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Multidisziplinäre
Kulturwissenschaft am Beispiel der Felszeichnungen in SA
Die Auslassungen und Fehlinterpretationen, die
entstehen können, wenn die Kulturwissenschaft ihren
Gegenstand aus ihrem lebendigen und stets mehrschichtigen
Kontext herausgerissen betrachtet, lassen sich anhand des
Mißverständnisses der Buschmannbilder durch die
Kunstwissenschaft aufzeigen, indem sie sie als quasi
realistische Abbilder der Umwelt der Buschmänner
deutete. Damit ist ihr jedoch die zentrale Bedeutung
entgangen, die diese Bilder im Zusammenhang mit den Riten
und religiösen Vorstellungen der Buschmänner erhalten,
einer Dimension, die erst durch die Zusammenarbeit
zwischen Anthropologie, Religionswissenschaft und
Linguistik sichtbar werden konnte. Ein solches
Mißverständis aber wäre etwa ver- gleichbar mit dem
Versuch, die Deckengemälde der Sistinischen Kappelle
ohne Kenntnis der christlichen Religion zu
interpretieren. Daraus ließe sich ein grund- sätzliches
Plädoyer für eine multidisziplinäre Kulturwissenschaft
ableiten.
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Die Felszeichnungen der Buschmänner im südlichen
Afrika sind im Zusam- menhang des Trance-Tanzes
entstanden, der neuerdings wieder im Mittelpunkt des
Prozesses der kulturellen Wiederbelebung der
Bushmann-Kultur im Ghanzi- Distrikt von Botswana steht.
Die Aufführung eines dieser nächtelangen Heilrituale
flößt den Aufführenden und Teilnehmern ein Gefühl der
Gemeinsamkeit, der karthartischen Befreiung von Angst,
Frustration und Wut ein. Die Erfahrung hinterläßt in
ihnen morgens ein Gefühl des Wohlseins, das vielleicht
höchstens durch die Heiserkeit vom stundenlangen Singen
beeinträchtigt ist. Diese Rituale einer
gemeinschaftlichen Heilung werden häufig unter den
Farm-Buschmännern aufgeführt, teils wegen zunehmender
Erkrankungen, was für einen ständigen Zu- strom von
Patienten bei den Trance-Tänzern sorgt, und teils, da
jeder, ob krank oder nicht, aus dem Tanz auch emotionale
Vorteile zieht. Tatsächlich wird die Wirk- samkeit
dieses Rituals als Heilpraxis auch von vielen
bantusprachigen Leuten aus der Umgebung anerkannt, die
normalerweise auf die Buschmänner herabblicken. Nicht
selten wohnen sie Trance-Tänzen bei oder können sogar
einen Trance-Tänzer mieten, um einen kranken Verwandten
zu heilen.
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Der Tanz und seine physisch und emotional
therapeutischen Auswirkungen, sowie der Tänzer und seine
heilenden Kräfte, die von den Nharo tsso und von
den Au//ei n!um genannt werden, sind für viele
Farm-Buschmänner der Motor hinter dem Prozess der
kulturellen Wiederbelebung. Sogar der
´politisch-radikale´ Flügel der Farm-Buschmänner sah
im Trance-Tanz einen Aufhänger für die eigene Agenda
der sozialen Aktionen. Der Trance-Tänzer mit seiner
schamanischen, spirituellen Macht, die mit
Unabhängigkeit and relativem Wohlstand einhergeht, die
nicht aus der Plackerei für die Buren hervorgeht,
sondern von dem Erlös (den Gebühren) seiner Heilung --
und die charismatische Haltung der erfolgreichsten und
begehr- testen Tänzer, sind eindrucksvolle Symbole,
sowie tatsächliche Verkörperungen des Wertes und der
Macht der Buschmänner. Einige von ihnen kommen sogar als
Kandidaten für das Amt des Buschmann-Häuptlings in
Frage.
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Während dies ein Beispiel für die Lebendigkeit und
Aktualität der uralten Tradition der Buschmänner ist,
trägt die Zusammenarbeit in Kapstadt in den sechziger
Jahren des 19. Jahrhunderts zwischen dem
Sprachwissenschaftler, Wilhelm Bleek, seiner Schwägerin,
Lucy Lloyd, und drei Häftlingen, //Kabbo, /Han-kasso und
Dia!kwain, die wegen Verbrechen wie Viehdiebstahl zu
Zwangsarbeit verurteilt wurden, eine neue Dimension zum
Verständnis der Buschmann-Kultur bei. Aus die- ser
Zusammenarbeit ging ein beachtlicher Textkorpus hervor,
in dem Geschichten, Lieder und die mündliche Tradition
der nun fast ausgestorbenen /Xam-Sprache, die von den
Buschmännern im südlichen Afrika für ungefähr 5000
Jahre gesprochen wurde, aufgezeichnet sind. Was vor allem
an diesem Textkorpus, der von Lucy Lloyd und ihrer
Nichte, Dorothea Bleek, nach dem vorzeitigen Tod Wilhelm
Bleeks fortgesetzt wurde und das gut über zehntausend
Seiten umfaßt, ist die dominante Rolle der Landschaft in
den Geschichten der Erzähler, eher als Götter oder
heroische Individuen, wie sie uns aus anderen
Frühkulturen bekannt sind. Das liegt an ihrer sozialen
Organisation, die aus kleinen Menschengruppen bestand,
die über enorme Entfernungen zu Fuß reisten, wobei die
Männer Wild jagten, während die Frauen die Früchte des
Feldes sammelten. Die Reisen über solche riesigen, oft
unfrucht- baren Landstriche machten Gedächtniskarten von
Orten und Wasserlöchern vor- dringlich und Geschichten,
die von Vater zu Sohn weitergegeben wurden, bewahr- ten
dieses Wissen. Die Geschichten enthalten auch einen
unschätzbaren Fundus an Wissen über die einheimische
Flora und Fauna des Landes. Eine besondere Position in
der /Xam-Gesellschaft hielt der Schamane oder Regenmacher
inne, der auch ein- en Trance-Tanz einleiten konnte und
Felszeichnungen ausführen konnte. Während der Trance
kommunizierten die Buschmänner angeblich mit ihren
Ahnen.
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Um 1990 veröffentlichte der südafrikanische Dichter,
Stephen Watson, eine Nachdichtung dieser mündlichen
Zeugnisse der /Xam, wobei er von den Aufzeich- nungen und
Übersetzungen von Lloyd und den Bleeks ausging. Sein
Ziel war es, diese wertvollen Erinnerungen an eine
vielfältige, doch auch seltsam fremde Kultur nicht nur
Gelehrten zugänglich zu machen, sondern auch
gegenwärtigen Leser- Innen. In diesen Nachdichtungen
dominiert ein elegischer Ton, der andeutet, daß die
Kultur bereits dem festen Besitz ihrer Mitglieder
entglitt, was nur allzu deutlich durch deren prekäre
Lebensbedingungen unter dem Kolonialismus einerseits und
den seßhaften Bantu-sprachigen Völkern andererseits
bestätigt wurde. Die Akkul- turation an die Sprache der
holländischen Buren und deren Lebensweise besiegelte
dann den Prozess des Sprach- und Kulturverfalls.
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Auch wenn man den Tod einer Minderheitskultur als
Preis für den historischen Fortschritt bedauern mag,
gibt die Wiederbelebung des Trance-Tanzes in Botswana und
die erneute Hinwendung der Kulturwissenschaften zu den
verschiedenen Manifestationen der Buschmann-Kultur
dennoch Anlaß zur Hoffnung. Sie zeigt, daß auch die
Mehrheitskultur sich nicht auf die Dauer durchsetzen
kann, wenn sie nicht den Anspruch auf Gleichberechtigung
der Minderheitskultur ernst nimmt. Zudem weist die
Popularität des Trance-Tanzes auch außerhalb der
Buschmann-Gemein- schaft darauf hin, daß die
Minderheitskultur Einsichten und Praktiken zu vermitteln
hat, von der auch Nicht-Mitglieder profitieren können.
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Trotzdem kann eine großmütige Toleranz aller
Kulturen als gleichwertig und gleichberechtigt auch einen
verborgenen Zentrismus enthalten, da sie sich nicht auf
den radikal verschiedenen Kontext der anderen Kultur
einläßt, die eigentlich die gesamte symbolische Ordnung
der eigenen Kultur und der eigenen Identität in Frage
stellt. Um diese Problematik einmal an einem ungewohnten
Ort aufzuzeigen, sei auf den chinesischen Kaiser,
T´sai-tsung, dem zweiten T´ang-Kaiser hingewiesen, der
im Jahre 647 sich entschieden gegen die Chinesische
Auffassung wandte, daß die Nicht-Chinesen minderwertig
seien, und seine Idee eines universellen Reiches mit den
folgenden Worten formulierte, wie sie an uns von Ssu-ma
Kuang in seiner Geschichte Chinas aus dem 11. Jahrhundert
überkommen sind: "Seit Menschenge- denken war es
üblich, die Chinesen höher zu schätzen, aber die
Barbaren zu verachten. Ich jedoch zeige dieselbe Liebe
allen Menschen gegenüber und es hat sich so ergeben,
daß alle Nationen mir als ihrem Vater und ihrer Mutter
vertrauen."
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Mit dieser grandiosen, alle Menschen der Erde
einschließenden Geste wird aber gerade das Erschrecken
über das verdrängte Fremde im Eigenen verdeckt, das
Kristeva mit dem Begriff des "Verworfenen" als
Grundlage unserer Konstitution als Subjekt innerhalb
eines bestimmten Sprach- und Kultursystems analysiert
hat. Sie beruft sich dabei auf das theoretische Modell
der Lacan´schen Psychoanalyse, dem- zufolge das Ich in
seiner Konstitution die drei Stadien des Imaginären, der
Spie- gelphase und des Eintritts in die symbolische
Ordnung des Diskurses durchläuft. Das Imaginäre kann
als diejenige Phase in der Entwicklung des Subjekts
bezeichnet werden, in der das Ich in einer symbiotischen
Beziehung zu seiner Mutter steht. Das noch ungeformte Ich
gleicht einer Chora oder einem Gefäß, das das Begehren
der Mutter empfängt, wie es ihre Milch aufnimmt. Der
Moment der Differenzierung der Mutter-Kind Diade findet
im Spiegelstadium statt, wenn das Ich sich als ein Selbes
und ein Anderes in der Spiegelung durch den Spiegel oder
im Bild eines anderen Menschen nicht erkennt. In diesem
Augenblick wird das "Andere" als das Unbe-
wußte verdrängt, oder das Verworfene (von abjectum) in
Kristevas Terminologie, während das Ich den dritten
Terminus oder den Namen des Vaters annimmt, der dem
gespaltenen Ego zugrunde liegt und den Eintritt in die
symbolische Ordnung des Diskurses einleitet. Kristeva
erklärt die Feindlichkeit gegenüber dem Fremden als
Erinnerung an diese unvereinbare Differenz in uns, die
zugleich als heimlich und unheimlich erscheint, und uns
gleichsam in den Abgrund eines undifferenzierten Seins in
der Welt zurückzuwerfen droht, und somit aus der
sicheren Anonymität der Normalität. Kristeva schlägt
vor, daß wir mit dieser unvereinbaren Differenz in uns
leben sollten, statt auf einer Individualität zu
insistieren, die vollkommen mit sich identisch ist, denn
das ermöglicht auch dem Ich, das sich konfrontiert hat
und seine eigene Fremdheit akzeptiert hat, für andere
außer sich selbst zu sorgen. Es würde jedoch anderen so
helfen, daß der/die Andere, seine/ihre eigene Stärke
ent- decken würde. Das wäre der erste Schritt zu einer
möglichen Humanität, die kulturelle Vielfalt und
Einheit in einen fruchtbaren Dialog miteinander zu
bringen im stande wäre.
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