung der Frau am Arbeitsplatz, denn die Lust an der Erziehung der Kinder fällt wegen Zeitmangel weg. Die Frau ist ähnlich wie der/die Arbeiter/in im Kapitalismus von den Ergebnissen ihrer Arbeitskraft entfremdet: „Sie wollte an ihre eigenen Kinder denken, nie bekam sie den Tag der Kinder zu sehen, drei Schlafe auf dem Bett, wenn sie nachts heimkam. Frühmorgens machte sie sich wild her über die Stücke, die von den Kindern zurückgeblieben waren, Strümpfe und Jacken und Wäsche. Unter dem Fenster war der frühe Hof, ratzekahl, wie der Himmel darüber. Man hätte die beiden Vierecke miteinander vertauschen können. Sie war todmüde von dem Tag, der noch gar nicht da war.” (S.170)

8. Körper und Sexualität: Lust und/oder Last

Einerseits erscheint der eigene Körper, und damit auch die Sexualität der Frau als eine Last, andererseits gilt der Frau die Sexualität auch als Anlaß zum Glück und zur Freude, wenn sie ihre sexuelle Attraktivität und damit auch ihr Selbstbewußtsein bestätigt. Daß dieses Glück aber durch die ökonomischen Umstände relativiert wird, zeigt die Bewegung ihres inneren Monologes von Hoffnung zur Desillusion über die Reaktion, die eine unerwartet frühe Rückkehr von der verhinderten Demonstration zu Hause hervorrufen könnte: „Ja, wenn sie absperren, konnte man nicht einfach drüber, dann konnten sie umkehren. Konnte man einfach die Tür aufreißen: Da bin ich. Das Zimmer war ja wohl leer. Da konnte sie in den Hof hinunterrufen: Da bin ich! Paul hatte abends immer zwischen den schlafenden Kindern gehockt, auf die Tür gespannt, ihren Körper zurückzukriegen aus der fremden, schrecklichen Stadt. Nie war es mehr so gewesen wie früher, als sie gespannt hatte. Es war, als ob er von seiner Arbeitsstätte das Wichtigste mitgebracht hätte, das, was man braucht, um nachts glücklich zu sein.” (S.162) Diese mit Tagträumen verwobenen Reflexionen, denen noch die ungelöste emotionelle Abhängigkeit von ihrem verstorbenen Mann anhaftet, deuten auf den langwierigen, da widersprüchlichen Prozeß der Befreiung hin. Die Emanzipation wird nicht als glatt aufsteigende Linie des Fortschritts sichtbar, sondern enthält auch Rückschläge, wie in diesem Beispiel die Rückversetzung in einen glücklicheren Alltag. Eine solche Rückkehr ist deshalb unmöglich geworden, weil sie die Erfahrung, die die Frau als Arbeiterin sowohl in bezug auf ihre Arbeitsverhältnisse, als auch in bezug auf ihre Familie, also auch den Ehemann, gemacht hat, rückgängig zu machen versucht. In dem Vergleich ihrer Situation vor und nach der Arbeitslosigkeit ihres Mannes scheint die Anspielung auf ihre doppelte Unterdrückung als Arbeiterin und als Frau mitzuschwingen. Ihre Ausbeutung als Arbeiterin wird durch die „fremde, schreckliche Stadt” symbolisiert, welche in den Augen des Mannes den Körper der Frau zu verschlingen droht. Die körperliche Verausgabung der Frau durch ihre Arbeit empfindet bezeichnenderweise gerade der Mann als Bedrohung, da dadurch seine priviligierte Position der Frau im Haushalt gegenüber bedroht zu sein scheint. Die Begründung, daß er Anspruch auf ihre Hausfrauendienste, wie Einkaufen, Waschen, Stopfen, Kochen erheben könnte, da sie ja nicht woanders beschäftigt sei, fällt wegen seiner Arbeitslosigkeit weg. Der Rollenwechsel von Arbeiter zu arbeitslosem „Hausmann” wird als Abstieg und persönliche Schmach empfunden. Dieses ungleiche Rollenverhältnis manifestiert sich in der Polarisierung zwischen der doppelten Belastung der Frau als Arbeiterin und Hausfrau einerseits und dem untätigen Warten des Mannes auf seine heimkehrende Frau andererseits. Die Bemerkung der Frau, daß „es (nie) mehr so gewesen (war) wie früher, als sie gespannt hatte", weist auf Stagnation der traditionellen Rollen- und Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau unter veränderten Produktionsbedingungen hin. Werner Thönnessen beschreibt, wie sich die Rationalisierung der deutschen Industrie zusammen mit der Arbeitslosigkeit der Nachkriegsjahre auf das Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau auswirkte: „The vast programme of dismissals in the post-war years was followed by an increase in female employment during the period of economic upswing in which white-collar jobs had the greatest share. But because this development was accompanied by a steady rise in the level of unemployment, a similiar tension arose between men and women to that which existed under the regime of the Demobilisation Decrees up till 1923. In the earlier period, the state had encouraged the dismissal of women, but now the rationalization of the German economy after 1924 promoted their employment. Apart from this, the women were pressing for jobs for the very reason that the men were unemployed. At the same time as male unemployment grew, there was an increase in the labour pool of married women.” 31

9. Diskontinuität zwischen Alltagsdenken und Geschichtsbewußtsein

Der Bewußtseinsprozeß der Frau verfängt sich ständig im Netz ihrer Rollen. Das Rollenangebot der Frau als Mutter, Ehefrau, Hausfrau und Arbeiterin läßt der Frau nur einen minimalen Spielraum an „freier” Entscheidung. Die Aufgabenbereiche, die sie etwa als Hausfrau und Arbeiterin zu bewältigen hat, nehmen kaum ihre kreativen, intellektuellen Fähigkeiten in Anspruch. Im Gegenteil, die auszehrende körperliche Arbeit im Beruf und im Haushalt reduzieren ihre geistige Energie auf den niedrigsten gemeinsamen Nenner, den sie zur Ausübung beider Rollen braucht. Diese körperliche Überforderung hindert die Frau daran, sich alternative Gedanken über die Zukunft zu machen: „Frühmorgens machte sie sich wild her über die Stücke, die von den Kindern zurückgeblieben waren, Strümpfe und Jacken und Wäsche… Sie war todmüde von dem Tag, der noch gar nicht da war. Es langte nur in ihr, um kleine Stiche zu machen, einen neben den anderen. Sie wollte sich etwas ausdenken, aber ein jeder Stich stach ihr einen Gedanken durch. Niemals würde sie einen dieser leuchtenden Gedanken denken, wie sie die Männer ausdenken, damit man sich daran festhalten und leben kann.” (S.170/171) Die Frau scheint in einem Rollenmechanismus gefangen zu sein, dem sie sich als Automat unterwirft. Ähnlich wie bei der modernen Fließbandarbeit bedient sie sich nicht mehr der Maschinerie (der Rollen), sondern sie wird von der Maschinerie als ein untergordnetes Teilchen produziert. Folglich erreicht ihr „automatisches” Rollenverhalten nichts anderes, als die dauernde Reproduktion ihrer Abhängigkeit. Die Absage an diesen Mechanismus enthält ein produktives Moment der Aggression, da es den Raum für andere Identifikationsmöglichkeiten öffnet.

Nebeneinander lassen die inneren Monologe und die Gestik der Frau ein Mosaik der fazettenreichen Beziehung zu ihren Rollen als Mutter, Hausfrau, Ehefrau und Arbeiterin erkennen. Das Bild, das dabei entsteht ist kein einheitliches, sondern enthält Risse. Das hängt vielleicht damit zusammen, daß sie noch keinen Zugang zu einer Frauenorganisation besitzt, die ihr helfen würde ihre Lage theoretisch zu reflektieren. Die „Frauenfrage” wurde seit Ende des 19.Jahrhunderts lebhaft in den Frauenkomittees der SPD und später in der KPD diskutiert, mit entscheidenden Beiträgen von August Bebel, Clara Zetkin, Engels und Lenin. Das Ziel der proletarischen Frauenbewegung war, das Klassenbewußtsein der proletarischen Frau zu wecken und sie in den Klassenkampf einzubeziehen. Nach Clara Zetkins Analyse kämpfen Arbeiterfrauen nicht primär gegen die Unterdrückung der Männer ihrer Klasse, sondern sie kämpfen als Zugehörige des Proletariats für eine klassenlose Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund erhalten die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung nach Gleichberechtigung und dem Wahlrecht eine sekundäre Bedeutung, obwohl sie als Instrumente der Befreiung in in den Dienst des Klassenkampfes gestellt werden können: „Her (the proletarian woman’s, A.B.) final aim is not the free competition with the man, but the achievement of the political rule of the proletariat. The proletarian woman fights hand in hand with the man of her class against capitalist society. To be sure, she also agrees with the demands of the bourgeois women’s movement, but she regards the fulfillment of these demands simply as a means to enable that movement to enter the battle, equipped with the same weapons, alongside the proletariat.” 32

10. Ausbruch aus dem Alltag in die Geschichte

Das Nachdenken der Frau findet also nicht in einem geschichtlichen Vakuum statt, oder anders gesagt, das scheinbar historische Vakuum, in dem die Frau lebt und denkt, besitzt eine ideologische Funktion. Die Entblößung des scheinbar ewigen Bestimmtseins durch mütterliche Gefühle als historisch bedingte Unterwerfung unter Rollenzwänge wird der Frau durch das Überschreiten der Grenze zwischen den alltäglichen, „privaten” Bindungen und dem geschichtlichen Handeln in der Massendemonstration ermöglicht. Diese Erkenntnis fordert eine politische Entscheidung von der Frau, da sie die Ausübung der politischen Aufgabe und der mütterlichen Pflichten, wie sie bisher definiert wurden, als einen unerträglichen Ballast empfindet. Angesichts der bevorstehenden Konfrontation der Demonstranten mit der Polizei, wird sich die Frau einer Entscheidung bewußt: „Die Frau horchte jetzt auch auf. Weil sie sonst nichts hatte, um sich festzuhalten, faßte sie in die Falten ihres Rockes. Alte Gedanken rieben sich innen an ihrer Stirn, um nochmals ausgedacht zu werden; aber so kam sie nie auf den Platz, so voll und schwer. Wegstoßen mußte sie endlich diese Kinder und verlassen. Durchbeißen alle Nabelschnüre.” (S.179/180) Die Voraussetzung für diese bewußte Entscheidung für die Demonstration und die aggressive Zurückweisung der durchschauten „alte(n) Gedanken” (ebd.), war die plötzliche Loslösung von Gustavs kindlichen Ansprüchen an sie, als ihre Viererreihe die Polizeisperre zum ersten mal passieren mußte: „Am Ausgang der Straße waren Posten aufgestellt. Sie ließen sie langsam durch, Reihe für Reihe, wie Schafe zur Schur. Es war dem Fremden, als ginge er über eine Schwelle. Auf einmal, ritsch, riß Gustavs Weinen hinter ihr ab, so lang war der Faden gewesen, aber nicht länger, das ganze Zimmer rutschte ins Dunkle herunter. Sie sah die neue Straße herunter, mit Posten vor jedem sechsten Haus. Die Falte in ihrer Stirn spannte, daß es ihr inwendig weh tat.” (S.173)

Im Überschreiten der Schwelle zum geschichtlichen Handeln, muß die Frau die Rollenzwänge ablegen, d.h. sie muß erkennen, daß sie ihre Unterdrückung unterstützt, solange sie die Rollenzwänge als ewig-weibliche akzeptiert. Daß diese Einsicht keine einfache ist, von der aus die neue Position der Frau sich offenbart, deutet die Geste der vor Anstrengung schmerzenden Stirnfalte an. Die Zerstörung des Muttermythos droht einerseits die Identität der Frau, die sich bisher mit diesem Mythos identifizierte, zu vernichten, andererseits ergeben sich durch die Sprengung des mit Zwängen behafteten Selbstbildnisses neue ungeahnte Möglichkeiten.

Der Diskurs scheint die Möglichkeit einer neuen Identitätsfindung im Kollektiv anzusiedeln. So ist das letzte, was der/die Leser/in über die Demonstration erfährt, statt einer Auskunft und Analyse über den politischen Ausgang des Umzugs, in dem folgenden Bild verdichtet: „Aus einer der linken unbewachten Straßen kam gerade der letzte große Zug aus dem Südvorort an. Die Abgedrängten stürzten zurück, die Polizei wurde wieder auseinandergedrückt, der Platz füllte sich von neuem bis zum Rand. Die Frau wurde noch einmal herumgerissen, so fest wurde ihr Körper in den Platz hineingeknetet, daß sie ihn selbst nicht mehr herausfand; ihr Gesicht wurde gegen die vergoldeten Stäbe des Gittertores gepreßt. Aus dem Gesicht des Mannes fiel die Mürrischkeit wie Mörtel herunter. Es war unmöglich, daß es im ganzen Haus auch nur einen Winkel gab, in dem man sie nicht rufen hörte.” (S.182/183) Dieses Bild der Verschmelzung der Frau mit der unterdrückten Masse enthält keine trügerische Lösung ihrer Probleme, sondern stellt zunächst neue Probleme für sie dar. Ihr Verhältnis zur Masse ist hier ein passives; sie wird herumgerissen, als sie meint, daß die Demonstration wegen der Sperren um den Platz vorüber sei, und wird schließlich in den Platz geknetet und gegen das Gitter gepreßt, sodaß sie ihren Körper nicht mehr aus der Masse herausfinden kann. Hatte sie vorher der drohende Verlust der alten Identität mit Spannung erfüllt, und sie schließlich zur bewußten Entscheidung für die ihr neue politische Verhaltensweise bewegt, so findet hier eine grundlegende Auflösung der Körperwahrnehmung, die die Grundlage der Identität bildet, statt. Diese passive Auflösung der Identität scheint ihre soeben gewonnene Unabhängigkeit von dem mürrischen Mann wieder aufzuheben. Die Körpergrenzen der Frau verschieben sich, gehen in die Grenzen des Kollektivs über. Damit werden auch die Probleme der Frau und die Energie, die sie für ihre Bewältigung aufbringen muß, zur Sache der Masse. Diese Identifizierung mit der Masse ist jedoch auch ein ekstatischer Moment, der die realen Gesellschaftsverhältnisse plötzlich aufreißt, sie aber nicht in ihren Ursachen ändert. Greiner arbeitet an den Beispielen der Frau und des mürrischen Mannes den expressiven, im Unterschied zum mimetischen und kommunikativen, Aspekt der Identitätsfindung heraus: „Identitätsfindung mit dem Gehalt von Vitalität und Lusterfüllung treibt am hierin gebildeten Zeichen des Aufplatzens das Moment des Expressiven heraus. Das erreichte Wirklichwerden in Körpern, die von Tiebimpulsen skandiert werden, teilt sich einem Ruf mit, vor dem es kein Entrinnen gibt. (...) Vor diesem Ruf gibt es kein Entrinnen, weil er mit dem Gehalt von Vitalität und Lusterfüllung die Sprache als gesellschaftliches Ordnungssystem durchschlägt, das solche Rufe als anarchische unterdrückt.” 33

Obwohl das Bild der rufenden Masse das Moment einer utopischen anarchischen Gegengesellschaft enthält, in der die Probleme der Einzelnen (wie hier die Hinrichtung Saccos und Vanzettis) zur Sache der Masse werden, stellt sich auch die Frage, wie die Probleme eines Einzelnen zum Interesse einer Gruppe werden können angesichts der Herrschaftsstrukturen, die die Organisation der Beherrschten zu verhindern versucht. Es geht also darum, daß die Arbeiterfrau in bezug auf die Arbeiterbewegung und auf andere Frauen die gemeinsame Unterdrückung sowohl von seiten des Arbeitgebers als auch von seiten der Männer erkennt. Aus dieser Erkenntnis heraus kann sie erst ihre Position im Klassenkampf bestimmen und den Widerstand organisieren. Die Arbeiterfrau lebt nicht in zwei getrennten Welten: einerseits als Hausfrau in einer seit Jahrtausenden unveränderten patriarchalen Gesellschaft, und andererseits in der modernen, kapitalistischen Klassengesellschaft, sondern im Schnittpunkt der beiden Systeme. Veränderungen in einem System, wie z.B. die Zerstörung des Kapitalismus durch die sozialistische Revolution, bringen nicht unbedingt Veränderungen auf dem Gebiet der patriarchalen Herrschaft mit sich, da die Nutznießer der jeweiligen Systeme nicht identisch sind. Da die Unterdrückung der Frau keine statische ist, sondern in jeweils verschiedenen historischen Situationen neue Dimensionen, oder eine neue Konstellation der alten Elemente erhält, muß auch die feministische Auseinandersetzung flexibel für die historischen Verschiebungen sein, damit sie den Gang der Geschichte mitbestimmen kann.

Angesichts der sozio-historischen Position der proletarischen Frauenbewegung und des marxistisch-humanistischen Diskurses zu Beginn des Jahrhunderts, die sich stark mit dem Kampf für eine sozialistische Gesellschaft identifizierten, sind die Handlung und die Darstellung der Frau in Seghers Erzählung als progressiv zu werten. Andererseits wird auch nur soviel sichtbar, wie der marxistisch-humanistische Diskurs „sehen” kann, ohne seine Präsuppositionen aufzulösen. Demnach registriert der Diskurs die Auflösung des bürgerlichen Subjekts in oktroyierte Rollen und das befreiende Potential des solidarischen Widerstands, „sieht” aber nicht das Interesse, das selbst der Arbeiter an der Unterdrückung der Frau hat. Seghers, die sich als Frau diesen Diskurs aneignet, gerät somit in ein Dilemma. Sie kennt einerseits die spezifische Erfahrung der Unterdrückung der Frau, darf/kann andererseits als Mitglied der Kommunistischen Partei und des proletarischen Schriftstellerbundes nicht den Kode der Partei brechen, ohne aus der Partei, für die sie sich entschieden hatte, ausgeschlossen zu werden. Deshalb ist die „Lösung” der Erzählung zumindest ambivalent, denn sie geht nicht lückenlos aus dem vorher Geschilderten hervor. Die sich in eine Kette fügenden und stemmenden Körper können entweder als Neutralisierung des sozial konstituierten sexuellen Unterschiedes gelesen werden, oder sie können, wie im Bild der schreienden, polymorphen Masse zum Schluß der Erzählung als Sprengung des hierarchischen Geschlechtunterschiedes interpretiert werden. Ebenso, wie es, wie Roland Barthes schreibt, keine Ideologie der Beherrschten gibt, die im Befreiungskampf die Ideologie der herrschenden Klasse lückenlos ablöst, gibt es auch im Falle der Frau keine Ideologie, die sie der patriarchalen entgegensetzen könnte. Das „besondere” einer proletarisch-feministischen Praxis wäre die Subversion jeden Autoritätsanspruchs: „Man sagt gewöhnlich „herrschende Ideologie” .Dieser Ausdruck ist unangebracht. Denn was ist Ideologie? Eben gerade die Idee, insofern sie herrscht: Ideologie kann nur herrschend sein. So richtig es ist, von „Ideologie der herrschenden Klasse” zu sprechen, da es ja eine beherrschte Klasse gibt, so inkonsequent ist es, von „herrschender Ideologie” zu sprechen, weil es keine beherrschte Ideologie gibt: auf der Seite der „Beherrschten” gibt es gar nichts, keinerlei Ideologie, außer eben gerade - und das ist die letzte Stufe der Entfremdung - die Ideologie, die sie gezwungenermaßen (um symbolisieren, also um leben zu können) von der Klasse, die sie beherrscht, übernehmen. Der soziale Kampf ist nicht auf den Kampf zweier rivalisierender Ideologien reduzierbar: es geht um die Subversion jeder Ideologie.” 34

Wenn dieser anarchische Anspruch auch utopisch erscheinen mag, ließe er sich durch die Aufforderung an jeden/jede Leser/Leserin, die politischen Strategien der Herrschenden in frage zu stellen und aktiv zu verändern, modifizieren. Das impliziert jedoch auch, daß der/die Leser/Leserin ein kollektives Interesse mit dieser Haltung identifiziert.

1

Copyright ©1995 by Anette Horn


Last modified: Monday, 5. Februar 2001 - 14:24:05