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Sprache und
Paranoia: J.M. Coetzee in Kafkas Erzählung Der
Bau In einer linguistischen Studie, die
1981 unter dem Titel Time, Tense and Aspect in Kafka's
'The Burrow' in der Zeitschrift Modern Language
Notes erschienen ist, versucht der südafrikanische
Schriftsteller und Literaturkritiker, John Coetzee, den
Gebrauch des iterativen Präsens in Kafkas letzter
Erzählung Der Bau als Ausdruck einer 'mystischen'
Zeiterfahrung zu verstehen, die den Rahmen jeglicher
historischen, sozialen oder psychischen Determinanten
sprengt.1 Während Coetzees Unterscheidung
zwischen Zeit, Zeitform und Aspekt des Verbums für eine
Analyse des Kafka'schen Zeitsystems bis heute nichts an
Erkenntniswert eingebüßt hat, stimme ich mit dessen
mystischer Deutung nur begrenzt überein, da sie meines
Erachtens die paranoiden Elemente des Textes übersieht.
Meine These ist, daß John Coetzee als südafrikanischer
Schriftsteller im politischen Kontext der frühen
achtziger Jahre gerade an dieser Lösung" des
Zeitkonflikts interessiert war, da sich für ihn in der
zugespitzten Konfrontation zwischen dem Apartheidsystem
einerseits und dem bewaffneten Widerstand des African
National Congress andererseits keine Alternative bot
als der Rückzug in eine mystische Zeitlosigkeit. Der um
diese Zeit entstandene Roman The Life and Times of
Michael K. scheint diese These zu bestätigen.2
Als 'Korrektiv' zu Coetzees 'mystischer' Interpretation
der Zeitstruktur in Kafkas Bau möchte ich eine
'psychoanalytische' Lesart des Textes vorschlagen, die
dessen paranoide Symptome berücksichtigt. Dabei geht es
mir jedoch nicht um eine Psychoanalyse des Autors, Franz
Kafka, sondern um die literarische Darstellung eines
paranoiden Denksystems, das, wie die Erzählung
impliziert, potentiell jeder sprachlichen Ordnung und
Subjektwerdung zugrundeliegt.
Coetzees Analyse des Zeitsystems
im Bau stützt sich auf die Schrift Temps et
verbe (1929), in der der kanadische Linguist, Gustave
Guillaume, ein Modell des Verbums entwickelt, das sich
aus einer Universal- und einer Ereigniszeit
zusammensetzt. Die Universalzeit beruht auf dem bekannten
irreversiblen Zeitpfeil der Newtonschen Physik, während
die Ereigniszeit die Zeitspanne umschließt, die ein
Ereignis braucht, um zustande zu kommen. Nach Guillaume
könnte diese Ereigniszeit unendlich klein sein, ohne
Zwischenraum zwischen Anfang und Ende. Auf
grammatikalischer Ebene werden die Universal- und
Ereigniszeit jeweils durch die Tempi und den Aspekt des
Verbums repräsentiert. So vereinen sich im Verbsystem
zwei unterschiedliche Zeitauffassungen.3
Guillaumes Begriff der
Ereigniszeit ließe sich mit Bergsons Theorie der
Erlebniszeit vergleichen, zu der ihn die
Unerträglichkeit [einer] dinghaft entfremdeten,
leeren Zeit" nötigte.4 Auf erzähltheoretischer Ebene handelt
es sich um den Unterschied zwischen der erzählten Zeit
(dem Präteritum) und der Erzählzeit (dem Präsens),
oder anders gesagt, zwischen dem Schreibprozeß und dem
Geschriebenen.
Bei Kafka reiben die beiden
Zeitsysteme aneinander, sodaß die Ereigniszeit die
Universalzeit aushöhlt, ohne daß diese dadurch restlos
verschwindet. Kafka reflektiert diesen Konflikt in seinem
Tagebuch wie folgt:
Die Uhren stimmen nicht überein,
die innere jagt in einer teuflischen oder dämonischen
oder jedenfalls unmenschlichen Art, die äußere geht
stockend ihren gewöhnlichen Gang. Was kann anders
geschehen, als daß sich die zwei verschiedenen Welten
trennen, und sie trennen sich oder reißen zumindest
aneinander in einer fürchterlichen Art. Die Wildheit des
inneren Ganges mag verschiedene Gründe haben, der
sichtbarste ist die Selbstbeobachtung, die keine
Vorstellung zur Ruhe kommen läßt, jede emporjagt, um
dann selbst wieder als Vorstellung von neuer
Selbstbeobachtung weitergejagt zu werden. (T 877)5
Kafka nennt bezeichnenderweise
die Selbstbeobachtung als Antriebsfeder des Sturmlaufs
der inneren Zeit, der hier eindeutig paranoide Züge
aufweist: die Gedanken verfolgen einander offensichtlich
automatisch. Daß der Prozeß der Selbstreflektion zu
keinem Ergebnis führt, weist darauf hin, daß die innere
Zeit nicht mehr der Kontrolle des Ichs unterliegt. Damit
wird aber auch die Erlebniszeit bei Kafka zum Ausdruck
der psychischen Entfremdung als Pendant zur
dinghaft entfremdeten, leeren Zeit" Bergsons.
Der Sturmlauf der inneren
Gedanken geht bei Kafka mit dem äußerem Stillstand
einher. Damit deutet er an, daß die kritische Vernunft
der Aufklärung, die auf die Erkenntnis der Wahrheit und
die Verbesserung der Gesellschaft zielte, in der Moderne
in krankhafte Selbstbeobachtung umgeschlagen ist, die
jeden Bezug zur empirischen Wirklichkeit grundsätzlich
ausschließt. Stattdessen bewegen sich Kafkas Figuren im
System der sprachlichen Repräsentation, aus dem es kein
Entrinnen gibt, außer den Tod. Innerhalb des Spiels des
gleitenden Signifikanten sind sie selbst zu Zeichen
geronnen. Das Ich beherrscht nicht mehr die Spielregeln
der Sprache, sondern wird wie eine Figur in einem Spiel
bewegt, das nach unbekannten Regeln gespielt wird. Die
Erzählung Der Bau macht die paranoide Struktur
des rationalistischen Denkens besonders deutlich
sichtbar, eines Denkens, das darauf hinzielt, eine ihm
inkommensurable Realität zu beherrschen, andererseits
sich von dieser Realität in seine in der Sprache selbst
konstruierte Realität zurückzuziehen, wenn diese
Realität sich als eine bedrohliche enthüllt. Die
Psychoanalyse kann dazu beitragen, die Zeichen dieser
unbewußten Schrift zu entziffern, doch ist sie selbst,
wie Kafka sagt, nur Spiegelschrift einer Spiegelschrift.
Ich meine, daß die Paranoia sich
erzähltechnisch im iterativen Präsens und im Irrealis
manifestiert. Um bei der Metapher des stehenden
Sturmlaufs zu bleiben, wäre das immerwährende Präsens
der tote Punkt des Sturms, d.h. der unbewußte Konflikt,
der den Sturmlauf der Gedanken generiert, während die
einander jagenden Gedanken im Irrealis artikuliert
werden. Coetzee macht darauf aufmerksam, daß das
immerwährende Präsens dazu dient, einen wiederkehrenden
Tatbestand zu schildern, wie absurd er auch sein mag.
Coetzee versteht die regelmäßigen Panikausbrüche des
Tiers im Bau als durchaus verträglich mit dem
normalen Gebrauch des Präsens. Er zieht als Beispiel den
Satz heran: 'Jeden Monat laufe ich nackt durch die
Straßen' .Coetzee stellt fest, daß Kafka das iterative
Präsens aber auch benutzt, um plötzliche Ereignisse
darzustellen, die etwa dem folgenden Satz entsprächen:
'Jeden Monat laufe ich impulsiv nackt durch die Straßen'
6. Dieser zweite Satz erscheint
widersinnig, da sich das Wiederkehrende und für die
Zukunft Vorhersehbare nicht mit dem Plötzlichen
verträgt, das jede Vorraussage der Zukunft verhindert.
Solche Sätze häufen sich jedoch in Kafkas Bau
mit der zunehmenden Unsicherheit des Tieres, die trotz
seiner ständigen Sicherheitsbemühungen sein Bewußtsein
beherrscht.
Die Angst des Tieres im Bau
vor einem imaginierten Feind ruft jedoch auch Symptome
hervor, wie sie Zwangs- und Angstneurotikern zu eigen
sind. Nach Pongratz ist die Zwangsneurose durch
persistierende Bewußtseinsinhalte,
Handlungsimpulse oder Handlungen charakterisiert, von
denen der Betreffende sagt, daß er sie nicht oder nur
schwer kontrollieren könne. Die Symptome werden häufig
als unsinnig, wesensfremd, und angstauslösend erlebt,
und sie scheinen gegen den inneren Widerstand des
Zwangsneurotikers aufzutreten. Üblicherweise erfolgt
eine Unterteilung der zwangsneurotischen Symptome in
Zwangsgedanken (obsessions) und Zwangshandlungen
(compulsions)."7 Pongratz fährt fort, die
Zwangsgedanken wie folgt zu definieren: Zwangsgedanken
können sich als Zwangsgrübeln oder als Zwangsideen
manifestieren. Beim Zwangsgrübeln handelt es sich um
einen Zustand der Handlungsunsicherheit und des
Handlungsunvermögens. Ein Individuum schwankt
unentschlossen zwischen verschiedenen
Handlungsalternativen, prüft endlos ihre Vor- und
Nachteile und gelangt zu keiner Entscheidung; oder
vergangene Handlungen werden in Gedanken immer wieder
durchgespielt, und dabei treten Zweifel auf, ob sie
richtig oder ob sie überhaupt ausgeführt wurden."8
Als ein solcher Zwangsgedanke
kann die Idee des Feindes und die daraus resultierenden
Sicherheitsbestrebungen angesehen werden, obwohl es hier
undeutlich wird, was Ursache und was Wirkung ist. Die
Auflösung solcher Grundkategorien des rationalen
Denkens, wie Zeit, Raum und Kausalität, läßt sich
außerdem an dem Zwangsgrübeln beobachten, das sich
vornehmlich des Modus des Konjunktiv Präteritums bedient,
das nicht nur alles bereits Geleistete des Tiers zu
nichte zu machen droht, sondern auch ein vernünftiges
Handeln in der Zukunft verhindert. So reflektiert das
Tier noch einmal die Vor- und Nachteile des offenen
Eingangs gleich am Anfang der Erzählung, nachdem es ihn
schon eingerichtet hat, und malt sich einen Hohlraum für
seinen Burgplatz aus, der ihn vollkommen schützen soll,
obwohl er meint, nicht mehr die Kraft für die
Ausführung dieses Plans zu besitzen. Dies widerspricht
der anfänglichen Behauptung, daß er sich auf dem
Höhepunkt seines Lebens befinde. Auf Zwangshandlungen
deuten auch die fünfzig Vorratsplätze" hin,
die das Tier immer dann anlegt, wenn es wieder einen
paranoiden Schub hat, mit der vermeintlichen Absicht,
seinen Feind von dem Hauptvorratsplatz, dem Burgplatz,
abzulenken.
Ein weiteres paranoides Symptom
besteht in den auralen Halluzinationen des Tieres. So
wird es regelmäßig durch Geräusche geweckt, die es
für Zeichen des Feindes hält. Im Laufe der Erzählung
wird dieses Warnsignal eines bevorstehenden Angriffs zu
einem ständigen Zischen, das das Tier bald aus der
Ferne, bald in nächster Nähe wahrzunehmen glaubt. Es
versucht, diesem Zischen auf die Spur zu kommen, doch es
gelingt ihm nicht. Stattdessen verläßt ihn das
Geräusch am Ende der Erzählung gar nicht mehr, ja es
scheint sich in seinem Körper eingenistet zu haben.
Hiebel hat dieses Zischen biographisch gedeutet, als ein
Hinweis auf Kafkas eigenes Lungenleiden: Der Bau
ist im letzten Lebensjahr des von Lungentuberkulose
gepeinigten Kafka entstanden. Der herankommende Gegner
ist unerkennbar; es geht um ein Tier, das 'ich noch nicht
kenne' (ER 433, vgl. 438f.). Die
Gefahr wird verdrängt; sie wird 'verleugnet', d.h.
anerkannt wie abgewehrt zugleich: Das Tier gräbt
verzweifelt und doch 'glaubt' es 'im Grunde nicht' an ein
böses Ende, ein 'schreckliches Ergebnis' (ER
434). Der Gegner wohnt im Inneren, daher hört das Tier
auch am Ende außerhalb seines Baues 'tiefe
Stille' (ER 437), in seinem
Bau, der es selbst ist, herrscht Unruhe, 'Zischen'
.Dennoch bleibt der Gegner 'Anderer'; im 'Zirkel von
Außen und Innen' ist der äußere Feind durch den
inneren, durch Zwang und Angst, ersetzt, ist Symptom,
Krankheit und Thanatos geworden. Die Geschichte wird zu
einem 'Mythos des Unbewußten'; nur symbolisch, nur
andeutungsweise kann von einem mythischen Gegner
gesprochen werden: 'Vor dieser Erscheinung versagen meine
ersten Erklärungen völlig' (ER
433). Die Kausalerklärung wird dem 'Unerklärlichen' -
in welches auch die Sagen von PROMETHEUS
münden (ER 351f.) - nicht gerecht.
Schon am Beginn der Erzählung gedenkt das Tier der
Feinde im 'Innern der Erde': 'Ich habe sie noch nie
gesehen, aber die Sagen erzählen von ihnen'; gleichwohl
gilt: 'nicht einmal die Sage kann sie beschreiben' (ER 413)."9
Im iterativen Präsens und im
Irrealis der Erzählung schlägt die Rationalität in
Irrationalität um, indem sich die Zeitlosigkeit des
rationalistischen Diskurses, der den Anspruch auf ewige
Wahrheit erhebt, mit der Zeitlosigkeit des Unbewußten
überkreuzt und verwirrt, sodaß ein einziges Sinnknäuel
entsteht. In diesem Moment bricht das System der
Universalzeit zusammen, nach dem sich das Subjekt
zwischen Vorstellungen der Vergangenheit, Präsens und
Zukunft bewegen könnte. Stattdessen fällt das
Zeitkontinuum in lauter untereinander unverbundene
Jetztmomente auseinander.
Die Erzählung beginnt zu einem
Zeitpunkt nachdem das Tier den Bau eingerichtet hat. Das
wird durch den Übergang von der Perfektform in das
Präsens angedeutet: Ich habe den Bau eingerichtet
und er scheint wohlgelungen." Das Perfekt
könnte hier bedeuten, daß das Tier den Bau gerade erst
fertiggestellt hat, und daher noch nicht die zeitliche
Distanz gewonnen hat, die den Gebrauch des Präteritums
rechtfertigen würde. Das Tier blickt auf seine gerade
vollendete Arbeit zurück und hält sie für gelungen.
Wichtig ist die Qualifikation dieses Urteils durch das
Verb scheinen", was die Aussage als subjektive
und widerlegbare ausweist. Damit gibt sich das Ich
ausdrücklich nicht als auktorialer Erzähler zu
erkennen. Nach dem ersten Satz wechselt der Ich-Erzähler
bereits ins iterative Präsens über, um die Vor- und
Nachteile der Sicherheitsvorkehrungen zu schildern, die
er getroffen hat, um seinen Bau vor äußeren Angriffen
zu schützen. Darüber hinaus geht es dem Tier um
Vorsorge für das Alter, worauf der Burgplatz mit den
Nahrungsvorräten hinweist. Daß die Sorge des Tieres das
normale Maß übersteigt, zeigen seine Vorstellungen, in
denen sein Bau bereits vom realen Feind zerstört ist.
Diese Halluzinationen,10 die um den schwächsten Punkt seines
Baues kreisen, nämlich den Eingang, lassen ihm nun keine
Ruhe mehr: Mein Leben hat selbst jetzt auf seinem
Höhepunkt kaum eine völlig ruhige Stunde, dort an jener
Stelle im dunklen Moos bin ich sterblich und in meinen
Träumen schnuppert dort oft eine lüsterne Schnauze
unaufhörlich herum" .(360) Die Lücke in seinem
Sicherheitssystem erinnert ihn an seine eigene
Sterblichkeit. Signifikant ist, daß sich seine
Sterblichkeit in dem Traumsymbol der lüsternen Schnauze
äußert, d.h. in einem Bild des sexuellen Begehrens, das
zugleich durch die Todesangst abgewehrt wird. Damit wird
ein Grundthema der Erzählung, nämlich die
Verschränkung von Eros und Thanatos angestimmt. Durch
den Hinweis auf den Traum wird jedoch die Quelle der
Unruhe deutlich: Das Unbewußte kann sich während des
Schlafes freieren Ausdruck verschaffen, da die Zensur
durch das Über-Ich gelockert ist. Das Unbewußte läßt
sich aber in kein Zeitsystem zwängen, im Unbewußten
herrscht die endlose Präsenz alles Gewesenen, Seienden
und Zukünftigen ununterscheidbar, und so bricht es in
das Traumbewußtsein als regelmäßige, doch
unberechenbare Macht ein:
Ich weiß nicht, ob es eine
Gewohnheit aus alten Zeiten ist oder ob doch die Gefahren
auch dieses Hauses stark genug sind, mich zu wecken: regelmäßig
von Zeit zu Zeit schrecke ich auf aus tiefem Schlaf
und lausche, lausche in die Stille, die hier unverhindert
herrscht bei Tag und Nacht, lächle beruhigt und sinke
mit gelösten Gliedern in noch tieferen Schlaf. Arme
Wanderer ohne Haus, auf Landstraßen, in Wäldern,
bestenfalls verkrochen in einen Blätterhaufen oder in
einem Rudel der Genossen, ausgeliefert allem Verderben
des Himmels und der Erde! Ich liege hier auf einem
allseits gesicherten Platz - mehr als fünfzig solcher
Art gibt es in meinem Bau und zwischen Hindämmern und
bewußtlosem Schlaf vergehen mir die Stunden, die ich
nach meinem Belieben dafür wähle. (361)
Durch diesen letzten Satz
entsteht der widersinnige Eindruck, daß das Tier diese
Panikausbrüche selbst gewollt hat. So behauptet es
selbst noch im Schlaf die Kontrolle über sein
Unbewußtes. Es fragt sich, ob das Tier den Feind von
außen nach innen projeziert hat, oder ob er nicht schon
immer in seinem Innern vorhanden war, und bloß durch die
äußeren Umstände, die das Tier nicht mehr bewältigen
kann, zum Vorschein kommt. Freud veranschaulicht den
atemporalen Charakter des Unbewußten, indem er es mit
der alten Stadt Roms vergleicht, in der sich die
Schichten der verschiedenen historischen Epochen
abgelagert haben. Historiker könnten theoretisch die
Überreste der Vergangenheit wiedererkennen, wenn sie
nicht durch Kriege und Brände zerstört wurden.11
Nach Freud spielen die Traumata eine ähnliche Rollen im
Unbewußten wie die Kriege und Brände, indem sie
Gedächtnisspuren auslöschen. Man könnte behaupten,
daß das Trauma eine Regression auf eine frühere
Entwicklungsstufe auslöst, so wie die Erwähnung der
Ungeheuer der Tiefe im Bau darauf hinweist, daß
die rationalen Erklärungsmuster des Tieres bereits
fundamental verunsichert sind.
Mit der Universalzeit löst
Kafka auch die Trennung von Innen und Außen auf, sie
gehen wie ein Möbius-Streifen unmerklich ineinander
über. Das Tier spricht von den mythischen Ungeheuern der
Tiefe, die es noch nie gesehen hat, als ob ihnen eine
reale Gefahr innewohne. Das Tier ist offenbar nicht in
der Lage, zwischen realer und imaginierter Gefahr, Schein
und Wirklichkeit zu unterscheiden. Es erscheint
wahnwitzig, daß es beides mit demgleichen Anspruch auf
eine vernünftige Realität behandelt. Ironischerweise
macht Kafka den Leser dadurch auf den Zeichencharakter
der Realität aufmerksam.
Freud verweist auf den
sprachlichen Charakter der Paranoia,12
indem er zeigt, wie die Hauptformen der Paranoia als
Widersprüche des einen Satzes: ich [ein Mann]
liebe ihn [einen Mann]" gelesen werden können, ja
daß sie alle möglichen Formulierungen dieses
Widerspruches erschöpfen" 13.Freud führt vor, wie der
Verfolgungswahn diesem Satz widerspricht, indem er
behauptet: Ich liebe ihn nicht ich hasse
ihn ja." Das bedeutet, daß das Verbum
lieben" in sein Gegenteil hassen"
verkehrt wird. Dieser Widerspruch könne aber beim
Paranoiker in dieser Form nicht bewußt werden. Der
Mechanismus der Symptombildung bei der Paranoia fordere,
daß die innere Wahrnehmung, das Gefühl, durch eine
Wahrnehmung von außen ersetzt werde. Somit verwandele
sich der Satz ich hasse ihn ja" durch
Projektion in den andern: Er haßt (verfolgt) mich, was
mich dann berechtigen wird, ihn zu hassen. Damit wird
nicht nur das Verbum, sondern auch das Subjekt und Objekt
vertauscht. Das treibende unbewußte Gefühl erscheint so
als Folgerung aus einer äußern Wahrnehmung: Ich liebe
ihn ja nicht ich hasse ihn weil er
mich verfolgt.14 Freud meint, daß der Satz noch einen
vierten Widerspruch zulasse, nämlich die Ablehnung des
ganzen Satzes: Ich liebe überhaupt nicht und
niemand" .Da man mit seiner Libido aber irgendwohin
müsse, bedeute dieser Satz: ich liebe nur
mich"15. Diese Art des Widerspruchs ergebe
den Größenwahn.
Diese vier Stufen der
Libidobesetzung und schließlich des Libidoentzugs von
der Außenwelt läßt sich an Kafkas Tier feststellen.
Sie erklären zumindest teilweise sein Schwanken zwischen
dem Bedürfnis, einen Freund im Bau aufzunehmen, und der
Unfähigkeit, diesen Wunsch zu verwirklichen.
Bezeichnenderweise scheitert diese Beziehung an der
Angst, daß der Freund zu seinem potentiellen Verfolger
werden könne. Damit bleibt aber die Regression der
Libido auf das Ich als einzige Möglichkeit übrig. Kafka
stellt die Zeichen des sozialisierten Begehrens im Ich
dar, die dem Tier keine Ruhe lassen, und es immer wieder
an die Grenzen seiner Sprache, ohne die es nicht
existieren kann, stoßen lassen. Der Versuch, aus dem Bau
auszubrechen, wäre der Versuch, außerhalb der Sprache
zu leben. Dieses Leben am Rande der Gesellschaft und der
Sprache ist dem Tier aber unerträglich, wie sein
Fluchtversuch zeigt. Während sein Bau ihm noch ein
relatives Maß an Sicherheit gewährt, steigert sich
seine Angst außerhalb des Baus bis zur Panik, die ihn
schließlich völlig erschöpft und ohne Deckung in
seinen Bau zurückkriechen läßt.16
Der Unterschied zwischen der
klinischen Paranoia und Kafkas Erzählung liegt jedoch
darin, daß Kafka die Reflektionen seines Erzähl-Ichs
inszeniert, während ein klinischer Fall von Paranoia
seine Wahnvorstellungen unbewußt hervorbringen würde.
Kafkas literarische Darstellung der Paranoia wirft zudem
grundlegende Fragen über Rationalität und Wahnsinn,
Sprache und Geschichte, Begehren und Tod auf.
Meine These ist, daß Coetzee um
1980 an Kafkas 'Lösung' des Konflikts zwischen der
Universal- und Ereigniszeit interessiert war, um das
Recht südafrikanischer Schriftsteller auf die
Darstellung der Ereigniszeit einzuklagen. Das bedeutet,
daß er sich nicht der Forderung linker Schriftsteller,
die Apartheid kritisch zu entlarven, unterwerfen wollte,
was ästhetisch einem kritischen Realismus im Sinne
Lukàcs' entsprach. Der objektiven Realität stellt er
die subjektive Zeit des Schreibens entgegen. Damit stellt
er aber auch die Beziehung zwischen Individuum und
Gesellschaft, Sprache und Realität radikal in Frage. Es
ist daher wohl kein Zufall, daß er sich die Erzählung Der
Bau auswählte, in dem das Tier jegliche Beziehung
zur Außenwelt abgeschnitten hat und endlos über seine
Lage reflektiert.
Coetzee versucht, den Konflikt
zwischen den beiden Zeitsystemen zu lösen, indem er die
lineare, historische Universalzeit für nichtig erklärt,
während er den gegenwärtigen Moment als den
entscheidenden setzt. In einem Interview mit David
Attwell bestätigt Coetzee das, wenn er meint, daß
keiner, der Kafkas Auseinandersetzung mit dem deutschen
Zeitsystem gefolgt wäre, leugnen könne, daß er eine
Intuition einer alternativen Zeit gehabt habe, einer
Zeit, die das Alltägliche durchbreche, über die es aber
genauso sinnlos sei, im Deutschen wie im Englischen
nachzudenken. Kafka deute zumindest an, daß es möglich
sei, für Augenblicke, wie kurz auch immer, außerhalb
der eigenen Sprache zu denken und vielleicht darüber zu
zu berichten, wie es sei, außerhalb der Sprache
überhaupt zu denken. Coetzee fügt jedoch die offene
Frage hinzu, warum man außerhalb der Sprache denken
solle, und ob es dort etwas gebe, was sich zu denken
lohne?17
Er bezieht sich dabei auf den
folgenden Aphorismus Kafkas: Der entscheidende
Augenblick der menschlichen Entwicklung ist
immerwährend. Darum sind die revolutionären Bewegungen,
welche alles frühere für nichtig erklären, im Recht,
denn es ist noch nichts geschehen."18
Damit verleiht er dem iterativen Präsens in Kafkas
Erzählungen jedoch eine quasi-mystische Bedeutung, statt
sie im Lichte der sozialen Entfremdung oder des
psychischen Zusammenbruchs zu sehen. Er erkennt, daß es
Kafka um die Erfahrung eines Zusammenbruchs der Zeit oder
des Zeitsinnes gehe: ein Moment fließe nicht in den
nächsten im Gegenteil, über jedem Moment stehe
die Drohung oder das Versprechen, ein zeitloses Immer zu
sein (nicht zu werden), das weder mit dem vorherigen
verbunden noch aus ihm hervorgegangen ist. Man habe nun
die Wahl, dies als Symptom des psychologischen
Zusammenbruchs der Person Kafka zu verstehen, aber nur
auf das Risiko hin, jede sogenannte mystische Intuition
als pathologisch abzuwerten.19
Coetzee übersieht jedoch, daß
dieser Moment der Gnade in Kafkas Erzählung Der Bau
nicht eintritt oder nicht eintreten kann, da das Tier
sich in einem psychotischen Zirkel befindet, aus dem es
keine Möglichkeit gibt, auszubrechen. In das
immerwährende Präsens brechen regelmäßig
Panikanfälle ein, die ebenfalls im iterativen Präsens
erzählt werden. Die paradoxe Zeitstruktur der Erzählung
ist symptomatisch für psychogene Störungen, wie z.B.
Paranoia. Während das Unbewußte der psychischen
Konstitution jedes normalen Individuums zugrundeliegt,
reißt es bei pathogenen Fällen die Schranken des
Bewußtseins nieder, das sich im Koordinatensystem von
Zeit, Raum und Kausalität bewegt. Im Bau zeichnet
Kafka den progressiven Abbau der normalen Zeit-, Raum-
und Kausalitätsverhältnisse durch den Verfolgungswahn
des Tieres nach.
Der Versuch, die lineare Zeit
aus den Angeln zu heben, scheint allein schon deshalb zum
Scheitern verurteilt, da sie spätestens mit dem Tod das
Ich einholt. Das Todesbewußtsein und die Todesangst wird
damit zum weiteren Auslöser der paranoiden Reflektionen
des Tieres. Der Tod ist die unschließbare Lücke in
jedem Sicherheitssystem. Dieser Moment der Wahrheit kann
höchstens immer wieder aufgeschoben werden. Da der Tod
der Angst aber ein Ende setzen würde, erscheint er auch
begehrenswert. Daraus entsteht die paradoxe Struktur der
Erzählung, in der sich Begehren und Abwehr, Eros und
Thanatos verschränken.
Es fragt sich, ob dieser
Konflikt nicht der Sprache und der Ichkonstitution
überhaupt zugrundeliegt, denn die Sprache stellt ja den
Versuch des Menschen dar, Kontrolle über seine Umwelt zu
erlangen. Dazu erfindet er sich ein System, um die Zeit
zu ordnen, das wir Historie" nennen. Dem Ich
erscheint die Geschichte seiner Gesellschaft aber zu
abstrakt und allgemein, als daß er sich mit ihr
identifizieren könnte, denn sie erinnert ihn an seine
Insignifikanz im Weltgeschehen. Gegen diese universelle
Zeit hält der Dichter nun sein eigenes, subjektives
Zeitkonzept, das bestimmte Augenblicke zu einer Ewigkeit
ausdehnt, während es längere Zeitspannen zusammenrafft.
Coetzee meint, daß dieses subjektive Zeitbewußtsein
sowohl dem Dichter als auch dem Leser ein Gefühl der
Allmacht vermittle, ohne daß er auf den Anteil des
Unbewußten hinweist, wie Freud ihn in der Traumarbeit
und im Witz herausgearbeitet hat.
1 Der Aufsatz
wurde wieder in der folgenden Sammlung aufgenommen: J.M.
Coetzee, Time, Tense and Aspect in Kafka's 'The
Burrow' .In: David Attwell (Hg.), Doubling the point:
essays and interviews / J.M. Coetzee. Harvard
University Press: Cambridge, Massachusetts/ London,
England 1992, p. 210-232. Siehe auch das aufschlußreiche
Interview David Attwells mit John Coetzee zum
Kafka-Aufsatz. In: Ders., p. 197-209.
2 Ich möchte auf
Peter Horns Aufsatz über John Coetzees Roman The Life
and Times of Michael K. (1983) verweisen, der die
Hintergründe für diese Entscheidung untersucht.
3 Vgl. Coetzee,
Anm. 1, S. 221f.
4 Theodor W.
Adorno, Erpreßte Versöhnung" .In: Noten
zur Literatur 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 179.
5 Hans-Gerd Koch,
Michael Müller und Malcolm Pasley (Hg.), Franz Kafka, Tagebücher.
1990 (Kritische Ausgabe, hrsg. v. Jürgen Born,
Gerhard Neumann, Malcolm Pasley und Jost Schillemeit.)
Deborah Harter kommentiert diese Tagebuchnotiz wie folgt:
For him there was the inner clock keeping
time while he was writing, governing a world obedient to
its own laws, 'unberechenbar ..., freudig ...' (Jan. 27,
1922), and an outer one, governing the slower, the
'human' world as he sometimes called it, a world which
held a certain attraction for him but in which he felt
awkward, ill-equipped, a foreigner. There was certainly
no doubt for him which clock he would have to follow, but
if he could have joined the two and held them together,
if he could have made the one make sense beside the
other, he would have done so." Deborah Harter,
The Artist on Trial: Kafka and Josefine, 'die
Sängerin' .In: Deutsche Vierteljahrsschrift für
Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Bd. 61,
Nr. 1-2, 1987, S. 153
6 siehe Anm. 1,
S. 212
7 Pongratz, L.J.
(Hg.), Klinische Psychologie (1. Halbband) in: Handbuch
der Psychologie in 12 Bänden. H. Thomae (Hg.). Verlag
für Psychologie/ Dr. C.J. Hogrefe. Göttingen, Toronto,
Zürich 1977, S. 356.
8 ebd.
9 Hans Helmut
Hiebel, Die Zeichen des Gesetzes. Recht und Macht bei
Franz Kafka. München: Wilhelm Fink Verlag 1983, p.
55.
10 Peter Horn
macht auf die Problematik dieses Begriffs aufmerksam:
Esquirol (J.E.D. Esquirol, Des maladies
mentales. Paris: Baillière 1838, S.7) definierte
Halluzinationen als Bildern einen Körper und
Wirklichkeit zuschreiben", die eine solche
Wirklichkeit nicht haben. Halluzinieren ist to be
out of touch with reality", verrückt, wahnsinnig.
In ihrem Eifer, die Wirklichkeit" bestimmter
religiöser, abergläubischer" und
mystischer" Erfahrungen zu leugnen, haben
bürgerliche Moralisten und aufklärerische Philosophen
und Wissenschaftler sich allerdings bei der
Begriffsbestimmung von Halluzination" in eine
logisch unhaltbare Position begeben. Der Begriff
Halluzination" setzt voraus, daß eine Person
bestimmte Dinge sieht", Bilder",
Vorstellungen", von deren
Realität" sie subjektiv überzeugt ist, und
daß eine andere Person ein Urteil fällt, daß die erste
diesen Bildern" fälschlicherweise einen
Körper und eine Realität" zugeschrieben hat,
die ihnen nicht zukommt. Anders ausgedrückt lautet das
Urteil der zweiten Person: Der Halluzinierende reagiert
auf Stimuli, die nicht da sind. Dieses Urteil versetzt
denjenigen, über den es ausgesprochen wird in eine Lage,
in der es für ihn keine Verteidigung gibt. Der
Halluzinierende kann keine Selbstdiagnose machen, denn
sonst müßte er gleichzeitig behaupten, daß die
Sinneseindrücke eine körperliche Realität sind und es
nicht sind. Wenn er wirklich halluziniert",
dann ist er von der Realität der Körper",
die seine Sinneseindrücke veranlassen völlig
überzeugt, ebenso überzeugt, wie derjenige, der nicht
halluziniert" von der Wirklichkeit seiner
Sinneseindrücke. Für den Halluzinierenden ist es
unmöglich zu sagen: Ich halluziniere"
.Welches Recht hat also derjenige, der nicht
halluziniert" an die Wirklichkeit"
seiner Sinneseindrücke zu glauben, wenn er nicht an die
Wirklichkeit" der anderen Sinneseindrücke
eines Halluzinierenden glaubt?" Peter Horn,
Halluzinierte Vögel, oder Wann ist Paranoia
literarisch? Zu E.T.A. Hoffmann, Robert Musil und Daniel
Paul Schreber" .In: Acta Germanica, Beiheft 1:
Kanonbildung - Psychoanalyse - Macht. 1990. Frankfurt
am Main: Peter Lang, S. 112.
11 Es ist
interessant, wie Freud diesen Vergleich selbst als
phantastisch abweist: Nun machen wir die
phantastische Annahme, Rom sei nicht eine menschliche
Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von ähnlich
langer und reichhaltiger Vergangenheit, in dem also
nichts, was einmal zustande gekommen war, untergegangen
ist, in dem neben der letzten Entwicklungsphase auch alle
früheren noch fortbestehen. [...] Es hat keinen Sinn,
diese Phantasie weiter auszuspinnen, sie führt zu
Unvorstellbarem, ja zu Absurdem. Wenn wir das historische
Nacheinander räumlich darstellen wollen, kann es nur
durch ein Nebeneinander im Raum geschehen; derselbe Raum
verträgt nicht zweierlei Ausfüllung." Sigmund
Freud, Abriss der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der
Kultur. Frankfurt a. M. und Hamburg: Fischer
Bücherei 1963, S. 97f. Freud verweist damit auf die
Begrenztheit der anschaulichen Darstellung",
wenn es um die Eigentümlichkeiten des seelischen
Lebens" gehe. (Ebd. S. 98f.) Nun tut die
phantastische Erzählung Kafkas aber genau das: in ihr
ist der Raum mit zweierlei ausgefüllt.
12 Die Paranoia
weist nach Freud eine nahe Beziehung zur Dementia praecox
auf. Freud verbindet die Dementia praecox mit der
Abkehr der Libido von der Außenwelt" und der
Regression zum Ich" .In der klinischen
Psychiatrie wird die Paranoia zu den endogenen Störungen
gezählt, die durch den Entzug der Libido von Objekten
der Außenwelt aufs Innere des Ichs charakterisiert ist.
Meines Erachtens weist das Tier aber auch akute Symptome
der Angst- und Zwangsneurose auf, wie ich im folgenden
nachzuweisen versuchen werde. Die Angstneurose wird nach
Degkwitz wie folgt definiert: Verschiedene
Kombinationen körperlicher und psychischer
Angstsymptome, die keiner realen Gefahr zuzuschreiben
sind und entweder als Angstanfälle oder als Dauerzustand
auftreten. Die Angst ist meistens diffus und kann sich
bis zur Panik steigern. Andere neurotische Züge wie
Zwangsphänomene oder hysterische Symptome können
vorhanden sein, aber beherrschen nicht das klinische
Erscheinungsbild." (Pongratz, Anm. 7, S. 345.)
Pongratz et al. fahren fort, daß die Angstneurose sich
von der 'Realangst' (Freud, 1948) bzw. Furcht durch ihren
eher chronischen Charakter sowie das Fehlen einer für
den außenstehenden Beobachter erkennbaren
augenblicklichen oder in näherer Zukunft zu erwartenden
echten Gefahr unterscheide. Im Falle einer tatsächlichen
Gefährdung überschreitet die Angst das zu erwartende
Ausmaß. Sie erscheint mithin dem Beobachter und häufig
auch dem Betroffenen selbst 'irrational' .Im Gegensatz
zur Phobie ist die Angst nicht an bestimmte Objekte oder
Situationen gebunden. Eine strenge Trennung zwischen
beiden Formen der 'neurotischen Angst' dürfte allerdings
nicht möglich sein.
13 Sigmund
Freud, Über einen autobiographisch beschriebenen
Fall von Paranoia." In: Gesammelte Werke. Bd.
8, London 1943, S. 299.
14 ebd.
15 ebd., S. 301
16 In
neopsychoanalytischen Theorien wird die Angst als Folge
gestörter Sozialbeziehungen (z.B. Sullivan, 1953) und
gesellschaftlicher Lebensformen (Fromm, 1945)
interpretiert. Nach Sullivan (1953) drückt die Angst des
Angstneurotikers eine Selbstwertkrise und eine tief
verwurzelte Unsicherheit darüber aus, ob man von anderen
Menschen akzeptiert wird. Portnoy (1959) betont
gleichfalls die extreme Abhängigkeit des
Angstneurotikers von seiner Umwelt, die starke
Selbstentfremdung und das Gefühl mehr oder weniger
permanenter Hilflosigkeit. Fischer (1970) gelangt bei
seinem Versuch einer Synthese aus bekannten Angsttheorien
zu dem Schluß, daß es zur frei-flottierenden Angst kommt,
wenn das bisherige Ich-Umwelt-System zerbricht oder
gefährdet erscheint. Hand in Hand mit einem starken
Selbstwertverlust tritt ein Verlust des Vertrauens, die
Umwelt und die gestellten Aufgaben bewältigen zu
können, auf, und damit erscheinen nicht nur - wie bei
der Phobie - bestimmte Situationen bedrohlich und
gefährlich, sondern sehr weite Lebensbereiche."
(Pongratz, siehe Anm. 7, S. 347) So äußert sich die
Abhängigkeit von der Umwelt noch in der Isolation des
Tiers in seinem Bau.
17 Vgl Coetzee
(Anm. 1, S. 198f.): No one who has really followed
Kafka through his struggles with the time system of
German can fail to be convinced that he had an intuition
of an alternative time, a time cutting through the
quotidian, on which it is as foolish to try to elaborate
in English as in German. But Kafka at least hints that it
is possible, for snatches, however brief, to think
outside one's own language, perhaps to report back on
what it is like to think outside language itself. Why
should one want to think outside language? Would there be
anything worth thinking there?"
18 Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen
auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß.
Frankfurt am Main: Fischer 1966, S. 73
19 Kafka's
concern is with the experience of a breakdown of time, of
the time-sense: one moment does not flow into the
nexton the contrary, each moment has the threat or
promise of being (not becoming) a timeless forever,
unconnected to, ungenerated by, the past. One can choose
to regard this as a symptom of psychological breakdown in
the man Kafka, but only at the risk of dismissing as
pathological every so-called mystical intuition."
(Ebd., S. 203)
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