In: Writers' World . 11 (1993): 11-12
  Sprache und Paranoia: J.M. Coetzee in Kafkas Erzählung Der Bau

In einer linguistischen Studie, die 1981 unter dem Titel Time, Tense and Aspect in Kafka's 'The Burrow' in der Zeitschrift Modern Language Notes erschienen ist, versucht der südafrikanische Schriftsteller und Literaturkritiker, John Coetzee, den Gebrauch des iterativen Präsens in Kafkas letzter Erzählung Der Bau als Ausdruck einer 'mystischen' Zeiterfahrung zu verstehen, die den Rahmen jeglicher historischen, sozialen oder psychischen Determinanten sprengt.1 Während Coetzees Unterscheidung zwischen Zeit, Zeitform und Aspekt des Verbums für eine Analyse des Kafka'schen Zeitsystems bis heute nichts an Erkenntniswert eingebüßt hat, stimme ich mit dessen mystischer Deutung nur begrenzt überein, da sie meines Erachtens die paranoiden Elemente des Textes übersieht. Meine These ist, daß John Coetzee als südafrikanischer Schriftsteller im politischen Kontext der frühen achtziger Jahre gerade an dieser „Lösung" des Zeitkonflikts interessiert war, da sich für ihn in der zugespitzten Konfrontation zwischen dem Apartheidsystem einerseits und dem bewaffneten Widerstand des African National Congress andererseits keine Alternative bot als der Rückzug in eine mystische Zeitlosigkeit. Der um diese Zeit entstandene Roman The Life and Times of Michael K. scheint diese These zu bestätigen.2 Als 'Korrektiv' zu Coetzees 'mystischer' Interpretation der Zeitstruktur in Kafkas Bau möchte ich eine 'psychoanalytische' Lesart des Textes vorschlagen, die dessen paranoide Symptome berücksichtigt. Dabei geht es mir jedoch nicht um eine Psychoanalyse des Autors, Franz Kafka, sondern um die literarische Darstellung eines paranoiden Denksystems, das, wie die Erzählung impliziert, potentiell jeder sprachlichen Ordnung und Subjektwerdung zugrundeliegt.

Coetzees Analyse des Zeitsystems im Bau stützt sich auf die Schrift Temps et verbe (1929), in der der kanadische Linguist, Gustave Guillaume, ein Modell des Verbums entwickelt, das sich aus einer Universal- und einer Ereigniszeit zusammensetzt. Die Universalzeit beruht auf dem bekannten irreversiblen Zeitpfeil der Newtonschen Physik, während die Ereigniszeit die Zeitspanne umschließt, die ein Ereignis braucht, um zustande zu kommen. Nach Guillaume könnte diese Ereigniszeit unendlich klein sein, ohne Zwischenraum zwischen Anfang und Ende. Auf grammatikalischer Ebene werden die Universal- und Ereigniszeit jeweils durch die Tempi und den Aspekt des Verbums repräsentiert. So vereinen sich im Verbsystem zwei unterschiedliche Zeitauffassungen.3

Guillaumes Begriff der Ereigniszeit ließe sich mit Bergsons Theorie der Erlebniszeit vergleichen, zu der ihn die „Unerträglichkeit [einer] dinghaft entfremdeten, leeren Zeit" nötigte.4 Auf erzähltheoretischer Ebene handelt es sich um den Unterschied zwischen der erzählten Zeit (dem Präteritum) und der Erzählzeit (dem Präsens), oder anders gesagt, zwischen dem Schreibprozeß und dem Geschriebenen.

Bei Kafka reiben die beiden Zeitsysteme aneinander, sodaß die Ereigniszeit die Universalzeit aushöhlt, ohne daß diese dadurch restlos verschwindet. Kafka reflektiert diesen Konflikt in seinem Tagebuch wie folgt:

Die Uhren stimmen nicht überein, die innere jagt in einer teuflischen oder dämonischen oder jedenfalls unmenschlichen Art, die äußere geht stockend ihren gewöhnlichen Gang. Was kann anders geschehen, als daß sich die zwei verschiedenen Welten trennen, und sie trennen sich oder reißen zumindest aneinander in einer fürchterlichen Art. Die Wildheit des inneren Ganges mag verschiedene Gründe haben, der sichtbarste ist die Selbstbeobachtung, die keine Vorstellung zur Ruhe kommen läßt, jede emporjagt, um dann selbst wieder als Vorstellung von neuer Selbstbeobachtung weitergejagt zu werden. (T 877)5

Kafka nennt bezeichnenderweise die Selbstbeobachtung als Antriebsfeder des Sturmlaufs der inneren Zeit, der hier eindeutig paranoide Züge aufweist: die Gedanken verfolgen einander offensichtlich automatisch. Daß der Prozeß der Selbstreflektion zu keinem Ergebnis führt, weist darauf hin, daß die innere Zeit nicht mehr der Kontrolle des Ichs unterliegt. Damit wird aber auch die Erlebniszeit bei Kafka zum Ausdruck der psychischen Entfremdung als Pendant zur „dinghaft entfremdeten, leeren Zeit" Bergsons.

Der Sturmlauf der inneren Gedanken geht bei Kafka mit dem äußerem Stillstand einher. Damit deutet er an, daß die kritische Vernunft der Aufklärung, die auf die Erkenntnis der Wahrheit und die Verbesserung der Gesellschaft zielte, in der Moderne in krankhafte Selbstbeobachtung umgeschlagen ist, die jeden Bezug zur empirischen Wirklichkeit grundsätzlich ausschließt. Stattdessen bewegen sich Kafkas Figuren im System der sprachlichen Repräsentation, aus dem es kein Entrinnen gibt, außer den Tod. Innerhalb des Spiels des gleitenden Signifikanten sind sie selbst zu Zeichen geronnen. Das Ich beherrscht nicht mehr die Spielregeln der Sprache, sondern wird wie eine Figur in einem Spiel bewegt, das nach unbekannten Regeln gespielt wird. Die Erzählung Der Bau macht die paranoide Struktur des rationalistischen Denkens besonders deutlich sichtbar, eines Denkens, das darauf hinzielt, eine ihm inkommensurable Realität zu beherrschen, andererseits sich von dieser Realität in seine in der Sprache selbst konstruierte Realität zurückzuziehen, wenn diese Realität sich als eine bedrohliche enthüllt. Die Psychoanalyse kann dazu beitragen, die Zeichen dieser unbewußten Schrift zu entziffern, doch ist sie selbst, wie Kafka sagt, nur Spiegelschrift einer Spiegelschrift.

Ich meine, daß die Paranoia sich erzähltechnisch im iterativen Präsens und im Irrealis manifestiert. Um bei der Metapher des stehenden Sturmlaufs zu bleiben, wäre das immerwährende Präsens der tote Punkt des Sturms, d.h. der unbewußte Konflikt, der den Sturmlauf der Gedanken generiert, während die einander jagenden Gedanken im Irrealis artikuliert werden. Coetzee macht darauf aufmerksam, daß das immerwährende Präsens dazu dient, einen wiederkehrenden Tatbestand zu schildern, wie absurd er auch sein mag. Coetzee versteht die regelmäßigen Panikausbrüche des Tiers im Bau als durchaus verträglich mit dem normalen Gebrauch des Präsens. Er zieht als Beispiel den Satz heran: 'Jeden Monat laufe ich nackt durch die Straßen' .Coetzee stellt fest, daß Kafka das iterative Präsens aber auch benutzt, um plötzliche Ereignisse darzustellen, die etwa dem folgenden Satz entsprächen: 'Jeden Monat laufe ich impulsiv nackt durch die Straßen' 6. Dieser zweite Satz erscheint widersinnig, da sich das Wiederkehrende und für die Zukunft Vorhersehbare nicht mit dem Plötzlichen verträgt, das jede Vorraussage der Zukunft verhindert. Solche Sätze häufen sich jedoch in Kafkas Bau mit der zunehmenden Unsicherheit des Tieres, die trotz seiner ständigen Sicherheitsbemühungen sein Bewußtsein beherrscht.

Die Angst des Tieres im Bau vor einem imaginierten Feind ruft jedoch auch Symptome hervor, wie sie Zwangs- und Angstneurotikern zu eigen sind. Nach Pongratz ist die Zwangsneurose durch „persistierende Bewußtseinsinhalte, Handlungsimpulse oder Handlungen charakterisiert, von denen der Betreffende sagt, daß er sie nicht oder nur schwer kontrollieren könne. Die Symptome werden häufig als unsinnig, wesensfremd, und angstauslösend erlebt, und sie scheinen gegen den inneren Widerstand des Zwangsneurotikers aufzutreten. Üblicherweise erfolgt eine Unterteilung der zwangsneurotischen Symptome in Zwangsgedanken (obsessions) und Zwangshandlungen (compulsions)."7 Pongratz fährt fort, die Zwangsgedanken wie folgt zu definieren: „Zwangsgedanken können sich als Zwangsgrübeln oder als Zwangsideen manifestieren. Beim Zwangsgrübeln handelt es sich um einen Zustand der Handlungsunsicherheit und des Handlungsunvermögens. Ein Individuum schwankt unentschlossen zwischen verschiedenen Handlungsalternativen, prüft endlos ihre Vor- und Nachteile und gelangt zu keiner Entscheidung; oder vergangene Handlungen werden in Gedanken immer wieder durchgespielt, und dabei treten Zweifel auf, ob sie richtig oder ob sie überhaupt ausgeführt wurden."8

Als ein solcher Zwangsgedanke kann die Idee des Feindes und die daraus resultierenden Sicherheitsbestrebungen angesehen werden, obwohl es hier undeutlich wird, was Ursache und was Wirkung ist. Die Auflösung solcher Grundkategorien des rationalen Denkens, wie Zeit, Raum und Kausalität, läßt sich außerdem an dem Zwangsgrübeln beobachten, das sich vornehmlich des Modus des Konjunktiv Präteritums bedient, das nicht nur alles bereits Geleistete des Tiers zu nichte zu machen droht, sondern auch ein vernünftiges Handeln in der Zukunft verhindert. So reflektiert das Tier noch einmal die Vor- und Nachteile des offenen Eingangs gleich am Anfang der Erzählung, nachdem es ihn schon eingerichtet hat, und malt sich einen Hohlraum für seinen Burgplatz aus, der ihn vollkommen schützen soll, obwohl er meint, nicht mehr die Kraft für die Ausführung dieses Plans zu besitzen. Dies widerspricht der anfänglichen Behauptung, daß er sich auf dem Höhepunkt seines Lebens befinde. Auf Zwangshandlungen deuten auch die „fünfzig Vorratsplätze" hin, die das Tier immer dann anlegt, wenn es wieder einen paranoiden Schub hat, mit der vermeintlichen Absicht, seinen Feind von dem Hauptvorratsplatz, dem Burgplatz, abzulenken.

Ein weiteres paranoides Symptom besteht in den auralen Halluzinationen des Tieres. So wird es regelmäßig durch Geräusche geweckt, die es für Zeichen des Feindes hält. Im Laufe der Erzählung wird dieses Warnsignal eines bevorstehenden Angriffs zu einem ständigen Zischen, das das Tier bald aus der Ferne, bald in nächster Nähe wahrzunehmen glaubt. Es versucht, diesem Zischen auf die Spur zu kommen, doch es gelingt ihm nicht. Stattdessen verläßt ihn das Geräusch am Ende der Erzählung gar nicht mehr, ja es scheint sich in seinem Körper eingenistet zu haben. Hiebel hat dieses Zischen biographisch gedeutet, als ein Hinweis auf Kafkas eigenes Lungenleiden: Der Bau „ist im letzten Lebensjahr des von Lungentuberkulose gepeinigten Kafka entstanden. Der herankommende Gegner ist unerkennbar; es geht um ein Tier, das 'ich noch nicht kenne' (ER 433, vgl. 438f.). Die Gefahr wird verdrängt; sie wird 'verleugnet', d.h. anerkannt wie abgewehrt zugleich: Das Tier gräbt verzweifelt und doch 'glaubt' es 'im Grunde nicht' an ein böses Ende, ein 'schreckliches Ergebnis' (ER 434). Der Gegner wohnt im Inneren, daher hört das Tier auch am Ende außerhalb seines Baues 'tiefe Stille' (ER 437), in seinem Bau, der es selbst ist, herrscht Unruhe, 'Zischen' .Dennoch bleibt der Gegner 'Anderer'; im 'Zirkel von Außen und Innen' ist der äußere Feind durch den inneren, durch Zwang und Angst, ersetzt, ist Symptom, Krankheit und Thanatos geworden. Die Geschichte wird zu einem 'Mythos des Unbewußten'; nur symbolisch, nur andeutungsweise kann von einem mythischen Gegner gesprochen werden: 'Vor dieser Erscheinung versagen meine ersten Erklärungen völlig' (ER 433). Die Kausalerklärung wird dem 'Unerklärlichen' - in welches auch die Sagen von PROMETHEUS münden (ER 351f.) - nicht gerecht. Schon am Beginn der Erzählung gedenkt das Tier der Feinde im 'Innern der Erde': 'Ich habe sie noch nie gesehen, aber die Sagen erzählen von ihnen'; gleichwohl gilt: 'nicht einmal die Sage kann sie beschreiben' (ER 413)."9

Im iterativen Präsens und im Irrealis der Erzählung schlägt die Rationalität in Irrationalität um, indem sich die Zeitlosigkeit des rationalistischen Diskurses, der den Anspruch auf ewige Wahrheit erhebt, mit der Zeitlosigkeit des Unbewußten überkreuzt und verwirrt, sodaß ein einziges Sinnknäuel entsteht. In diesem Moment bricht das System der Universalzeit zusammen, nach dem sich das Subjekt zwischen Vorstellungen der Vergangenheit, Präsens und Zukunft bewegen könnte. Stattdessen fällt das Zeitkontinuum in lauter untereinander unverbundene Jetztmomente auseinander.

Die Erzählung beginnt zu einem Zeitpunkt nachdem das Tier den Bau eingerichtet hat. Das wird durch den Übergang von der Perfektform in das Präsens angedeutet: „Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen." Das Perfekt könnte hier bedeuten, daß das Tier den Bau gerade erst fertiggestellt hat, und daher noch nicht die zeitliche Distanz gewonnen hat, die den Gebrauch des Präteritums rechtfertigen würde. Das Tier blickt auf seine gerade vollendete Arbeit zurück und hält sie für gelungen. Wichtig ist die Qualifikation dieses Urteils durch das Verb „scheinen", was die Aussage als subjektive und widerlegbare ausweist. Damit gibt sich das Ich ausdrücklich nicht als auktorialer Erzähler zu erkennen. Nach dem ersten Satz wechselt der Ich-Erzähler bereits ins iterative Präsens über, um die Vor- und Nachteile der Sicherheitsvorkehrungen zu schildern, die er getroffen hat, um seinen Bau vor äußeren Angriffen zu schützen. Darüber hinaus geht es dem Tier um Vorsorge für das Alter, worauf der Burgplatz mit den Nahrungsvorräten hinweist. Daß die Sorge des Tieres das normale Maß übersteigt, zeigen seine Vorstellungen, in denen sein Bau bereits vom realen Feind zerstört ist. Diese Halluzinationen,10 die um den schwächsten Punkt seines Baues kreisen, nämlich den Eingang, lassen ihm nun keine Ruhe mehr: Mein „Leben hat selbst jetzt auf seinem Höhepunkt kaum eine völlig ruhige Stunde, dort an jener Stelle im dunklen Moos bin ich sterblich und in meinen Träumen schnuppert dort oft eine lüsterne Schnauze unaufhörlich herum" .(360) Die Lücke in seinem Sicherheitssystem erinnert ihn an seine eigene Sterblichkeit. Signifikant ist, daß sich seine Sterblichkeit in dem Traumsymbol der lüsternen Schnauze äußert, d.h. in einem Bild des sexuellen Begehrens, das zugleich durch die Todesangst abgewehrt wird. Damit wird ein Grundthema der Erzählung, nämlich die Verschränkung von Eros und Thanatos angestimmt. Durch den Hinweis auf den Traum wird jedoch die Quelle der Unruhe deutlich: Das Unbewußte kann sich während des Schlafes freieren Ausdruck verschaffen, da die Zensur durch das Über-Ich gelockert ist. Das Unbewußte läßt sich aber in kein Zeitsystem zwängen, im Unbewußten herrscht die endlose Präsenz alles Gewesenen, Seienden und Zukünftigen ununterscheidbar, und so bricht es in das Traumbewußtsein als regelmäßige, doch unberechenbare Macht ein:

Ich weiß nicht, ob es eine Gewohnheit aus alten Zeiten ist oder ob doch die Gefahren auch dieses Hauses stark genug sind, mich zu wecken: regelmäßig von Zeit zu Zeit schrecke ich auf aus tiefem Schlaf und lausche, lausche in die Stille, die hier unverhindert herrscht bei Tag und Nacht, lächle beruhigt und sinke mit gelösten Gliedern in noch tieferen Schlaf. Arme Wanderer ohne Haus, auf Landstraßen, in Wäldern, bestenfalls verkrochen in einen Blätterhaufen oder in einem Rudel der Genossen, ausgeliefert allem Verderben des Himmels und der Erde! Ich liege hier auf einem allseits gesicherten Platz - mehr als fünfzig solcher Art gibt es in meinem Bau und zwischen Hindämmern und bewußtlosem Schlaf vergehen mir die Stunden, die ich nach meinem Belieben dafür wähle. (361)

Durch diesen letzten Satz entsteht der widersinnige Eindruck, daß das Tier diese Panikausbrüche selbst gewollt hat. So behauptet es selbst noch im Schlaf die Kontrolle über sein Unbewußtes. Es fragt sich, ob das Tier den Feind von außen nach innen projeziert hat, oder ob er nicht schon immer in seinem Innern vorhanden war, und bloß durch die äußeren Umstände, die das Tier nicht mehr bewältigen kann, zum Vorschein kommt. Freud veranschaulicht den atemporalen Charakter des Unbewußten, indem er es mit der alten Stadt Roms vergleicht, in der sich die Schichten der verschiedenen historischen Epochen abgelagert haben. Historiker könnten theoretisch die Überreste der Vergangenheit wiedererkennen, wenn sie nicht durch Kriege und Brände zerstört wurden.11 Nach Freud spielen die Traumata eine ähnliche Rollen im Unbewußten wie die Kriege und Brände, indem sie Gedächtnisspuren auslöschen. Man könnte behaupten, daß das Trauma eine Regression auf eine frühere Entwicklungsstufe auslöst, so wie die Erwähnung der Ungeheuer der Tiefe im Bau darauf hinweist, daß die rationalen Erklärungsmuster des Tieres bereits fundamental verunsichert sind.

Mit der Universalzeit löst Kafka auch die Trennung von Innen und Außen auf, sie gehen wie ein Möbius-Streifen unmerklich ineinander über. Das Tier spricht von den mythischen Ungeheuern der Tiefe, die es noch nie gesehen hat, als ob ihnen eine reale Gefahr innewohne. Das Tier ist offenbar nicht in der Lage, zwischen realer und imaginierter Gefahr, Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden. Es erscheint wahnwitzig, daß es beides mit demgleichen Anspruch auf eine vernünftige Realität behandelt. Ironischerweise macht Kafka den Leser dadurch auf den Zeichencharakter der Realität aufmerksam.

Freud verweist auf den sprachlichen Charakter der Paranoia,12 indem er zeigt, wie die Hauptformen der Paranoia als Widersprüche des einen Satzes: „ich [ein Mann] liebe ihn [einen Mann]" gelesen werden können, ja daß sie „alle möglichen Formulierungen dieses Widerspruches erschöpfen" 13.Freud führt vor, wie der Verfolgungswahn diesem Satz widerspricht, indem er behauptet: „Ich liebe ihn nicht — ich hasse ihn ja." Das bedeutet, daß das Verbum „lieben" in sein Gegenteil „hassen" verkehrt wird. Dieser Widerspruch könne aber beim Paranoiker in dieser Form nicht bewußt werden. Der Mechanismus der Symptombildung bei der Paranoia fordere, daß die innere Wahrnehmung, das Gefühl, durch eine Wahrnehmung von außen ersetzt werde. Somit verwandele sich der Satz „ich hasse ihn ja" durch Projektion in den andern: Er haßt (verfolgt) mich, was mich dann berechtigen wird, ihn zu hassen. Damit wird nicht nur das Verbum, sondern auch das Subjekt und Objekt vertauscht. Das treibende unbewußte Gefühl erscheint so als Folgerung aus einer äußern Wahrnehmung: Ich liebe ihn ja nicht — ich hasse ihn — weil er mich verfolgt.14 Freud meint, daß der Satz noch einen vierten Widerspruch zulasse, nämlich die Ablehnung des ganzen Satzes: „Ich liebe überhaupt nicht und niemand" .Da man mit seiner Libido aber irgendwohin müsse, bedeute dieser Satz: „ich liebe nur mich"15. Diese Art des Widerspruchs ergebe den Größenwahn.

Diese vier Stufen der Libidobesetzung und schließlich des Libidoentzugs von der Außenwelt läßt sich an Kafkas Tier feststellen. Sie erklären zumindest teilweise sein Schwanken zwischen dem Bedürfnis, einen Freund im Bau aufzunehmen, und der Unfähigkeit, diesen Wunsch zu verwirklichen. Bezeichnenderweise scheitert diese Beziehung an der Angst, daß der Freund zu seinem potentiellen Verfolger werden könne. Damit bleibt aber die Regression der Libido auf das Ich als einzige Möglichkeit übrig. Kafka stellt die Zeichen des sozialisierten Begehrens im Ich dar, die dem Tier keine Ruhe lassen, und es immer wieder an die Grenzen seiner Sprache, ohne die es nicht existieren kann, stoßen lassen. Der Versuch, aus dem Bau auszubrechen, wäre der Versuch, außerhalb der Sprache zu leben. Dieses Leben am Rande der Gesellschaft und der Sprache ist dem Tier aber unerträglich, wie sein Fluchtversuch zeigt. Während sein Bau ihm noch ein relatives Maß an Sicherheit gewährt, steigert sich seine Angst außerhalb des Baus bis zur Panik, die ihn schließlich völlig erschöpft und ohne Deckung in seinen Bau zurückkriechen läßt.16

Der Unterschied zwischen der klinischen Paranoia und Kafkas Erzählung liegt jedoch darin, daß Kafka die Reflektionen seines Erzähl-Ichs inszeniert, während ein klinischer Fall von Paranoia seine Wahnvorstellungen unbewußt hervorbringen würde. Kafkas literarische Darstellung der Paranoia wirft zudem grundlegende Fragen über Rationalität und Wahnsinn, Sprache und Geschichte, Begehren und Tod auf.

Meine These ist, daß Coetzee um 1980 an Kafkas 'Lösung' des Konflikts zwischen der Universal- und Ereigniszeit interessiert war, um das Recht südafrikanischer Schriftsteller auf die Darstellung der Ereigniszeit einzuklagen. Das bedeutet, daß er sich nicht der Forderung linker Schriftsteller, die Apartheid kritisch zu entlarven, unterwerfen wollte, was ästhetisch einem kritischen Realismus im Sinne Lukàcs' entsprach. Der objektiven Realität stellt er die subjektive Zeit des Schreibens entgegen. Damit stellt er aber auch die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, Sprache und Realität radikal in Frage. Es ist daher wohl kein Zufall, daß er sich die Erzählung Der Bau auswählte, in dem das Tier jegliche Beziehung zur Außenwelt abgeschnitten hat und endlos über seine Lage reflektiert.

Coetzee versucht, den Konflikt zwischen den beiden Zeitsystemen zu lösen, indem er die lineare, historische Universalzeit für nichtig erklärt, während er den gegenwärtigen Moment als den entscheidenden setzt. In einem Interview mit David Attwell bestätigt Coetzee das, wenn er meint, daß keiner, der Kafkas Auseinandersetzung mit dem deutschen Zeitsystem gefolgt wäre, leugnen könne, daß er eine Intuition einer alternativen Zeit gehabt habe, einer Zeit, die das Alltägliche durchbreche, über die es aber genauso sinnlos sei, im Deutschen wie im Englischen nachzudenken. Kafka deute zumindest an, daß es möglich sei, für Augenblicke, wie kurz auch immer, außerhalb der eigenen Sprache zu denken und vielleicht darüber zu zu berichten, wie es sei, außerhalb der Sprache überhaupt zu denken. Coetzee fügt jedoch die offene Frage hinzu, warum man außerhalb der Sprache denken solle, und ob es dort etwas gebe, was sich zu denken lohne?17

Er bezieht sich dabei auf den folgenden Aphorismus Kafkas: „Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend. Darum sind die revolutionären Bewegungen, welche alles frühere für nichtig erklären, im Recht, denn es ist noch nichts geschehen."18 Damit verleiht er dem iterativen Präsens in Kafkas Erzählungen jedoch eine quasi-mystische Bedeutung, statt sie im Lichte der sozialen Entfremdung oder des psychischen Zusammenbruchs zu sehen. Er erkennt, daß es Kafka um die Erfahrung eines Zusammenbruchs der Zeit oder des Zeitsinnes gehe: ein Moment fließe nicht in den nächsten — im Gegenteil, über jedem Moment stehe die Drohung oder das Versprechen, ein zeitloses Immer zu sein (nicht zu werden), das weder mit dem vorherigen verbunden noch aus ihm hervorgegangen ist. Man habe nun die Wahl, dies als Symptom des psychologischen Zusammenbruchs der Person Kafka zu verstehen, aber nur auf das Risiko hin, jede sogenannte mystische Intuition als pathologisch abzuwerten.19

Coetzee übersieht jedoch, daß dieser Moment der Gnade in Kafkas Erzählung Der Bau nicht eintritt oder nicht eintreten kann, da das Tier sich in einem psychotischen Zirkel befindet, aus dem es keine Möglichkeit gibt, auszubrechen. In das immerwährende Präsens brechen regelmäßig Panikanfälle ein, die ebenfalls im iterativen Präsens erzählt werden. Die paradoxe Zeitstruktur der Erzählung ist symptomatisch für psychogene Störungen, wie z.B. Paranoia. Während das Unbewußte der psychischen Konstitution jedes normalen Individuums zugrundeliegt, reißt es bei pathogenen Fällen die Schranken des Bewußtseins nieder, das sich im Koordinatensystem von Zeit, Raum und Kausalität bewegt. Im Bau zeichnet Kafka den progressiven Abbau der normalen Zeit-, Raum- und Kausalitätsverhältnisse durch den Verfolgungswahn des Tieres nach.

Der Versuch, die lineare Zeit aus den Angeln zu heben, scheint allein schon deshalb zum Scheitern verurteilt, da sie spätestens mit dem Tod das Ich einholt. Das Todesbewußtsein und die Todesangst wird damit zum weiteren Auslöser der paranoiden Reflektionen des Tieres. Der Tod ist die unschließbare Lücke in jedem Sicherheitssystem. Dieser Moment der Wahrheit kann höchstens immer wieder aufgeschoben werden. Da der Tod der Angst aber ein Ende setzen würde, erscheint er auch begehrenswert. Daraus entsteht die paradoxe Struktur der Erzählung, in der sich Begehren und Abwehr, Eros und Thanatos verschränken.

Es fragt sich, ob dieser Konflikt nicht der Sprache und der Ichkonstitution überhaupt zugrundeliegt, denn die Sprache stellt ja den Versuch des Menschen dar, Kontrolle über seine Umwelt zu erlangen. Dazu erfindet er sich ein System, um die Zeit zu ordnen, das wir „Historie" nennen. Dem Ich erscheint die Geschichte seiner Gesellschaft aber zu abstrakt und allgemein, als daß er sich mit ihr identifizieren könnte, denn sie erinnert ihn an seine Insignifikanz im Weltgeschehen. Gegen diese universelle Zeit hält der Dichter nun sein eigenes, subjektives Zeitkonzept, das bestimmte Augenblicke zu einer Ewigkeit ausdehnt, während es längere Zeitspannen zusammenrafft. Coetzee meint, daß dieses subjektive Zeitbewußtsein sowohl dem Dichter als auch dem Leser ein Gefühl der Allmacht vermittle, ohne daß er auf den Anteil des Unbewußten hinweist, wie Freud ihn in der Traumarbeit und im Witz herausgearbeitet hat.


1 Der Aufsatz wurde wieder in der folgenden Sammlung aufgenommen: J.M. Coetzee, „Time, Tense and Aspect in Kafka's 'The Burrow' .In: David Attwell (Hg.), Doubling the point: essays and interviews / J.M. Coetzee. Harvard University Press: Cambridge, Massachusetts/ London, England 1992, p. 210-232. Siehe auch das aufschlußreiche Interview David Attwells mit John Coetzee zum Kafka-Aufsatz. In: Ders., p. 197-209.

2 Ich möchte auf Peter Horns Aufsatz über John Coetzees Roman The Life and Times of Michael K. (1983) verweisen, der die Hintergründe für diese Entscheidung untersucht.

3 Vgl. Coetzee, Anm. 1, S. 221f.

4 Theodor W. Adorno, „Erpreßte Versöhnung" .In: Noten zur Literatur 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 179.

5 Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley (Hg.), Franz Kafka, Tagebücher. 1990 (Kritische Ausgabe, hrsg. v. Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley und Jost Schillemeit.) Deborah Harter kommentiert diese Tagebuchnotiz wie folgt: „For him there was the inner clock — keeping time while he was writing, governing a world obedient to its own laws, 'unberechenbar ..., freudig ...' (Jan. 27, 1922), — and an outer one, governing the slower, the 'human' world as he sometimes called it, a world which held a certain attraction for him but in which he felt awkward, ill-equipped, a foreigner. There was certainly no doubt for him which clock he would have to follow, but if he could have joined the two and held them together, if he could have made the one make sense beside the other, he would have done so." Deborah Harter, „The Artist on Trial: Kafka and Josefine, 'die Sängerin' .In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Bd. 61, Nr. 1-2, 1987, S. 153

6 siehe Anm. 1, S. 212

7 Pongratz, L.J. (Hg.), Klinische Psychologie (1. Halbband) in: Handbuch der Psychologie in 12 Bänden. H. Thomae (Hg.). Verlag für Psychologie/ Dr. C.J. Hogrefe. Göttingen, Toronto, Zürich 1977, S. 356.

8 ebd.

9 Hans Helmut Hiebel, Die Zeichen des Gesetzes. Recht und Macht bei Franz Kafka. München: Wilhelm Fink Verlag 1983, p. 55.

10 Peter Horn macht auf die Problematik dieses Begriffs aufmerksam: „Esquirol (J.E.D. Esquirol, Des maladies mentales. Paris: Baillière 1838, S.7) definierte Halluzinationen als „Bildern einen Körper und Wirklichkeit zuschreiben", die eine solche Wirklichkeit nicht haben. Halluzinieren ist „to be out of touch with reality", verrückt, wahnsinnig. In ihrem Eifer, die „Wirklichkeit" bestimmter religiöser, „abergläubischer" und „mystischer" Erfahrungen zu leugnen, haben bürgerliche Moralisten und aufklärerische Philosophen und Wissenschaftler sich allerdings bei der Begriffsbestimmung von „Halluzination" in eine logisch unhaltbare Position begeben. Der Begriff „Halluzination" setzt voraus, daß eine Person bestimmte Dinge „sieht", „Bilder", „Vorstellungen", von deren „Realität" sie subjektiv überzeugt ist, und daß eine andere Person ein Urteil fällt, daß die erste diesen „Bildern" fälschlicherweise einen Körper und eine „Realität" zugeschrieben hat, die ihnen nicht zukommt. Anders ausgedrückt lautet das Urteil der zweiten Person: Der Halluzinierende reagiert auf Stimuli, die nicht da sind. Dieses Urteil versetzt denjenigen, über den es ausgesprochen wird in eine Lage, in der es für ihn keine Verteidigung gibt. Der Halluzinierende kann keine Selbstdiagnose machen, denn sonst müßte er gleichzeitig behaupten, daß die Sinneseindrücke eine körperliche Realität sind und es nicht sind. Wenn er wirklich „halluziniert", dann ist er von der Realität der „Körper", die seine Sinneseindrücke veranlassen völlig überzeugt, ebenso überzeugt, wie derjenige, der nicht „halluziniert" von der Wirklichkeit seiner Sinneseindrücke. Für den Halluzinierenden ist es unmöglich zu sagen: „Ich halluziniere" .Welches Recht hat also derjenige, der nicht „halluziniert" an die „Wirklichkeit" seiner Sinneseindrücke zu glauben, wenn er nicht an die „Wirklichkeit" der anderen Sinneseindrücke eines Halluzinierenden glaubt?" Peter Horn, „Halluzinierte Vögel, oder Wann ist Paranoia literarisch? Zu E.T.A. Hoffmann, Robert Musil und Daniel Paul Schreber" .In: Acta Germanica, Beiheft 1: Kanonbildung - Psychoanalyse - Macht. 1990. Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 112.

11 Es ist interessant, wie Freud diesen Vergleich selbst als phantastisch abweist: „Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von ähnlich langer und reichhaltiger Vergangenheit, in dem also nichts, was einmal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben der letzten Entwicklungsphase auch alle früheren noch fortbestehen. [...] Es hat keinen Sinn, diese Phantasie weiter auszuspinnen, sie führt zu Unvorstellbarem, ja zu Absurdem. Wenn wir das historische Nacheinander räumlich darstellen wollen, kann es nur durch ein Nebeneinander im Raum geschehen; derselbe Raum verträgt nicht zweierlei Ausfüllung." Sigmund Freud, Abriss der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt a. M. und Hamburg: Fischer Bücherei 1963, S. 97f. Freud verweist damit auf die Begrenztheit der „anschaulichen Darstellung", wenn es um die „Eigentümlichkeiten des seelischen Lebens" gehe. (Ebd. S. 98f.) Nun tut die phantastische Erzählung Kafkas aber genau das: in ihr ist der Raum mit zweierlei ausgefüllt.

12 Die Paranoia weist nach Freud eine nahe Beziehung zur Dementia praecox auf. Freud verbindet die Dementia praecox mit der „Abkehr der Libido von der Außenwelt" und der „Regression zum Ich" .In der klinischen Psychiatrie wird die Paranoia zu den endogenen Störungen gezählt, die durch den Entzug der Libido von Objekten der Außenwelt aufs Innere des Ichs charakterisiert ist. Meines Erachtens weist das Tier aber auch akute Symptome der Angst- und Zwangsneurose auf, wie ich im folgenden nachzuweisen versuchen werde. Die Angstneurose wird nach Degkwitz wie folgt definiert: „Verschiedene Kombinationen körperlicher und psychischer Angstsymptome, die keiner realen Gefahr zuzuschreiben sind und entweder als Angstanfälle oder als Dauerzustand auftreten. Die Angst ist meistens diffus und kann sich bis zur Panik steigern. Andere neurotische Züge wie Zwangsphänomene oder hysterische Symptome können vorhanden sein, aber beherrschen nicht das klinische Erscheinungsbild." (Pongratz, Anm. 7, S. 345.) Pongratz et al. fahren fort, daß die Angstneurose sich von der 'Realangst' (Freud, 1948) bzw. Furcht durch ihren eher chronischen Charakter sowie das Fehlen einer für den außenstehenden Beobachter erkennbaren augenblicklichen oder in näherer Zukunft zu erwartenden echten Gefahr unterscheide. Im Falle einer tatsächlichen Gefährdung überschreitet die Angst das zu erwartende Ausmaß. Sie erscheint mithin dem Beobachter und häufig auch dem Betroffenen selbst 'irrational' .Im Gegensatz zur Phobie ist die Angst nicht an bestimmte Objekte oder Situationen gebunden. Eine strenge Trennung zwischen beiden Formen der 'neurotischen Angst' dürfte allerdings nicht möglich sein.

13 Sigmund Freud, „Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia." In: Gesammelte Werke. Bd. 8, London 1943, S. 299.

14 ebd.

15 ebd., S. 301

16 „In neopsychoanalytischen Theorien wird die Angst als Folge gestörter Sozialbeziehungen (z.B. Sullivan, 1953) und gesellschaftlicher Lebensformen (Fromm, 1945) interpretiert. Nach Sullivan (1953) drückt die Angst des Angstneurotikers eine Selbstwertkrise und eine tief verwurzelte Unsicherheit darüber aus, ob man von anderen Menschen akzeptiert wird. Portnoy (1959) betont gleichfalls die extreme Abhängigkeit des Angstneurotikers von seiner Umwelt, die starke Selbstentfremdung und das Gefühl mehr oder weniger permanenter Hilflosigkeit. Fischer (1970) gelangt bei seinem Versuch einer Synthese aus bekannten Angsttheorien zu dem Schluß, daß es zur frei-flottierenden Angst kommt, wenn das bisherige Ich-Umwelt-System zerbricht oder gefährdet erscheint. Hand in Hand mit einem starken Selbstwertverlust tritt ein Verlust des Vertrauens, die Umwelt und die gestellten Aufgaben bewältigen zu können, auf, und damit erscheinen nicht nur - wie bei der Phobie - bestimmte Situationen bedrohlich und gefährlich, sondern sehr weite Lebensbereiche." (Pongratz, siehe Anm. 7, S. 347) So äußert sich die Abhängigkeit von der Umwelt noch in der Isolation des Tiers in seinem Bau.

17 Vgl Coetzee (Anm. 1, S. 198f.): „No one who has really followed Kafka through his struggles with the time system of German can fail to be convinced that he had an intuition of an alternative time, a time cutting through the quotidian, on which it is as foolish to try to elaborate in English as in German. But Kafka at least hints that it is possible, for snatches, however brief, to think outside one's own language, perhaps to report back on what it is like to think outside language itself. Why should one want to think outside language? Would there be anything worth thinking there?"

18 Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß. Frankfurt am Main: Fischer 1966, S. 73

19 „Kafka's concern is with the experience of a breakdown of time, of the time-sense: one moment does not flow into the next—on the contrary, each moment has the threat or promise of being (not becoming) a timeless forever, unconnected to, ungenerated by, the past. One can choose to regard this as a symptom of psychological breakdown in the man Kafka, but only at the risk of dismissing as pathological every so-called mystical intuition." (Ebd., S. 203)